Weihnachtsansprache der Queen: Elisabeth und die Wichtel

Deutschland kriegt nur eine Weihnachtsansprache. Brexit-Großbritannien hat es da besser: Hier gab’s im TV gleich vier Reden zum Fest.

Die Queen, recht steif, zwischen Kamin und Familienfotos

Die Queen mal ohne Hut, aber mit Weihnachtsansprache Foto: rtr

Habe die Weihnachtsansprache des Bundespräsidenten gesehen, und jetzt ist mir flau im Magen. Nicht wegen des Inhalts. Oder weil in unserer WG eh grad was rumgeht. Sondern weil sich die Kamera so durchs Schloss Bellevue gedreht hat, dass einem ganz blümerant wurde. Vermutlich wollten sie’s mal dynamischer machen.

Ist ja auch verständlich. Die Säle und Flure hatten trotz Weihnachtsbaum was Leergeräumtes, wie ein deutsches Museum nach Ladenschluss. Steinmeier selbst war gut, wenn auch in Moll. Hat uns daran erinnert, dass wir Bürger*nnen diejenigen sind, die bestimmen, was wie läuft. „Sie entscheiden, ob die krassesten Parolen mit immer neuen Klicks belohnt werden“, hat er gesagt. Und nochmal drauf hingewiesen: „Was uns verbindet, ist keine Garantie!“ Es wird, findet er ganz richtig, auch nicht von „denen da oben“ angesagt, sondern muss debattiert, erstritten, gewollt und gemacht werden. Das geht auch. Denn Deutschland ist nun mal kein armes Land.

Höchstens bei Weihnachtsansprachen. Denn wir haben nur eine, die vom Bundespräsidenten. Die Kanzlerin kommt ja – wie die Wiener Philharmoniker – erst an Neujahr. Großbritannien hat es da besser: Hier gab’s Reden von gleich drei Weihnachtswichteln – und einer waschechten Königin.

Her Majesty war natürlich viel zu fein, den Brexit direkt zu erwähnen. Dafür war viel von früher die Rede: D-Day, Mondlandung, vor ihr stand denn auch ein Foto ihres Vaters. (Und keins von Prinz Andrew …) Immer, wenn die Queen sagte, dass aus alten Feinden Freund*innen werden können, war Angela Merkel im Bild. (Yes, die Ansprache der Queen kam dieses Jahr mit Einspielfilmchen!) Außerdem hat sie gesagt, dass sich 2019 ganz schön „bumpy“ anfühlte. Damit war natürlich die Spaltung des Königreichs in Sachen Brexit gemeint. Die müsse jetzt durch kleine Schritte überwunden werden, die viel wichtiger seien als markige Sprüche.

Johnson warnt vor Diskussionen

Für Letztere war Boris Johnson zuständig, der Krawatte trug, glorreiche Zeiten versprach, vor zu viel politischer Diskussion warnte und allen riet, sich mit Partnern und Verwandten an Weihnachten nicht zu viel zu streiten. Auch Noch-Labour-Chef Jeremy Corbyn durfte ran. Er schwurbelte verlässlich und ohne Krawatte von seiner besseren Welt.

Wie gut, dass der britische Sender Channel Four den ehemaligen Speaker John Bercow für seine alternative Christmas Message verpflichtet hatte. Bercow warnte wie Steinmeier vor „simple solutions for complex problems“ und davor, anders Denkende gleich als Verräter abzustempeln. Zum Schluss brüllte er mit den Kindern einer Londoner Gesamtschule sein berühmtes „Order“ und wünschte „a fun-filled Christmas“. Denn wenn wir mal ehrlich sind: Ohne Spaß ist alles Schrott. Mal sehen, ob uns Merkel an Neujahr zum Lachen bringt.

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2000-2012 Medienredakteur der taz, dann Redakteur bei "ZAPP" (NDR), Leiter des Grimme-Preises, 2016/17 Sprecher der ARD-Vorsitzenden Karola Wille, seit 2018 freier Autor, u.a. beim MDR Medienportal MEDIEN360G

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