Weihnachten zur Wendezeit: Krisen gehen vorüber

Weihnachten 1990 war für besonders für Ostdeutsche ein ambivalentes. Doch die Krise nach der Wende machte die Menschen auch klüger.

In einem Müllcontainer liegt das offizielle Portrait von Erich Honnecker

Ostberlin 1990, Erich Honeckers Portrait landete im Müll, und die DDR bewegte sich auf ihr Ende zu Foto: Pierre Adenis

Vor dreißig Jahren versammelten wir uns am Weihnachtsabend in unserem Ostberliner Elternhaus. Es gab Gulasch und böhmische Knödel, das war's aber auch schon mit der Normalität. Meine beiden Geschwister kamen mit ihren PartnerInnen und den vier Kindern, ich mit meiner gerade ein Jahr alten Tochter. Meine Mutter und mein Vater waren nun endgültig arbeitslos.

Das Jahr 1990 war erschöpfend gewesen. Das Land, das wir gekannt hatten, hatte sich abgeschafft und abschaffen lassen. Die Arbeitsstellen meiner Geschwister – ein Verlag, ein Außenhandelsunternehmen – waren unnötig geworden. Mein einst heiß begehrtes Studium – Werbung! in der DDR!! – galt plötzlich als Quatsch mit Sauce. Und als geschiedene Studentin waren das Kind und ich im neuen Land plötzlich soziale Problemfälle. Gut, dass wir an diesem 24. Dezember 1990 noch nicht wussten, dass unsere schlauen und fleißigen Eltern nie wieder Arbeit finden würden.

Warum ich das erzähle? Weil ich etwas Wichtiges gelernt habe in jener Zeit, die wir heute Wende nennen. Etwas, was ich jetzt in der Coro­na­krise gut gebrauchen kann. Zum einen, dass Krisenerfahrungen klügere Menschen aus uns machen. Dass sie den Blick schärfen für das Wesentliche.

Und dass aus der Scheiß­erfahrung Schlüsse gezogen werden dürfen für das, was wir Zukunft nennen. Die Angst macht uns vorsichtiger, die Sorge mitfühlender, die Erfahrung klüger. Das ist doch immerhin etwas. Zum anderen: Aus Krisen entsteht etwas Neues (nicht immer Besseres, aber immerhin).

Jammern gehört dazu

Denn so sorgenvoll dieser Weihnachtsabend vor dreißig Jahren gewesen sein mag – keineR aus unserer Familie würde heute behaupten, seither ein Scheißleben geführt zu haben. Ich zum Beispiel habe einen Beruf gefunden, der mich glücklich macht. Ich habe eine Liebe gefunden, die ich nie getroffen hätte. Ich habe Länder bereist, die für meine Augen nicht vorgesehen waren.

Und, das ist vielleicht das Wichtigste, ich habe irgendwann begriffen, dass jede Krise endet. Wirklich jede. Auch meine Eltern, für die dieses wiedervereinigte Land keine Verwendung zu haben meinte, haben sich nicht abweisen lassen. Sie haben sich politisch eingebracht und können sagen, ein wirklich interessantes, erfülltes Leben gelebt zu haben.

Über so was denke ich gerade nach. Ja, Jammern gehört dazu. Ein gepflegter Kummer von Zeit zu Zeit ist be- und entlastend zugleich. Wir Ostdeutsche haben daraus bekanntlich gleich eine komplette Kultur geformt. Wir haben eben tatsächlich lernen müssen, was so eine Krise mit jedem und jeder anstellt. Aber wir haben eben auch erfahren, wie Dinge sich zum Guten entwickeln können, von denen wir meinten, sie nie überwinden zu können.

An diesem Weihnachtsabend, dreißig Jahre später, werden wir uns eine Stunde in der Kälte treffen. Meine Eltern und wir „Kinder“ werden einander in die Augen blicken und uns freuen, einander zu haben. Alles andere kommt erfahrungsgemäß nicht in Frage.

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1965, ist taz-Parlamentsredakteurin. Sie berichtet vor allem über die Unionsparteien und die Bundeskanzlerin.

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