Website „Wiebkes Wirre Welt“: Preisgekrönte Schwurblerprävention

Die interaktive Website „Wiebkes Wirre Welt“ informiert über Verschwörungstheorien. Sie funktioniert als Mischung aus Spiel und Lerninhalten.

Ein Zimmer mit Sofa und Schreibtisch. Auf dem Sofa sitzt ein junger Mann, am Schreibtisch sitzt eine junge Frau.

Tief im Internet-Keller: Screenshot der Website „Wiebkes Wirre Welt“ Foto: Kubikfoto Studios

Zuerst ist Wiebke bloß neugierig und ein bisschen misstrauisch. Sie starrt auf einen ihrer Bildschirme, tippt, liest, tippt wieder. Plötzlich bleiben ihre Augen an dem kleinen Fenster hängen, an unseren Augen: Wir beobachten sie aus ihrer eigenen Kamera heraus. Wiebke. „Scheiße“, sagt Wiebke panisch, „die ist ja an“, und deckt das Fenster ab. Erwischt!

„Wiebkes Wirre Welt“ ist ein Online-Lernraum, der über Verschwörungstheorien aufklären soll, vor allem Jugendliche. Online-Lernraum bedeutet, dass „Wiebkes Wirre Welt“ (WWW) eine Mischung ist aus Computerspiel und Informationssammlung. Die Spie­le­r*in­nen müssen Wiebke radikalisieren, indem sie ihr über den Computer immer neue Verschwörungstheorien ins Hirn schicken. Ist das geschafft, können sie sich selbst weiter informieren. Hinter Feldern auf dem Bildschirm lernen sie zum Beispiel, welche Merkmale Verschwörungstheorien haben oder hören im Interview mit einem Sektenbeauftragten Tipps, wie man mit Menschen umgeht, die sich im Internet radikalisieren.

Kubikfoto Studios aus dem niedersächsischen Stuhr und die Baff-Filmproduktion aus Bremen haben WWW gemeinsam konzipiert, unterstützt von Ex­per­t*in­nen wie der Sozialpsychologin Pia Lamberty, der Rechtsextremismus­kennerin Andrea Röpke und von Mit­ar­bei­te­r*in­nen einer Initiative für politische Bildung im Netz namens „Achtsegel“. Die Bundeszentrale für politische Bildung hat das Projekt finanziell gefördert. Für WWW hat das Thema gerade den Corona-Sonderpreis des Deutschen Digital Awards gewonnen.

Wiebke hat keine Chance gegen uns. Nachdem sie eine ihrer Kameras abgedeckt hat, sind wir einfach zur nächsten gesprungen. Ihre Welt ist bloß ein Kellerzimmer. Drei Bildschirme hängen als schräg gebaute Fenster an der Wand vor ihr. Ein paar Pizzakartons und Bierflaschen liegen herum und auf dem Sessel in der Ecke ein Freund. Die Stimme flüstert, dass wir uns beeilen sollen. Sie muss die Mondlandung bezweifeln. Wenn sie das erst einmal glaubt, können wir ihr fast alles einreden.

Holger Weber, Mitentwickler von „Wiebkes Wirre Welt“

„Politische Bildung brauchen auch Leute über 60, die vielleicht noch mehr“

Wiebkes Keller ist die perfekte Visualisierung des Ortes, an dem sich Menschen über das Internet radikalisieren: Die Zeit rast in dunklen Schlieren vorbei, die Luft ist stickig. Die Ma­che­r*in­nen hinter WWW haben sich für ein Bild digitaler Welten entschieden, das allerdings einige von deren Eigenschaften ausklammert: dass es Spaß macht, sich darin zu bewegen, zum Beispiel. Der digitale Lernraum, sagt Holger Weber von Kubikfoto, sei eben „kompakter als die Realität“.

Das Kellerzimmer als visuelle Abkürzung für Internet-Abhängigkeit – richtig neu ist die Idee nicht: In ihrem frisch veröffentlichten Roman „No One is Talking About This“ zeigt Patricia Lockwood Social Media als Portal, hinter dem keine Etiketten am Körper kratzen und Bilder schwerelos vorbeifließen. Die US-amerikanische Autorin bringt mit diesem Bild etwas auf den Punkt, das in Diskussionen um Social Media und Verschwörungstheorien oft verloren geht: Das Internet macht nicht nur unglücklich. Nur wer auch seine merkwürdige, gemeinschaftliche Schönheit sieht, wird diese Dinge angemessen nachvollziehen können.

Geschafft – Wiebke ist fanatisch. Sie glaubt jetzt, dass Aliens als Echsenmenschen in den Körpern von Po­li­ti­ke­r*in­nen leben. Daran, dass ein Insider aus der US-Regierung, der sich Q nennt, über Messageboards verschlüsselt brisanteste Informationen weitergibt. Ein paar Klicks haben gereicht, jetzt hämmert Wiebke nur noch stumpfsinnig in die Tasten. Auf einem ihrer Bildschirme macht Attila Hildmanns Gesicht Sprünge nach oben.

WWW erzählt von Wiebkes Radikalisierung, indem er Verschwörungstheorien als rutschige Ebene darstellt. Aber Wiebke hat in dieser Welt schon von Anfang an ein Problem: Ihr Freund macht sich bloß über sie lustig, ihre Mutter schreit von oben herunter, dass Wiebke nicht so viel Zeit am Computer verbringen soll – auch die Umstände sorgen für ihre Radikalisierung. Wer „Wiebkes Wirre Welt“ betritt, ist danach belustigt und ein bisschen traurig; ein bisschen wie im echten Leben, nur eben ohne die Anstrengung, jemandem wie Wiebke tatsächlich nahe zu sein. Das Spiel ist ziemlich realistisch, ohne zu dramatisch zu sein. Weber sagt, dass niemand im echten Leben so eine verrückte Person kenne – aber das stimmt natürlich nicht.

Unerwartete Perspektive

„Agent 13, läuft bei dir“, sagt eine Stimme in unser Ohr, „jetzt müssen die Profis ran.“ Wiebke ist gerade aus dem Zimmer gerannt, nachdem es oben geklingelt hat. Von der Treppe her hören wir Tumult. Die Tür zum Keller öffnet sich, zwei Männer in Anzügen und mit Sonnenbrillen kommen herein. Sie schauen sich um, sprühen etwas in die Luft, entdecken uns – kurz ist alles schwarz. Nun ist Wiebkes Keller auf einem Bildschirm zu sehen. Davor sitzen zwei Männer und eine Frau. „Aber das ist doch eine Verschwörung“, meckert der eine, „ihr könnt doch nicht mit einer Verschwörungstheorie über Verschwörungstheorien aufklären.“ Hinter ihnen sehen wir auf einmal wieder die grauen Herren. Wir sind wieder ich, und ich bin verwirrt.

Weber sagt, dass sich das Team früh gefragt habe, welche Perspektive auf das Thema Verschwörungsglaube das Spiel haben soll. „Wir haben uns überlegt, wie wir Jugendliche für so was begeistern können“, sagt auch Sebastian Heidelberger von Baff Filmproduktion, und dass Jugendliche einfach gern „den Bösen spielen“ würden. Nut­ze­r*in­nen blieben durchschnittlich zwölf Minuten auf der WWW-Seite, sagt Weber, und er klärt das damit, dass sie selbst mitverschwören könnten.

Für den Unterricht sei das super, sagt Uta Brammer, Fachreferentin in der Stabsstelle Digitalisierung der Behörde für Kinder und Bildung in Bremen. „Davon können Schülerinnen und Schüler auf jeden Fall was lernen, wenn es richtig in den Unterrichtskontext eingebettet ist.“ Brammer hält WWW für einen guten Anlass, um im Unterricht über Verschwörungstheorien zu sprechen. Auch die unerwartete Perspektive, also dass die Schü­le­r*in­nen Wiebke radikalisieren sollen, trage dazu bei.

Eigentlich ist es merkwürdig, dass sich das Angebot vor allem an Jugendliche richtet – das sagt auch Weber, der selbst zwei jugendliche Söhne hat: „Ja, politische Bildung brauchen auch Leute über 60, die vielleicht noch mehr.“ Das Projekt sei auch nicht ausschließlich für Jugendliche, aber dort sei der Bedarf an Online-Angeboten während der Coronapandemie einfach gestiegen. Es sei gut, dass es solche Angebote gebe, so Brammer: „Ein Arbeitsblatt kann ich alleine zu Hause am Schreibtisch erstellen, so was nicht.“

Der Online-Lernraum verzerrt die Realität auf die Art, wie es Bildungsangebote meistens tun. Das ist okay – solange es nicht dazu führt, dass missverstanden wird, was die Anziehungskraft von Verschwörungstheorien und überhaupt der digitalen Welten ist: Wiebke sitzt nicht nur mit ihrem furchtbaren Freund im Keller, sie ist durchs Portal – an einem Ort, den Jugendliche wohl am besten kennen.

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Wir würden Ihnen hier gerne einen externen Inhalt zeigen. Sie entscheiden, ob sie dieses Element auch sehen wollen.

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de