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„Washington Post“ bei OlympiaOb meine Zeitung kein Jobangebot für ihn habe

Im Einzelbüro der „Washington Post“ im Main Media Centre in Mailand sitzt einsam der Sportjournalist Les Carpenter. Auch er ist entlassen worden.

Das Main Media Centre in Mailand – hier trifft man auf Journalisten aus aller Welt Foto: IMAGO / SNA

A llzu viel ist meistens nicht los im Arbeitsraum des Main Media Centre in Mailand, einer riesigen Sichtbetonburg, die sich selbst als „largest convention centre in Europe“ bezeichnet. Im großen Arbeitsraum für die schreibenden Journalistinnen ist an diesem Vormittag vielleicht jeder zehnte Arbeitsplatz besetzt.

Aber da sind ja noch die Einzelbüros, die sich die ganz großen Sportmedien und Nachrichtenagenturen gemietet haben. Vielleicht ist da mehr los, frage ich mich, während ich an den Türen von Sports Illustrated, der New York Times oder der Agentur AFP vorbeigehe. Moment! Stand da nicht „Washington Post“?

Auch die Zeitung, deren Eigentümer Jeff Bezos gerade einen Haufen ihrer wichtigsten Redakteure entlassen hat, hatte sich in Mailand noch ein Einzelbüro gemietet. Mal reinschauen? Sechs Schreibtische stehen drin. Fünf sind unbesetzt. An einem sitzt Les Carpenter und begrüßt mich freundlich. Ja, auch er gehöre zu den Entlassenen. Als er 2018 zur Post gekommen ist, war er schon einer der Renommiertesten unserer Zunft. Geholfen hat es ihm nicht.

Die Nachricht vom Rausschmiss habe ihn erreicht, als er schon in Mailand war. „Wir haben die beste Sportberichterstattung in den USA gemacht“, sagt er und wirkt ratlos. Und überhaupt, sie hätten Maßstäbe gesetzt bei der Washington Post. Alle Mittel hätten sie gehabt, die besten Rechercheure, die besten Redakteure und die besten Autoren, und doch habe sich das nicht gerechnet.

Flucht in den Galgenhumor

Die Entlassungsorgie sei eine Businessentscheidung gewesen, sagt er, um der Frage nach der politischen Bedeutung der Umwälzungen im Blatt auszuweichen. Irgendwie ist er seinem Arbeitgeber immer noch treu. Wie lange er noch angestellt ist, weiß er nicht genau. Bis April vielleicht.

Wahrscheinlich muss er aber sein Büro schon räumen, wenn er nach den Spielen nach Washington zurückkehrt. Ob meine Zeitung kein Jobangebot für ihn habe. Sechsstellig soll das Gehalt schon sein, sagt er mit einem Grinsen im Gesicht. Ich sage ihm lieber nicht, was er bei der taz verdienen würde.

Carpenter flüchtet sich in Galgenhumor. Vielleicht bleibe er ja einfach in Mailand, bleibe an seinem Tisch und beobachte, was um ihn herum geschieht. Irgendwelche Messen und Kongresse über irgendwas – und er mittendrin. Dann schreibt er weiter.

In der ersten Woche macht er viel über Eiskunstlauf. Über Alysia Liu zum Beispiel, die beinahe ihren ersten Wettkampf verpasst hätte, weil ihr Bus angehalten wurde, damit die elend lange Kolonne des US-Vizepräsidenten J. D. Vance freie Fahrt hat.

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Andreas Rüttenauer
Sport, dies und das
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