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Vor einem Jahr entschied die Mehrheit der Hamburger Wahlberechtigten: Die Stadt soll schon 2040 klimaneutral sein. Damit das gelingen kann, muss das städtische Fernwärmenetz massiv ausgebaut werden

Aus Hamburg André Zuschlag (Text) und Daniel Chatard (Fotos)

Ein paar Zentimeter überdeckt der Sand schon die zwei dicken, schwarzen Rohre. Zwar geht es hier nur um eine Länge von drei oder vier Metern, aber sechs Männer stehen da in gelber Weste einige Meter tief und arbeiten sich beim Verfüllen der offenen Baugrube langsam voran. Rund 200 Meter fehlen hier noch in diesem Abschnitt. Bis Ende Oktober soll der Straßenbelag wieder rauf können und dann ist die Osterstraße im Hamburger Stadtteil Eimsbüttel endlich wieder frei – nach mehr als zwei Jahren.

Baustellen wie diese gibt es zwar schon seit ein paar Jahren in der ganzen Stadt – doch muss sich das in den kommenden Jahren noch massiv ausweiten. Muss, weil: Vor einem Jahr, am 12. Oktober 2025, hat die Mehrheit der rund 1,3 Millionen Wahlberechtigten beim „Hamburger Zukunftsentscheid“ dafür gestimmt, dass die Stadt bereits 2040 klimaneutral zu sein hat. Nun gilt ein bundesweit einmalig strenges Klimaschutzgesetz, das die Hamburger Politik zwingt, in allen Bereichen dafür zu sorgen, den CO2-Ausstoß Stück für Stück schon bis 2040 gen null zu führen.

Den beiden schwarzen Rohren mit einem Durchmesser von etwa einem Meter kommt dabei eine entscheidende Aufgabe zu: Durch eines soll bald mindestens 90 Grad heißes Wasser fließen zu Häusern und Wohnungen, die bisher noch mit Gas oder Öl beheizt werden. „Fernwärme ist eigentlich eine ganz einfache Technik“, sagt Hendrik Bergmann. „Wir machen Wasser warm, verteilen es durch das eine Rohr, dem so genannten Vorlauf, zu den Fernwärmekunden – und nach Übertragung der Wärme an die Kundenanlage fließt es durchs andere Rohr, dem so genannten Rücklauf, wieder zu uns zurück, wo wir es von Neuem aufwärmen.“

Bergmann ist bei den Hamburger Energiewerken (HEnW) für das Fernwärmenetz zuständig. Rund 230 Mit­ar­bei­te­r:in­nen sind bei den HEnW für den Betrieb des rund 900 Kilometer langen Wärmenetzes zuständig. Doch das städtische Unternehmen wandele sich gerade massiv: „Wir sind bisher nicht als Unternehmen wahrgenommen worden, das umfangreiche Baumaßnahmen in Hamburgs Straßen durchführt. Das hat sich nun geändert“, sagt Bergmann. Rund 13.000 Gebäude sind schon an das Netz angeschlossen. Ein Großteil davon sind mehrgeschossige Häuserblocks, sodass insgesamt mehr als 260.000 Wohnungen Wärme aus der Ferne erhalten.

Lange wuchs die Zahl der Anschlüsse nur im moderaten Tempo, indem entlang der bereits verlegten Hauptleitungen angrenzende Häuser ans Netz angeschlossen wurden. „Früher hatten wir etwa 150 Hausanschlüsse pro Jahr neu gebaut, jetzt gehen wir hoch auf dauerhaft 400 pro Jahr“, sagt Bergmann. Bis Ende des Jahrzehnts wollen die HEnW rund 3,5 Milliarden Euro in die Wärmewende investiert haben. Ganze Quartiere sollen neu erschlossen werden. Derzeit wird noch rund ein Drittel des Hamburger Wärmebedarfs mit Fernwärme gedeckt, bis 2040 sollen es knapp 60 Prozent sein. Seitdem die Stadt im Frühjahr ihre kommunale Wärmeplanung vorstellte, können die Ham­bur­ge­r:in­nen auf interaktiven Karten nachsehen, ob ihr Standort dafür vorgesehen ist.

Geht es um die Wärmewende, ploppt in den Diskussionen meist die Wärmepumpe als zentraler Hebel für das Gelingen auf. Auf dem Land, in Einfamilienhäusern wird es auch für alle darauf hinauslaufen, die sich, auch aus Kostengründen, von Gas und Öl verabschieden wollen. Das gelte, sagt Bergmann, auch für Hamburgs Stadtränder, wo es mitunter schon fast dörflich wird (siehe „Wieder mal die Wärmepumpe“). „Fernwärme ist eine Infrastruktur, die – anders als Strom und Wasser – niemals das gesamte Stadtgebiet abbilden wird“, sagt Bergmann. Da, wo nur wenige Abnehmer infrage kommen, lohne sich Fernwärme nicht. Doch je weiter es ins Stadtzentrum geht, je höher die Bevölkerungsdichte ist bis hin zu mehr als 10.000 Ham­bur­ge­r:in­nen pro Quadratkilometer, desto sinnvoller ist der Ausbau des Netzes.

Fast die gesamte Osterstraße mit seinen hippen Boutiquen, Bioläden, Fachgeschäften und Cafés wurde deshalb mittig aufgerissen. Das sorgte vor allem im laufenden Jahr für eine Menge Frust: Eigentlich sollten die Arbeiten schon vergangenes Jahr abgeschlossen sein, doch verzögerte sich das wegen Problemen bei den Bauarbeiten immer wieder. Die Vollsperrung der Straße nahm kein Ende, Busse mussten umgeleitet, Rad­fah­re­r:in­nen sich den wenigen, verbliebenen Platz mit Fuß­gän­ge­r:in­nen teilen. Mindestens sechs Geschäfte haben ihren Betrieb wegen der langen Bauarbeiten aufgeben müssen, berichtete kürzlich der NDR. Auch die übrigen Geschäfte beklagten massive Umsatzeinbußen.

Auf Frust müssen sich viele weitere Ham­bur­ge­r:in­nen gefasst machen. Die hier verlegten Rohre sind Teil einer sogenannten „Spange“, also einer größeren Trasse, die vom bestehenden Netz abzweigt, um neue Viertel zu erschließen – nach der Osterstraße geht es noch Richtung Osten weiter. Und weitere Spangen sind teilweise auch schon in Angriff genommen, etwa hoch gen Norden in Richtung Flughafen. „Hamburg ist keine Regentenstadt wie München oder Berlin“, sagt Bergmann. Statt großzügiger breiter Straßen sei in der Kaufmannsstadt nun mal in den vergangenen Jahrhunderten eher eng gebaut worden, da komme man um komplette Straßensperrungen kaum umhin. Und: „Wenn man in Hamburgs Straßen in den Boden baggert, weiß man nie so ganz genau, was einen erwartet.“ Nicht in Plänen verzeichnete Leitungen, Fundamente und tonnenweise alte Straßenbahnschienen seien etwa unter der Osterstraße entdeckt worden.

An diesem umständlichen Ausbau kommt Hamburg allerdings kaum vorbei. Aktuell sind es noch immer rund 12 Millionen Tonnen CO2, die die Stadt jährlich ausstößt. Es waren mal deutlich mehr, über 20 Millionen Tonnen im Jahr 1990. Doch muss der Rückgang nun deutlich beschleunigt werden. Das durch den Volksentscheid erlassene Klimaschutzgesetz gibt einen jährlichen Rückgang vor, der etwa für das Jahr 2030 festhält, dass dann nur noch 6 Millionen Tonnen ausgestoßen werden dürfen – halb so viel wie derzeit. Rund ein Viertel der Emissionen entfällt derzeit allein auf die Wärmeversorgung von Haushalten. Zusammen mit der gelieferten Wärme für die Industrie sind es insgesamt rund 40 Prozent der Emissionen.

Ob es mit der Klimaneutralität bis 2040 klappt, dem versuchen weite Teile der Hamburger Politik mit Skepsis zu begegnen. Die CDU hält es für unmöglich und will den Volksentscheid einfach durchs Parlament wieder rückgängig machen; die SPD zeigt sich auch ziemlich skeptisch – und die Grünen sind zwar weiter für dieses ambitionierte Klimaziel, nutzen seither aber jede passende Gelegenheit, um darauf hinzuweisen, dass Hamburg die Klimaneutralität in vielen Bereichen nicht allein beeinflussen könne und man ja abhängig von Entscheidungen auf Bundes- und Europaebene sei.

Fernwärme ist eigentlich eine ganz einfache Technik

Hendrik Bergmann, Hamburger Energiewerke

Tatsächlich kann Hamburg als Bundesland keine Verbrenner-Autos aus der Stadt verbannen, um den Verkehr klimaneutral zu machen. Oder dafür sorgen, dass nur noch Strom aus Erneuerbaren durch das städtische Netz fließt. Oder der Industrie Grenzen beim Ausstoß von CO2 setzen.

Dank eines schon mehr als ein Jahrzehnt zurückliegenden Volksentscheids aber kann die Landespolitik Einfluss auf die Dekarbonisierung eines beträchtlichen Anteils der Wärmeversorgung nehmen. Das Wärmenetz war mal privatisiert worden, doch die Mehrheit der Hamburger Wahlberechtigten stimmte 2013 für einen Rückkauf. Durch die Rekommunalisierung können SPD und Grüne, die in Hamburg seit 2015 zusammen regieren, Einfluss nehmen.

Das heißt aber nicht, dass Haus­ei­gen­tü­me­r:in­nen verpflichtet werden können, ihr Haus ans Wärmenetz anzuschließen. „Der Kunde entscheidet“, sagt Bergmann. Für den ist die Fernwärme eine teure Option – im direkten Betriebskostenvergleich ist sie teurer als Erdgas. Erst im vergangenen Jahr kündigten die HEnW eine deutliche Preiserhöhung für ihre Kun­d:in­nen an.

Die Mehrheit der Hamburger Wohnhäuser ist an das Gasnetz angeschlossen und befeuert damit die Heizungen. Hamburgs Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD) sprach kürzlich erstmals deutlich aus, wie dessen Zukunft angesichts der Klimaziele aussehen wird: „Das Gasnetz wird sicher irgendwann abgeschaltet“, sagte er dem Hamburger Abendblatt. Alle ans Gasnetz angeschlossenen Ei­gen­tü­me­r:in­nen sollten sich also halbwegs schleunigst darum kümmern, womit sie das Gas ersetzen. Denn nicht nur aufgrund der steigenden CO2-Bepreisung von Erdgas werden die Kosten schon vor 2040 steigen: Wenn immer mehr Haus­be­sit­ze­r:in­nen zur Wärmepumpe oder zum Anschluss ans Fernwärmenetz wechseln, verteilen sich die festen sogenannten Netzentgelte auf immer weniger Kund:innen.

Dass sich das Netz immer weiter unter der Stadt ausbreitet, heißt allerdings noch nicht automatisch, dass es dem Klima dienlich ist. Die Wärme muss auch noch klimaneutral hergestellt werden. „2030 sind wir raus aus der Steinkohle“, sagt Bergmann. Kommendes Jahr geht zuerst das Kraftwerk Wedel vom Netz, in vier Jahren dann soll keine Wärme mehr im Kraftwerk Tiefstack durch Steinkohle erzeugt werden. Stattdessen soll das heiße Wasser, das durch die schwarzen Rohre unter der Stadt zu den Hunderttausenden Wohnungen fließt, an vielen Orten und auf viele Weisen zumindest überwiegend klimaneutral erzeugt werden: Durch Flusswasserwärmepumpen, durch die Nutzung von Abwärme aus der Industrie im Hafen oder von Müllverbrennungsanlagen soll das gelingen.

Das heiße Wasser etwa, das bald unter der Osterstraße in die Wohnungen fließen soll, wird einige Kilometer entfernt erhitzt: im „Energiepark Hafen“. Dort wird unter anderem Abwasser des benachbarten Klärwerks als bislang ungenutzte Energiequelle zur Erhitzung der Fernwärme genutzt. Mehrere Verteilerpumpen und eine dicke, dämmende Ummantelung der Rohre sorgen dann dafür, dass das Wasser auf seinem langen Weg unter der Elbe bis nach Eimsbüttel fließt und heiß bleibt.

Herr Bergmann, also klappt das mit der Klimaneutralität – zumindest was die Wärmewende angeht durch den Ausbau der Fernwärme? „Ja, das wird funktionieren.“ Allerdings könnte es mit dem Jahr 2040 eng werden. „Was wir bis heute aufgebaut haben, hat 130 Jahre gedauert“, sagt Hendrik Bergmann. Mit dem Hamburger Rathaus wurde 1887 das erste Gebäude versorgt. „Jetzt haben wir noch 14 Jahre Zeit, unsere Ziele zu erreichen.“ Das sei ein Spannungsfeld.