Was der Kultur im Netz verloren geht: Hört auf zu streamen!

Die Virtuosen des Analogen stürzen sich jetzt ins Netz. Warum digitale Parallelaktionen die Künste nicht retten und Ausbeutung vorantreiben.

Zwei Damen, zwei Herren, singen vor einer Bücherwand.

Die Familie von Wu Lingyun performte Anfang März im Stream eine Jin Oper in Chinas Provinz Shanxi Foto: imago images / Xinhua

Alle leiden derzeit unter der sozialen Distanzierung. In der Not entdecken die Virtuos*innen des analogen Fachs nun das Internet, dem sanitätspolizeiliche Verfügungen nichts anhaben können. Bildende Künstler*innen stellen ihre Arbeiten „virtuell“ aus, Museen liefern die Bilddatei des Tages samt schulmäßigem Interpretationstext, freie Theatergruppen laden geschwind die dokumentierenden Aufzeichnungen vergangener Pro­duk­tio­nen hoch. Es wird gestreamt, bis die Router in die Knie gehen. Die Plattform Nachtkritik schafft sich die Ereignisse und den Diskussionsstoff einfach selbst über ihr Strea­ming­an­ge­bot.

Beobachtet eigentlich jemand, was aus der ganzen schönen Kunst wird, wenn sie in die Körperlosigkeit des digitalen Vakuums entweicht? Was sind ihre Werke ohne den „Schmutz“ der Materialien, was ist darstellende Kunst ohne die körperliche Präsenz von Akteur*innen und Publikum? Das ist keine analoge Nostalgie, sondern die Frage nach dem materiellen Sub­strat, das von der Kunst nicht abzutrennen ist, ohne das nichts Form wird, sondern nur die beliebige Reihung zufälliger Gedanken. Was auf den Begriff gebracht und klar kommuniziert werden kann, ist die ganze Mühe und den Ärger mit der Kunst nicht wert.

Das heißt nicht, dass man vorhandene technische Mittel nicht nutzen soll. Es geht um einen reflexiven Gebrauch, der Medien nicht einfach verwendet, sondern als Material begreift. Als eines, das Inhalte nicht nur transportiert, sondern auch transformiert. Medien haben eigene Spielregeln und auch eine Botschaft – sich selbst.

Das Tagwerk wird zum Statement

Zu den wenigen interessanten Krisenreaktionen gehören die Twitter-Hauskonzerte des Pianisten Igor Levit. Er sitzt in Jeans und Turnschuhen hinterm Flügel und spielt Stücke zu Übungszwecken, wie er es acht bis zehn Stunden täglich ohnehin tut. Das Tagwerk des Künstlers wird zum Statement. Man verfolgt mit intellektuellem Vergnügen die Musik und seine Spielweise, aber Wohlklang als Substitutionsdroge gegen den Lagerkoller will sich nicht einstellen. Die vorsintflutliche Klangqualität des Mediums weist immerzu auf sich selbst zurück, es verbindet und trennt zugleich.

Man kann eine Weile für die Schublade schreiben oder malen, aber nicht nur darstellende Künstler*innen sind schon während der Produktion auf soziale Interaktion angewiesen, die nicht ins Homeoffice verschoben werden kann. Man stelle sich eine Ensembleprobe per Videokonferenz vor. Wie soll man etwa gesprochene Sprache chorisch oder dialogisch sinnvoll und reproduzierbar ordnen, wie sich mit Choreografie befassen, wenn man aufs iPad schielt?

Angst vor der Marktbereinigung

Künstler*innen sind derzeit tatsächlich doppelt gebremst – in dem, was sie zu sagen haben, und darin, mit ihrer Arbeit herauszufinden, was überhaupt zu sagen wäre. Viele treibt pure Panik dazu, sich im Wettbewerb einer Aufmerksamkeitsökonomie hinten anzustellen. Sie haben den frommen Wunsch, in Erinnerung zu bleiben und die Marktanteile aus Vorkrisenzeiten später wieder einzunehmen. Der Kleinunternehmerinstinkt, den viele Künstler*innen in der Hetze von Projekt zu Projekt geschärft haben, fürchtet zu Recht jene Marktbereinigung, die libertäre Ideologen in den Stahlgewittern der Krise für die Gesamtwirtschaft erhoffen.

Krise aber war schon vorher da. Bis auf ein paar Happy Few nimmt die überwiegende Zahl der Künstler*innen seit den 1990er Jahren an einem gigantischen Feldversuch über die Zukunft der Arbeit teil. Das Experiment mit flexibleren Formen des Wirtschaftens könnte inte­res­sant sein, wäre es nicht über weite Strecken mit den Zumutungen des Prekariats verbunden.

Der Text ist ein gekürzter Nachdruck aus dem Wiener „Falter“.

Was aber treibt Geschädigte der Gig-Ökonomie dazu, ihr Heil in weiteren Gigs zu suchen? Digitale Plattformen sind weder egalitär noch wertneutral, sie entwickeln eine Tendenz zur Monopolisierung ihrer Märkte, sind ihrem Content gegenüber indifferent, solange er ihnen nicht ausgeht, und sie treiben die Ausbeutung des produktiven Vermögens der Arbeitenden nur noch weiter. Wenn jetzt Plattformen für digitales Theater Künstler*innen anbieten, zu einer Art von künstlerischen Uber-Fahrern zu werden, sollte man sie ebenso verklagen wie die Taxibranche aller Länder das kalifornische Unternehmen.

Kunst ist zwangsläufig eine Ware. Aber sie geht in der Warenform nicht vollständig auf, irgendetwas spießt sich daran immer. Kunst, Theater und Tanz sind gerade nicht jederzeit verfügbar und universell tauschbar. Sie schaffen Situationen außerhalb des Alltags, in denen sie nicht alltägliche und bisweilen verstörende Erfahrungen provozieren. Sie unterbrechen Kommunikation und das geschäftige Treiben der Öffentlichkeit und stellen ihr Rätsel. Sie halten die Welt an.

Das mit dem Weltanhalten hat jetzt in ungeahnt brutaler Weise die Pandemie übernommen und lässt die Kunst doppelt verstört zurück. Dass Theater und Museen geschlossen sind, muss schmerzen, sonst gäbe es keinen Grund, sie wieder aufzusperren. Wer nicht schweigen kann, hat auch für nachher nicht wirklich etwas zu sagen.

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