Herausforderung für die Kunst: Kreativität in der Isolation

Ist es nicht ein Gewinn, wenn sich neue Formate für Theater und Kunst im Netz entwickeln werden? Auch wenn sie dabei noch am Anfang stehen.

Eine sehr symmetrische Anordnung von Tänzerinnen in weißen Tutus vor großer Kulisse.

Noch kein neues Format: „Schwanensee“ im Online-Angebot des Bolschoi Theaters in Moskau Foto: Damir Yusupov/dpa/Bolschoi Theater

Auf den Rausch der Zusammenkunft im Theater und das gemeinsame sinnliche Erleben wird man womöglich noch bis zum Herbst warten müssen. Das Aufstöhnen des Sitznachbarn und das gemeinsame Luftanhalten im Moment der Spannung – es gibt sie nur im Analogen, die Momente der Unmittelbarkeit, die uns als Zuschauer so sehr berühren. Ins Netz gestellte Inhalte können das analoge Erlebnis nicht ersetzen. Die Institutionen, wie die Theater und Museen, glauben selbst nicht daran.

Es kann also von Ersatz nicht gesprochen werden, wenn es um Kunst und Kultur im digitalen Raum geht. Es wird kein Platz eingenommen, der besetzt ist. Es wird ein neuer Platz freigegeben. Es ist ein Platz, der keine physische Anwesenheit einfordert, und darin liegt sein Potenzial.

Im Umstand, dass künstlerische Inhalte plötzlich frei für jeden im Netz zur Verfügung stehen, steckt auch die Per­spek­tive auf eine Gesellschaft, in der Kunst und Kultur nicht den Marktmechanismen ausgeliefert sein müssen. Das allein hebelt den Markt nicht aus und das macht die digitalen Plattformen weder egalitär noch wertneutral, wie Uwe Mattheis in seinem Text „Hört auf zu streamen“ richtig feststellte. Aber reicht das aus, um das Internet als neu zu entdeckenden Raum zu verdammen? Bedeutet das Internet per se eine neue Stufe der Ausbeutung im Kunstbetrieb?

Egal ob digital oder analog, um leben zu können, müssen Kunstschaffende ihre Kunst „verwerten“ und sind abhängig von ihrem Einkommen. Wie viel Wert dabei abgeworfen wird, ist, wie in der Marktwirtschaft üblich, relativ unabhängig von der investierten Arbeit. Daraus abzuleiten, dass sie deshalb ihr Werk nicht jenen zur Verfügung stellen sollten, die sonst keinen Zugang zu ihrem Werk haben, um sich selbst vor Ausbeutung zu schützen, geht am eigentlichen Problem vorbei. Die Kritik müsste stattdessen die Produktionsbedingungen zum Ziel haben, in denen Kunst zur Ware wird.

Teilhabe vergrößern

Dass Menschen, die es sich nicht leisten können, zu Theaterinszenierungen zu reisen, in Zeiten der Coronakrise digitalen Zugriff auf Kulturgüter erhalten können, die ihnen bislang verwehrt waren, ist absolut wünschenswert – unabhängig davon, dass die Bedingungen dafür die Falschen sind. Nur um ein Beispiel zu nennen: Das Bolschoi-Theater Moskau ist weltberühmt. In der Coronakrise haben nun erstmals Menschen aus der ganzen Welt die Möglichkeit, online einen Eindruck davon zu bekommen, wofür privilegierte Menschen bis zu 250 Euro ausgeben. Es geht nicht um Ersatz, es geht um die Erweiterung des Möglichen.

Der freie Zugriff auf Kunst- und Kultur muss ebenso ein Ziel sein, wie es der freie Zugriff auf Wissen ist. Online-Bibliotheken ersparen weite und teure Reisen und in Videoportalen finden sich Tutorials, wie ein Instrument oder eine Sprache zu erlernen ist. Mit seiner riesigen OpenSource Community hat das Internet eine Entwicklung in Gang gebracht, welche die Verwertungsindustrie auch weiterhin vor größte Herausforderungen stellt, aller gegenläufigen Tendenzen, wie der Reform des Urheberrechts im letzten Jahr, zum Trotz. Dass für die Schaffenden keine monetäre Entlohnung stattfindet, sollte Ziel der Kritik sein, nicht aber die emanzipatorische Produktivkraft des Internets.

Anwendungsmöglichkeiten tun sich auch für die Kunst- und Kulturszene auf. Neue Formate werden sich entwickeln; auch für die Schaffenden. Warum sich nicht durch die isolatorischen Umstände in neue Formen treiben lassen? Wie wäre es mit einer digitalen Produktion, in der die Schauspieler*innen live aus verschiedenen Orten zugeschaltet sind? Aus Zuschauenden könnten Akteur*innen werden.

Auf die Probe kommt es an

Allein die Suche nach dem, was dann einem Bühnenbild entspräche, vermag die Fantasie in neue Bahnen zu lenken. Doch so was lässt sich nicht planen, sondern nur erproben. Voraussetzung dafür ist aber die Offenheit für ein Medium, das so diametral zu dem scheint, was der Zauberwürfel des Analogen sonst so hergibt.

Von der Krise als Chance zu sprechen, wäre zynisch angesichts des verursachten Leids. Es könnte aber ein Moment sein, um darüber nachzudenken, wie der digitale Raum als Raum der Kunst und Kultur aussehen soll. Wenn wir uns Zerstreuung suchend durch den virtuellen Raum klicken, ist Kunst und Kultur das Funkeln, auf das sich der Blick verirrt. Das wäre doch tröstend.

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