Wahlbeteiligung in USA auf Rekordkurs: 36 Millionen haben schon gewählt

Viele Menschen wählen in den USA per Brief. Am Wahlabend dürfte deshalb noch nicht klar sein, ob Trump oder Biden gewonnen hat.

Eine Frau trägt eine Mundschutzmaske, auf die das Wort VOTE (Wähle) auf gedruckt ist

Ashley Nealy aus Atlanta ist eine von 36 Millionen, die ihre Stimme bereits abgegeben haben Foto: Christopher Aluka Berry/reuters

WASHINGTON taz | Das Duell zwischen Präsident Donald Trump und seinem demokratischen Herausforderer Joe Biden könnte noch vor dem offiziellen Wahltag in knapp zwei Wochen für einen neuen Rekord sorgen. Wie eine erste Analyse zur Wahlbeteiligung in den verschiedenen Bundesstaaten gezeigt hat, haben bereits mindestens 35,9 Millionen US-Bürger die Möglichkeit zur vorzeitigen Stimmabgabe wahrgenommen.

Vor vier Jahren stimmten rund 47 Millionen Amerikaner bereits vor dem offiziellen Wahltermin ab. Die knapp 36 Millionen Stimmen entsprechen jetzt schon mehr als einem Viertel (25,9 Prozent) aller Stimmen aus dem Jahr 2016. Dies bestätigte Professor Michael McDonald von der University of Florida, der die Daten zur aktuellen Wahlbeteiligung sammelt und aufbereitet.

Der Anstieg dürfte jedoch weniger mit den beiden Kandidaten zu haben und viel mehr mit der Ausweitung des Briefwahlverfahrens sowie der Verlängerung des “Early Voting“-Zeitraums aufgrund der anhaltenden Coronapandemie.

Wichtige “Battleground States“ wie Wisconsin, Arizona und Iowa haben ihr jeweiliges Briefwahlsystem in diesem Jahr deutlich erweitert, indem sie die Teilnahme vereinfacht haben. Den Menschen im kleinen Ostküstenstaat New Hampshire ist erstmals überhaupt eine Briefwahl erlaubt.

Auch mehr „Early Voting“

Auch das Angebot der vorzeitigen Stimmabgabe, “Early Voting“ genannt, nutzen in diesem Jahr mehr Amerikaner. Als die ersten Wahllokale bereits letzte Woche im Bundesstaat Georgia öffneten, gab es lange Schlangen.

Die Buchautorin und Professorin der Roy University Alexis Henshaw berichtete auf ihrem Twitter-Kanal von einer Wartezeit von sogar neun Stunden, vier Minuten und 45 Sekunden.

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Ähnliche Szenen gab es in Texas und Virginia. Trotz der gestiegenen Wahlbeteiligung ist momentan davon auszugehen, dass am Wahlabend am 3. November noch kein Gewinner ermittelt werden kann. Der Grund ist die Ausweitung des Briefwahlverfahrens in vielen Teilen des Landes.

In einigen Bundesstaaten kam es deshalb schon während der Vorwahlen (Primaries) zu Verzögerungen von einer Woche und mehr bei der Auszählung. Nur bei einem Erdrutsch-Sieg könnte der Wahlsieger schon in der Wahlnacht feststehen. Da dies jedoch als äußerst unwahrscheinlich gilt, könnte diese Wahl zur Geduldsprobe werden.

„Eine Wahl, die wir so noch nie erlebt haben“

“Wir müssen uns mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit darauf vorbereiten, dass die korrekte und seriöse Auswertung einer Wahl, die wir so noch nie zuvor erlebt haben, etwas mehr Zeit in Anspruch nehmen wird“, sagte David Becker, der Direktor und Gründer des Center for Election Innovation & Research, dem Wall Street Journal.

Mit einer Wiederholung des Wahldramas im Jahr 2000, als der Oberste Gerichtshof den Republikaner George W. Bush zum Wahlsieger erklärte, ist aber nicht zu rechnen. Derzeit geht die größte Gefahr für die Integrität der diesjährigen Wahl von Trump selbst aus. Der übt seit Monaten heftige Kritik am Briefwahlsystem, indem er behauptet, es wäre ein Nährboden für großangelegte Manipulation.

Beweis für diese Behauptung hat Trump nicht. “Was Trump hier treibt, ist unglaublich gefährlich“, sagte der Wahlrechtsexperte und Professor der Hamline University David Schultz bei „ABC News“. Der Präsident versuche die Rechtmäßigkeit der Wahlen anzuzweifeln, erklärte Schultz. “Sollte er im November verlieren, kann er sagen: ‚Ich habe nicht wirklich verloren [...], sondern aufgrund von Wahlbetrug‘.“

Trump-Berater schieben sich schon Schuld für Niederlage zu

Dass Trump und sein Team am erneuten Wahlsieg zu zweifeln beginnen, bestätigen jüngste Medienberichte. Laut Axios schieben sich Trumps Berater die Schuld für eine potenzielle Niederlage bereits gegenseitig zu. “Vieles liegt am Präsidenten selbst“, erklärte ein Berater. “Du kannst einem Patienten, der die Diagnose nicht wahrhaben will, nicht helfen.“

Trump selbst versucht mit Auftritten in wichtigen Battleground States das Blatt doch noch zu wenden. In einer 54-minütigen Wahlkampfrede auf einem Flughafengelände in Erie, Pennsylvania, kritisierte der 74-Jährige am Dienstagabend die Pläne seines drei Jahre älteren Kontrahenten. “Es ist eine Wahl zwischen unserem Plan, das Virus zu vernichten, oder Bidens Plan, den amerikanischen Traum zu vernichten“, sagte Trump vor Tausenden von Anhängern.

Mit bekannten Themen wie Grenzsicherheit, Krankenversicherung, Wirtschaft und Coronakrise versuchte Trump erneut zu punkten. In den jüngsten Umfragen liegt er weiter mehr als 10 Punkte hinter seinem Rivalen. Bidens Vorsprung auf nationaler Ebene beträgt dem Umfrageportal FiveThirtyEight zufolge aktuell 10,3 Prozentpunkte (52,2 zu 41,9 Prozent).

Am Donnerstagabend treffen Trump und Biden in der letzten TV-Debatte noch einmal aufeinander.

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Am 3. November 2020 haben die USA einen neuen Präsidenten gewählt: Der Demokrat Joe Biden, langjähriger Senator und von 2009 bis 2017 Vize unter Barack Obama, hat sich gegen Amtsinhaber Donald Trump durchgesetzt.

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