Wahl in Irland und Sinn-Féin

McDonald feiert Revolution

Einst war Sinn-Féin der politische Arm der IRA. Nun hat die Partei an den Wahlurnen Erfolg – und denkt schon über die Regierungsbildung nach.

eine Frau im Siegetaumel hebt die Hände in einer Menschenmenge

Siegesfeier in der Menge: Mary Lou McDonald in Dublin Foto: Peter Morrison/ap

DUBLIN taz | „Es gibt kein Zwei-Parteien-System mehr in Irland“, sagte Mary Lou McDonald, die Präsidentin von Sinn Féin („Wir selbst“), am Sonntag nach der Wahl. Ihre Partei – ehemals politischer Flügel der inzwischen aufgelösten Irisch-Republikanischen Armee (IRA) – hat bei der Parlamentswahl am Samstag nach Auszählung aller Erststimmen fast 25 Prozent gewonnen, mehr als die beiden konservativen Parteien Fine Gael („Stamm der Gälen“) und Fianna Fáil („Soldaten des Schicksals“), die bisher die Regierung stets unter sich ausgemacht hatten.

Wie oft ihr in ihrem Leben das kitschige Liebeslied „Hello Mary Lou“ vorgesungen wurde, weiß sie nicht mehr. Sie hasst den Song mittlerweile, sagte sie im Vorfeld der Wahl. Nach dem sensationellen Erfolg ihrer Partei wird sie sich aber dran gewöhnen müssen. Sie wolle versuchen, mit Hilfe der anderen linken Parteien eine Regierung zu bilden, sagte McDonald.

Das wird jedoch schwierig, weil die beiden etablierten Parteien trotz der Verluste noch zu stark sind. McDonald war vom historischen Aufschwung ihrer Partei am Samstag selbst überrascht, hatte Sinn Féin doch voriges Jahr bei den Europa- und Lokalwahlen sehr schlecht abgeschnitten. Deshalb stellte man diesmal lediglich 42 Kandidaten auf, nur halb so viele wie Fianna Fáil und Fine Gael. Dadurch hat man mindestens eine Handvoll Sitze verschenkt.

Aufgrund des irischen Wahlsystems mit Stimmübertragung hätten eine Reihe von Sinn-Féin-Kandidaten, die weit mehr als die für ihre Wahl erforderlichen Stimmen gewonnen haben, einen Parteigenossen mitziehen können.

Selbst der bisherige Premier Leo Varadkar von Fine Gael und der Fianna-Fáil-Chef Micheál Martin lagen in ihren Wahlkreisen deutlich hinter den Sinn-Féin-Leuten zurück. Und in der Beliebtheitsskala der Parteichefs hinkten sie bei einer Umfrage kurz vor der Wahl um mehr als 10 Prozentpunkte hinter McDonald her.

Endergebnis lässt auf sich warten

Das komplizierte Wahlsystem, bei dem man die Kandidaten in der Reihenfolge seiner Präferenz nummeriert, weshalb die Stimmzettel manchmal ein Dutzend Mal gezählt werden müssen, sorgt auch dafür, dass das Endergebnis noch lange nicht feststeht. Am Sonntagabend, als die Stimmauszählung vertagt wurde, war die komplette Auszählung aller Stimmen erst in einem Drittel der 39 Wahlkreise abgeschlossen.

McDonald wurde 1969 im Dubliner bürgerlichen Viertel Rathgar geboren, lebt aber inzwischen mit ihrem Mann Martin Lanigan und den beiden Kindern im Teenageralter, Gearoid and Iseult, im Arbeiterviertel Cabra. Sie besuchte die katholische Privatschule Notre Dame des Missions und studierte danach englische Literatur am Trinity College Dublin und Europäische Integration an der Universität von Limerick.

Ihre ersten politischen Erfahrungen machte sie als Beraterin beim Institut für internationale und europäische Angelegenheiten, das der Labour Party nahestand. 1999 trat sie Fianna Fáil bei, wechselte jedoch 2002 zu Sinn Féin. Im selben Jahr scheiterte sie bei der Wahl zum Parlament und auch 2007 gelang es ihr nicht, ein Mandat zu gewinnen. Allerdings wurde sie 2004 die erste Europaabgeordnete ihrer Partei.

2009 wählte sie der Parteitag zur Vizepräsidentin von Sinn Féin, und zwei Jahre später ergatterte sie im dritten Anlauf einen Sitz als Abgeordnete im Dáil, dem irischen Parlament. 2018 löste sie Gerry Adams an der Spitze von Sinn Féin ab. Er hatte die Partei 34 Jahre lang geführt und war eine entscheidende Figur im nordirischen Friedensprozess, der ins Belfaster Abkommen vom Karfreitag 1998 mündete und der Krisenprovinz relativen Frieden beschert hat.

Dort ist Sinn Féin bereits an der Regierung beteiligt. Ihre Antrittsrede als Parteipräsidentin beendete McDonald mit dem IRA-Slogan: „Tiocfaidh ár lá“ – unser Tag wird kommen. Jetzt ist er da.

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