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WM-Perspektiven von Leroy SanéEwiges Reizthema

Bei Galatasaray Istanbul kämpft Leroy Sané derzeit um einen Stammplatz. Bundestrainer Nagelsmann setzt trotz aller Kritik auf seine Qualitäten.

Nur der Kopfball zählt nicht zu seiner Kernkompetenz: Leroy Sané dürfte dennoch in Liverpool erst einmal auf der Bank sitzen Foto: Francisco Seco/ap

Ausreichend ausgeruht wird Leroy Sané an der Anfield Road sein. Bei Galatasaray Istanbul hatte der deutsche Nationalspieler zuletzt unfreiwillig Pause: Weil der 30-Jährige im Derby bei Beşiktaş Anfang des Monats eher ungeschickt und gewiss unabsichtlich einem Gegenspieler in die Hacken stieg, sah er in der türkischen SüperLig erstmals auf Vereinsebene die Rote Karte. Danach war Trainer Okan Buruk so frei, auf seine Nummer zehn im Achtelfinalhinspiel der Champions League gegen den FC Liverpool (1:0) gänzlich zu verzichten.

Der bemerkenswerte Kraftakt zu Hause kam ohne Zutun des filigranen Flügelspielers zustande – auch der ehemalige Nationalmannschaftskapitän[Link auf Beitrag 7074414] İlkay Gündoğan wurde in Istanbul erst in der Nachspielzeit eingewechselt. Spannende Frage, welche Rolle die deutschen Stars bekleiden, wenn im Rückspiel an der Anfield Road (Mittwoch 21 Uhr/Dazn) die Entscheidung über den Viertelfinaleinzug fällt. Die Reds stehen mit ihrer Starbesetzung natürlich gehörig unter Druck.

Die Gelb-Roten lechzen nach einer Überraschung, auf die zum Auftakt der Liga-Phase nichts hindeutete, als Galatasary bei Eintracht Frankfurt vor Abertausenden Landsleuten bei einer Klatsche (1:5) in seine Einzelteile zerfiel. An dem lauen Spätsommerabend im Herzen von Europa konnte ja keiner ahnen, dass das für den weiteren Verlauf der Königsklasse kaum etwas zu bedeuten hatte.

Offenbar trägt der von Präsident Dursun Özbek initiierte Großeinkauf mit Stars wie Victor Osimhen erst späte Früchte. Unter die letzten Acht von Europa kam der Klub zuletzt 2012/2013, als sich der erfolgreichste Fußballverein der Türkei im Achtelfinale gegen den FC Schalke 04 durchgesetzt hatte. Gegen den Ausbildungsverein von Sané, der damals noch Westfalenpokalsieger mit der königsblauen U17 wurde.

In der Knappenschmiede wies der junge Himmelsstürmer bereits Anlagen auf, die für eine Weltkarriere geeignet schienen. Irgendwie wirkt mit 30 Jahren die Entfaltung seiner Fähigkeiten unvollendet. Gewiss, zwei Meisterschaften in England mit Manchester City und vier in Deutschland mit dem FC Bayern kann ihm niemand mehr nehmen, aber hat sich der gebürtige Essener wirklich immer am Limit bewegt?

Schwankende Vorstellungen

Seine sechs Saisontore für den Tabellenführer am Bosporus wirken ausbaufähig, trotzdem hat Bundestrainer Julian Nagelsmann seine anfängliche Skepsis in der Causa Sané überwunden. „Leroy könnte noch mehr Tore und Vorlagen liefern, aber das gilt ja für sehr viele Offensivspieler von uns aktuell“, sagte Nagelsmann kürzlich dem Fachmagazin Kicker. Auch Florian Wirtz muss sich das nach seinem Wechsel nach Liverpool ankreiden lassen. Beide aber werden wohl im Aufgebot stehen, das der Bundestrainer am Donnerstag auf dem DFB-Campus in Frankfurt verkündet.

Die Personalie Sané ist ein ewiges Reizthema. Unter seinen 72 Länderspielen (mit 16 Toren) seien zu viele, in denen Körpersprache und Haltung nicht passten, monieren Kritiker. Sané könnte entgegenhalten, im entscheidenden WM-Qualifikationsspiel gegen die Slowakei (6:0) die Fähigkeiten abgerufen zu haben: Zwei Tore, zwei Vorlagen – viel mehr ging in Leipzig nicht. Nagelsmann hat sich deshalb Pragmatismus bei der Bewertung zugelegt: „So ehrlich sind wir: Wir wissen bei ihm nie zu 100 Prozent, was am Ende auf dem Platz kommt.“ Er will auf den schwer einschätzbaren Kandidaten nicht verzichten, wenn mit den Testspielen gegen die Schweiz (27. März) und gegen Ghana (30. März) der WM-Countdown eingeleitet wird.

Noch immer hat der Sohn des früheren Bundesligatorjägers Souleymane Sané eine Beschleunigung, die nur schwer zu verteidigen ist. Doch zur Wahrheit gehört: Im Verein sind die Konkurrenten auf der Außenbahn auf der Überholspur. Der türkische Nationalspieler Barış Yılmaz, der gerne dorthin geht, wo es weh tut, und der niederländische Neuzugang Noa Lang, ebenfalls schnell und dribbelstark, sind bei den „Löwen“ erste Wahl. Zumal beide immer wieder die Grundlinie suchen, um Mittelstürmer Osimhen mit Flanken zu versorgen. Leroy Sané wird aller Voraussicht nach auch in Liverpool erst einmal nur Zuschauer sein – und könnte dann vielleicht als Joker kommen. Bestens ausgeruht.

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