Vorweihnachtszeit 2020: Ständiges Ringen

Ich möchte mich gerne richtig verhalten. Aber noch nie ist mir das so schwierig vorgekommen, wie derzeit.

Menschen gehen am Sonnabend vor dem 3. Advent mit Einkaufstüten durch die Hamburger Innenstadt.

Virologisch nicht gut: Menschen am Sonnabend vor dem 3. Advent in der Hamburger Innenstadt Foto: dpa / Markus Scholz

Sonntag telefoniere ich mit meinem Sohn und teile ihm mit, dass ich eben gehört habe, dass die Geschäfte ab Mittwoch geschlossen hätten. „Nein!“, schreit er in den Hörer, „Ich hab’ doch noch gar keine Geschenke!“

Ich war am Freitag Geschenke einkaufen. Jedes Jahr wird der Kreis der von mir Beschenkten kleiner, aber noch nie war er so klein wie in diesem: Meine Freund*innen werde ich nicht an Weihnachten sehen, obwohl meine beste Freundin an Weihnachten Geburtstag hat; meine Mutter will einfach nichts mehr haben, weil, wenn sie etwas hätte haben wollen, sie sich das längst selbst gekauft hätte; meine Geschwister sind froh, wenn ich nichts mehr schicke, weil sie dann auch nichts mehr schicken müssen. In diesem Jahr, schätze ich, werden die Paketboten unter der Last mehr als sonst stöhnen. Auch deshalb scheue ich mich – vor dem Verschicken wie vor dem Bestellen.

Ich fuhr also am Freitag zu den entsprechenden Läden und kaufte meine drei Geschenke ein, und ich fühlte mich nicht gut dabei. Es fühlt sich in diesem Jahr einfach nicht gut an, einzukaufen. Es ist eine Zumutung für die Verkäufer*innen, die anderen Kund*innen und die Menschen, die den Nahverkehr aus beruflichen Gründen nutzen müssen. Denn ich trage vielleicht zur Ausbreitung des Virus bei.

Aber ich brauche ja Geschenke, ich kann darauf nicht verzichten. Ich halte sehr fest an diesen Dingen. Ich möchte niemanden enttäuschen. Ich möchte selbst nicht enttäuscht werden. Ich wünsche mir ein schönes Weihnachtsfest und ich hege diesen Wunsch mit einem schlechten Gewissen, denn ich sehe, wie schlecht es anderen Menschen geht, die mit ganz anderen Problemen zu kämpfen haben: Die Tochter meiner Freundin ist Ärztin im Krankenhaus. Sie hat ihrer Mutter bereits gesagt, dass sie sich darauf einstellen solle, dass sie an diesem Weihnachten nicht nach Hause kommen könne. Was spielen da Geschenke für eine Rolle, Weihnachtsbäume und Festessen?

Ich wünsche mir ein schönes Weihnachtsfest und ich hege diesen Wunsch mit einem schlechten Gewissen

Bauern haben vor dem Landtag in Hannover protestiert, weil sie von den Discountern zu wenig Geld bekommen, als dass sie dafür für ihre Produkte produzieren könnten: die Lebensmittel, die in großen Mengen für das Fest eingekauft werden müssen, der Weihnachtsbraten, die Sahne, der Käse, die Wurst. Kann es sein, dass sie den Erzeuger*innen gestohlen werden, die nicht anständig dafür bezahlt werden? Von den Discountern? Oder von uns?

Ich bemühe mich und kaufe meine Lebensmittel im Biomarkt oder auf dem Wochenmarkt ein, und ich hoffe, auf diesem Wege den Bauern und Bäuerinnen einen angemessenen Preis zu zahlen, aber ich weiß es natürlich nicht. Es ist so schwierig, das Richtige zu tun, ja sogar, das Richtige zu denken.

Als ich hörte, dass die Geschäfte ab Mittwoch schließen, war ich zufrieden, weil ich es die richtige Maßnahme finde. Und ich fand es auch eine gar nicht so schlechte Vorstellung, dass es so angenehm ruhig werden würde, in der Vorweihnachtszeit. Aber ich muss auch an meine Schwester denken, die selbst ein Geschäft betreibt, die auf das Weihnachtsgeschäft hofft und die nach diesem Jahr der schlechten Umsätze kurz vor dem Ruin steht – nach 25 Jahren. Das möchte ich natürlich nicht. Ich möchte nicht, dass Menschen ruiniert werden.

Aber die Welt, in der wir leben, ist nun mal so, dass Menschen ruiniert werden, wenn wir mit dem Kaufen aufhören, ja, wenn wir es nur einschränken. Kaufen ist der Motor dieses Systems, es hält es am Laufen. Wir kaufen also, oder wenn die Läden zu sind, bestellen wir, und alles ist falsch. Noch nie ist es mir so schwierig vorgekommen, mich richtig zu verhalten. Vielleicht müssen wir uns damit abfinden, dass es nicht geht. Es gibt die oft bemühte Floskel, dass wir uns selbst nicht so wichtig nehmen sollen, unser Handeln. Aber wenn wir uns selbst nicht wichtig nehmen, unser Ringen darum, sich anständig zu verhalten: Wer dann? Wer sonst sollte die Welt verbessern als wir?

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ist Schrift­stellerin in Hamburg mit einem besonderen Interesse am Fremden im Eigenen. Ihr jüngster Roman „Sicherheitszone“ ist bei Rowohlt Berlin erschienen.

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