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Vom Schlager zum KZ-Lied„Dein ist mein ganzes Herz“

Fritz Löhner-Beda war als Textdichter in den 1920ern ein Star der heiteren Muse. Bevor er umgebracht wurde, schrieb er noch an zwei KZ-Liedern mit.

Sein subversives Buchenwald-Lied wird heute auf Veranstaltungen zum Holocaust-Gedenktag gesungen: Fritz Löhner-Beda im Jahr 1928 Foto: Karl Winkler/önb/picture alliance

„Dein ist mein ganzes Herz/ Wo du nicht bist, kann ich nicht sein“, heißt es in einer berühmten Schnulze aus der Operette „Das Land des Lächelns“ von 1929. „Nur die Arbeit macht uns hart/ Wenn uns das Schicksal genarrt/ Und die Zeit vergeht und das Leid verweht/ Nur das Werk unsrer Hände besteht“, textete derselbe Verfasser im „Buna-Lied“. Letzteres entstand 1942 kurz vor seinem Tod im Buna-Werk der I.G. Farben AG in Monowitz, einem Nebenlager von Auschwitz. Dort hatte der jüdische Musikdichter Fritz Löhner-Beda Zwangsarbeit geleistet, bis er umgebracht wurde.

Der Todesort erklärt auch die Unterstützung des Bayer-Konzerns für einen Gespräch-Musik-Abend zu Ehren von Löhner-Beda am 12. Januar in der Komischen Oper. Denn Bayer gehörte einst zur I.G. Farben AG. Die zum Konzern gehörende Finkelstein Stiftung und die Institution BayerKultur würdigten dort den renommierten Librettisten und Schlagertexter der Zwischenkriegszeit als „weltberühmten Unbekannten“. Neben Informationen aus dem Leben von Löhner-Beda sang die Schauspielerin Katharine Mehrling auch etliche Lieder des Textdichters, mit denen dieser auch in Berlin zum Star der heiteren Muse geworden war.

Tatsächlich sind einige seiner Operetten- und Schlagertexte noch heute geläufig. Nicht nur „Dein ist mein ganzes Herz“ (unter anderem zitiert im gleichnamigen Heinz-Rudolf-Kunze-Evergreen) oder „Ausgerechnet Bananen“.

Beda, wie er sich als Schlagertexter kurz nannte, ist auch der eigentliche Urheber eines großen Hits von Vicky Leandros. „Rosa, wir fahr'n nach Lodz“ hieß ein „Marsch-Couplet“, das er zusammen mit dem Komponisten Artur Marcell Werau zu Beginn des Ersten Weltkriegs veröffentlicht hatte.

Ein Hit für Vicky Leandros

Rosa war keine Dame, sondern ein Granatengeschütz der Rüstungsfirma Skoda. Nachdem der Schlagerkomponist Leo Leandros das Soldatenlied 1972 zufällig in einer ORF-Fernsehserie gehört hatte, beauftragte er einen deutschen Musikproduzenten mit einer Adaption samt neuem Text für seine Tochter Vicky. Heraus kam „Theo, wir fahr’n nach Lodz“.

Fritz Löhner-Beda ist 1883 im böhmischen Wildenschwert als Friedrich Löwy geboren und mit seiner jüdischen Familie früh nach Wien umgezogen. Zu den Komponisten, mit denen Fritz Löhner-Beda regelmäßig zusammenarbeitete, gehörte der Wiener Hermann Leopoldi. Er war ein Klavierhumorist und Schöpfer von Gassenhauern wie „I bin a stiller Zecher“, der in den 1920ern auch in Berlin das Publikum live und auf Schallplatten begeisterte.

Nach Einführung der Vergnügungssteuer in Wien war er mitsamt dem Kabarett „Leopoldi-Wiesenthal“ an die Spree gewechselt, wo man die Kabarettisten von vorherigen Auftritten und Schallplattenaufnahmen schon kannte und liebte. Mit ihren Wienerliedern, Chansons und frivolen Schlagern wie „Lene Lehmann“ begeisterten sie das vergnügungssüchtige Publikum. Allerdings gab es vereinzelt auch Kritik an der jüdischen Jargon-Komik in Leopoldis Liedern. Der Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, der sich als Wächter gegen den Antisemitismus begriff, fand das selbstironische Jiddeln nicht sehr dufte.

Holocaust-Gedenktag am 27. Januar

Berlin erinnert Mit mehreren Veranstaltungen wird am Dienstag in Berlin an die Vernichtung der Juden im Nationalsozialismus erinnert. Unter anderem sind eine Kunstaktion, Kranzniederlegungen und mehrere Gottesdienste geplant. Das Brandenburger Tor soll am Dienstagabend mit dem Schriftzug der internationalen Gedenkkampagne #WeRemember (deutsch: „Wir Erinnern“) angestrahlt werden, teilte die Senatskanzlei am Montag in Berlin mit.

81. Jahrestag der Auschwitz-Befreiung Anlass ist der internationale Holocaust-Gedenktag am 27. Januar. Am Dienstag jährt sich die Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz zum 81. Mal. Die traditionelle Gedenkstunde im Bundestag für die Opfer des Nationalsozialismus ist für Mittwoch geplant. Gastrednerin ist die 1938 in Gdingen bei Danzig geborene US-Amerikanerin Tova Friedman. Sie überlebte das Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau.

Yad-Vashem-Straße In Berlin gibt es derzeit Überlegungen, einen Straßenabschnitt in Mitte nach der israelischen Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem zu benennen. Es wäre ein „Zeichen der Erinnerung und der Mahnung – und ein klares Bekenntnis gegen Antisemitismus, Hass und Menschenfeindlichkeit“, heißt es vom Senat. Medienberichten von Mitte Dezember zufolge gibt es eine Initiative zur Umbenennung eines Teilabschnitts der Dorotheenstraße neben dem Jakob-Kaiser-Haus des Bundestags. Dazu stehen noch Beschlüsse des Bundestags und des Senats aus.

Gleis 17 Am Mahnmal „Gleis 17“ am Bahnhof Grunewald wollen Vertreter der Fußballklubs Hertha BSC und 1. FC Union sowie des Berliner Fußball-Verbands und vom schwulen Anti-Gewalt-Projekt Maneo Kränze niederlegen (10 Uhr). Mit dabei ist die ehemalige Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, Lala Süsskind. Vom Gleis 17 aus wurden ab Herbst 1941 ungefähr 10.000 deutsche Juden in Arbeits- und Konzentrationslager deportiert und größtenteils ermordet. Für den Nachmittag hat die „Polit-Putze“ Irmela Mensah-Schramm eine Kunstaktion am „Gleis 17“ geplant. Die vielfach ausgezeichnete Aktivistin will damit auf ein nach ihren Angaben „seit vielen Jahrzehnten leer stehendes Bahnwärterhäuschen“ aufmerksam machen, das als Informationsort genutzt werden könnte (14 Uhr).

Gottesdienste In der Französischen Friedrichstadtkirche wird für Dienstagabend zu einem Gottesdienst eingeladen (19 Uhr). Daran beteiligen sich Aktion Sühnezeichen Friedensdienste und das Institut Kirche und Judentum. Gottesdienste sind auch in der Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche (18 Uhr) und in der St.-Annen-Kirche in Dahlem (18 Uhr) geplant. Der Bundestag kommt am Mittwoch zu seiner traditionellen Gedenkstunde zusammen. (epd)

Leopoldi bildete in der Zeit auch schon zusammen mit Beda ein erfolgreiches Komponistenduo. Ihre Schlager strahlten weit über die Wiener Unterhaltungsszene hinaus, mit Ohrwürmern wie „Schön sind die Mädels von Prag“ oder „Komm mit mir mein Schatz, auf den Fußballplatz“. In der Affinität zum Fußball, der in den 1920er Jahren seine erste große Kommerzialisierungswelle erlebte, trafen sich die beiden Herren. Hermann Leopoldi komponierte die Hymne „Heute spielt der Uridil“, gewidmet Rapid Wiens Wunderstürmer Josef Uridil. Fritz Löhner-Beda war sogar selbst ein guter Fußballer und 1909 Gründungsmitglied sowie erster Präsident des jüdischen Sportklubs Hakoa Wien.

Im Buna-Werk der I.G. Farben AG musste Fritz Löhner-Beda schwerste Zwangsarbeit leisten

Ihr Lebensweg führte sie auch gemeinsam an einen Ort, der für das komplette Gegenteil jener Leichtigkeit und Lebensfreude stand, die in ihren Liedern zum Ausdruck kam: das KZ Buchenwald. Zunächst waren beide nach dem „Anschluss“ Österreichs ans Deutsche Reich im März 1938 inhaftiert und mit dem sogenannten „Prominententransport“ ins KZ Dachau deportiert worden. Im September 1938 wurden sie nach Buchwald überstellt, wo die Männer Leiden und Erniedrigung erlebten. Hermann Leopoldi, der die Lagerhaft überlebte, hat das nach dem Krieg in seinen Memoiren beschrieben.

Viele KZ hatten eigene Lieder

So berichtete er vom Schutzhaftlagerführer Arthur Rödl, der brutal und zugleich von „beispielloser Unterintelligenz“ gewesen sei. Der habe sich gern Volks- und Kinderlieder vorsingen lassen und sei eines Tages auf die Idee gekommen, dass das KZ Buchenwald ein eigenes Lagerlied bräuchte.

Viele deutsche Konzentrationslager, zum Beispiel in Dachau oder Sachsenhausen, hatten eigene Lieder. Einerseits dienten sie der zusätzlichen Demütigung der Häftlinge. Andererseits bedienten die Wachleute damit ihre menschelnde Seite. Als Freunde des deutschen Liedgesangs zeigten die SS-Männer ihr teuflisches Antlitz.

Auch Arthur Rödl war ein Sadist mit sentimentalen Anwandlungen. Der strunzdumme Bayer befahl den Häftlingen Ende 1938, ein zünftiges Lied zu schreiben. „Er brüllte: Schreibt’s was auf Buchenwald! An Marsch! Zehn Mark für den Besten! Aber was Zünftigs! Wir glaubten unseren Ohren nicht zu trauen“, schreibt Hermann Leopoldi in seinem Buch. „Im Lager begann ein Wettbewerb sondergleichen.“

Leopoldi schrieb eine Melodie und Fritz Löhner-Beda einen Text dazu. Weil sie jüdische Häftlinge waren und in der KZ-Hierarchie ganz unten standen, wurde ihre Urheberschaft vertuscht. Sie hatten das Preisausschreiben gewonnen, aber nicht den versprochenen Preis von zehn Mark erhalten. Im Kreise der SS und auch der Häftlinge war allerdings bekannt, dass der Buchenwald-Marsch von ihnen stammte.

„Wir fühlten das Revolutionäre“

Der Text von Beda drückt subtil, aber unüberhörbar ein ungebrochenes Freiheitsgefühl aus: „Oh Buchenwald, ich kann dich nicht vergessen/ Wer dich verließ, der kann es erst ermessen/ Wie wundervoll die Freiheit ist/ Und was auch unsre Zukunft sei/ Wir wollen trotzdem ja zum Leben sagen/ Denn einmal kommt der Tag, da sind wir frei!“

Der schwermütige und doch eingängige Marsch wurde zum Lieblingslied von Lagerführer Rödl. Er ließ es bei allen Gelegenheiten von den Häftlingen singen. „Es ist das beste Zeichen dafür, wie unintelligent der Kommandant war, dass er selbst nicht von dem unerhört Revolutionären dieses Liedes bemerkte und sich so sehr dafür begeistern konnte“, schrieb Leopoldi rückblickend. „Ich und meine Kameraden sangen das Lied natürlich mit ungeheurer Begeisterung, denn wir fühlten das Revolutionäre, das in ihm lag.“

Wir wollen trotzdem ja zum Leben sagen / Denn einmal kommt der Tag, da sind wir frei!

Aus dem Buchenwald-Lied

Der einfältige Menschenschinder Rödl ließ das „Buchenwald-Lied“ von allen KZ-Häftlingen in ihrer Freizeit auf den Blocks einüben. Danach folgte die kollektive Probe – als barbarischer Akt. 11.000 Häftlinge hatten an einem Dezemberabend in eisiger Kälte auf dem verschneiten Appellplatz unter Scheinwerferlicht anzutreten. Es folgte das Kommando „Das ‚Buchenwald-Lied‘ singen!“

Vier Stunden lang setzten die Gefangenen immer wieder zum Singen an, stramm vorbeimarschierend an den besoffenen SS-Führern. Erst 22 Uhr durften sie ausgehungert und steif gefroren zurück in ihre Baracken. Im Lagerleben spielte das Lied permanent eine Rolle. Es musste beim Appell gesungen werden sowie beim Ein- und Ausmarsch der Arbeitskolonnen. Eine Häftlingskapelle spielte es dann begleitend am Lagertor.

Von Buchenwald nach Auschwitz

Die Textzeile „Denn einmal kommt der Tag, da sind wir frei“ bewahrheitete sich nur für einen der beiden Schöpfer des „Buchenwald-Liedes“. Hermann Leopoldi wurde im Februar 1939 nach neunmonatiger Lagerhaft entlassen und zurückgeschickt nach Wien. Von dort folgte er seiner Ehefrau und seinen Kindern, die bereits ausgereist waren, per Schiff nach Amerika. Während Hermann Leopoldi in New York am Broadway auftrat und als KZ-Überlebender sogar einen gewissen Ruhm erlangte, hörte der Leidensweg für seinen Freund Dr. Beda nie auf.

Vergeblich hatte er gehofft, dass ihm vielleicht Franz Lehár (einer von Hitlers Lieblingskomponisten), für dessen Operette er „Dein ist mein ganzes Herz“ geschrieben hatte, helfen könnte. Im Oktober 1942 wurde er von Buchenwald nach Ausschwitz-Monowitz verschickt, wo er im Buna-Werk der I.G. Farben AG schwerste Zwangsarbeit zu leisten hatte. Auch dort musste ein Häftling vermutlich auf Geheiß von Aufsehern ein Lagerlied schreiben. Es war der Wiener Anton Geppert, der die Musik schrieb. Fritz-Löhner Beda verfasste den Text zum „Buna-Lied“. Es begintt mit den Worten: „Und auf Schritt und Tritt geht das Heimweh mit.“

Bei einer Inspektion im Dezember 1942 im Buna-Werk hatten mehrere I.G.-Farben-Direktoren die mangelnde Leistungsfähigkeit des krankheitsgeschwächten Häftlings Beda angeprangert. Der 59-Jährige wurde anschließend von einem Aufseher so geschlagen und misshandelt, dass er starb. In der Bundesrepublik wurde der höchstwahrscheinliche Mörder später wegen mangelnder Beweislage vom Gericht freigelassen.

Hermann Leopoldi kehrte 1947 aus Amerika zurück in seine Heimat. Im Gegensatz zu vielen Leidensgenossen nicht als gebrochener Mann, sondern voller Tatendrang und auf eindringliches Bitten der österreichischen Regierung. Sie brauchte ihn und seine beschwingten Lieder zur Hebung der Stimmung im kriegsgebeutelten Wien.

Aus der gemeinsamen Zeit von Beda und Leopoldi Foto: Archiv Gunnar Leue

Vor allem das von Beda und Leopoldi geschriebene „Buchenwald-Lied“ ist bis heute in bleibender Erinnerung. Besonders natürlich am Ort der Entstehung, wo früher bei Renovierungsarbeiten am früheren Kammergebäude des Konzentrationslagers eine Liedabschrift gefunden wurde. Ein deutscher politischer Häftling hatte sie im Fensterrahmen versteckt. Sie war versehen mit dem Friedrich-Nietzsche-Zitat „Wo man sich nicht mehr lieben kann, da soll man vorübergehn.“

In der Vergangenheit wurde es auch traditionell bei den Gedenkveranstaltungen anlässlich der KZ-Befreiung im April 1945 in der Gedenkstätte Buchenwald über Lautsprecher eingespielt. 2025 hatten es noch acht Überlebende gehört.

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