Protest gegen Fake-KZ-Bilder: „Für Profit instrumentalisiert“
Gedenkstätten fordern Betreiber sozialer Medien auf, gegen KI-Fälschungen vorzugehen. Es bahne sich ein Problem mit historischen Fotos an.
Foto: Stefan Boness/Ipon/picture alliance
Die Bilder sind herzzerreißend. Da trägt ein amerikanischer Soldat zwei Kleinkinder in gestreifter KZ-Kleidung aus Buchenwald in die Freiheit. Eine junge Frau spielt im Vernichtungslager Auschwitz auf einer Geige. Es gibt Fotos vom angeblichen Wiedersehen zwischen Gefangenen und Befreiern oder erfundene Szenen weinender Kinder hinter Stacheldraht. Ein Bild zeigt die 14-jährige Czesława Kwoka in Auschwitz. Das polnische Mädchen ist dort tatsächlich inhaftiert und ermordet worden. Die Fälscher haben aber ein historisches Schwarz-Weiß-Bild von ihr in ein Farbfoto umgewandelt. Ihre Verletzungen im Gesicht wurden wegretuschiert.
Fotos dieser Art überschwemmen derzeit die sogenannten sozialen Medien. Sie werden mit wenig Aufwand mithilfe von künstlicher Intelligenz hergestellt. Weltweit produzieren Content-Farmen solche geschichtsverfälschenden Inhalte mit möglichst emotionalen Inhalten, sagt Gina Wiedemann von den Arolsen Archives, der weltgrößten Datenbank über verschleppte Opfer der Nazis. Ihr Ziel: Klicks generieren und damit Geld verdienen. Hinzu kämen offenbar rechtsradikale Kreise, die so ihre revisionistischen Thesen verbreiteten.
Jetzt fordern rund 40 deutsche NS-Gedenkstätten und Dokumentationszentren in einem am Dienstag veröffentlichten offenen Brief von den Betreiberfirmen wie Instagram oder Tiktok, Konsequenzen zu ziehen. Man betrachte die Entwicklung „mit großer Sorge“, heißt es darin. Lebensgeschichten würden „für Profit instrumentalisiert“, Geschichte verfälscht und verkitscht.
KI-generierte Bilder müssten von den Betreibern sozialer Medien gekennzeichnet werden, verlangen die Gedenkstätten. Geschichtsverfälschende und irreführende Inhalte müssten als Fehlinformation meldbar gemacht werden. Die Firmen sollten proaktiv gegen diese geschichtsverfälschenden KI-Inhalte vorgehen und mit Gedenkstätten kooperieren, „um Erkennungssysteme für Holocaust-bezogene Fehlinformationen zu verbessern“, heißt es weiter.
Andreas Ehresmann von der niedersächsischen Gedenkstätte Sandbostel hat den Anstoß zu der Initiative gegeben. Vor rund sechs Wochen seien in der Gedenkstätte erstmals sehr emotionalisierende Bilder aufgefallen, die angeblich aus Sandbostel stammen. Da sehe man US-Soldaten, die Häftlinge befreien. Ein anderer Soldat trage einen Häftling in den Armen, sagt Ehresmann der taz. Die Fotos transportierten ein Körnchen Wahrheit, doch es handele sich um Fälschungen. So sei Sandbostel 1945 nicht von amerikanischen, sondern von britischen Soldaten befreit worden.
Uwe Neumärker von der Berliner Stiftung Denkmal befürchtet, dass die KI-Fälschungen von Holocaust-Szenen nur der Anfang seien. Man werde bald „insgesamt Probleme mit historischen Fotos bekommen“, sagt er der taz. Wenn man nicht mehr zwischen historischen Dokumenten und KI-generierten Fälschungen unterscheiden könne, bestehe die Gefahr, dass die Authentizität der echten Erinnerungen infrage gestellt würden. Von daher sei eine Kennzeichnung der KI-Bilder eine „Mindestforderung“, so der Direktor der Stiftung Denkmal.
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