Vom Niedergang alter Fußballmächte: Tradition im Sturzflug

Warum bleibt der Hamburger SV zweitklassig? Und wieso droht dem 1. FC Nürnberg sogar Schlimmeres? Die Ursachensuche ergeht sich oft in Floskeln.

Ein Fussballspieler kniet auf dem Rasen nieder.

Scheitert an Sandhausen und sich selbst: der Hamburger Sportverein Foto: Christian Charisius/dpa

Was ist eigentlich der Hamburger Sportverein? Was der 1. FC Nürnberg ist, kennen wir als Volksweisheit: „Der Club ist ein Depp.“ Fest steht, dass beide, der ehemalige Rekordbundesligateilnehmer aus Hamburg und der ehemalige Rekordmeister aus Nürnberg, nur noch Traditionsvereine sind. Klubs ohne aktuelle Relevanz.

Die Gründe, die zu lesen und zu hören sind, klingen immer und überall gleich: „Managementfehler“, „falsche Personalpolitik“, „strukturelle Schwächen“, „mangelnder Einsatz“. All das ist richtig und nichtssagend zugleich. Es sind Floskeln, die nur Kenntnis vorgeben, wo aber die Ursache für die Krise schlicht noch nicht benannt ist.

Der HSV jedenfalls ist an Heidenheim und Sandhausen gescheitert. Sogar in der Dritten Liga, also in jener Spielklasse, die dem FCN nun droht, sind Namen vertreten, die für Fußballtraditionalisten klangvoller anmuten. Das liegt daran, dass der Klub abgestürzter Traditionsvereine mittlerweile ziemlich groß ist: Frühere Deutsche Meister oder Europapokalsieger wie Eintracht Braunschweig, 1860 München, FC Magdeburg oder der 1. FC Kaiserslautern schleppen sich durch die fußballerischen Unterhäuser.

Gewiss, es gibt Klubs, die die Rückkehr auf die Fußballbühne, auf die man dem Selbstverständnis nach gehört, geschafft haben: Hertha BSC war zwei Spielzeiten in der damals drittklassigen Oberliga Berlin (1986 bis 88), und auch der 1. FC Nürnberg musste sich 1996/97 in der drittklassigen Regionalliga tummeln. Beide kehrten irgendwann sogar in die Erste Bundesliga zurück.

Leere Tribüne im HSV-Stadion

Auch nach der Coronakrise wird der HSV kein so großes Stadion benötigen Foto: Christian Charisius/dpa

Vom Wert der Analogien

Wo stehen der HSV und der FCN? Analogien werden viele gehandelt: Ist der HSV das Karstadt der Liga? Ein ehemals große Adresse, die heute durchaus gebraucht würde, wenn das Management nicht unfähig wäre? Ist der FCN die SPD des Fußballs? Ein Traditionsverband, für den es durchaus Bedarf gäbe, wenn dieser Verein nicht immer im entscheidenden Augenblick exakt das Falsche täte?

Lustige Analogien im Fußball zu bilden, ist bekanntlich irgendwie Achtziger. Damals galt Jupp Derwall als der fußballerische Helmut Kohl, und in der Rückschau wurde aus Helmut Schön ein Willy Brandt mit Mütze. So etwas ermüdet auf die Dauer.

Aber allem ist doch gemein, dass Vergleiche und Verweise auf Politik und Wirtschaft Hinweise auf die gesellschaftliche Einbettung des Fußballs geben. Abstieg inmitten prosperierender Verhältnisse ist sehr selten. So gesehen: Warum sollte der Hamburger SV aufsteigen?

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Jahrgang 1964, Mitarbeiter des taz-Sports schon seit 1989, beschäftigt sich vor allem mit Fußball, Boxen, Sportpolitik, -soziologie und -geschichte

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