: Verschwinden Griechenlands Neonazis aus dem Parlament?
Nach Umfragen liegt die rechtsradikale Goldene Morgenröte bei der Wahl am Sonntag nur noch knapp über der Sperrklausel – weil eine neue Partei aus dem rechten Lager bei den Wählern punktet
Von Jannis Papadimitriou
„Aufstehen, der Führer kommt“, dröhnte es im Mai 2012 aus den Lautsprechern, als Nikos Michaloliakos, Chef der Neonazi-Partei Goldene Morgenröte den überfüllten Pressesaal betrat. Auf dem Höhepunkt der Wirtschaftskrise, im Mai 2012, hatten die Griechen die Rechtsextremen ins Parlament gewählt und damit ein politisches Erdbeben ausgelöst. Jahrelang agierten die Rechtsextremisten als drittstärkste Kraft in Hellas. Doch das könnte mit der Parlamentswahl am Sonntag ein Ende finden.
Umfragen zufolge liegt die Goldene Morgenröte nur knapp über der 3-Prozent-Sperrklausel. Gut möglich, dass die Neonazis aus dem Parlament verschwinden.
Seit Juni zeichnet sich ein Ende ihres Höhenflugs ab: Mit 4,88 Prozent der Stimmen blieb die Goldene Morgenröte bei der Europawahl hinter den eigenen Erwartungen zurück und schickt nur noch zwei Parlamentarier nach Brüssel. Ausgerechnet die in Griechenland traditionell starke kommunistische Partei (KKE), sowie die einigermaßen wiedererstarkten Sozialisten konnten die Rechtsextremen in der Wählergunst wiederholen.
Und da ist noch die Konkurrenz im eigenen Lager: Mit 4,18 Prozent der Stimmen schaffte die bis dahin unauffällig agierende, nationalistische Griechische Lösung bei der Europawahl überraschend den Sprung nach Brüssel. Die selbsternannte „patriotische Bewegung“ darf, laut Umfragen, mit einem weiteren Erfolg rechnen.
Nach eigenen Angaben hat die Griechische Lösung über 100.000 „Mitglieder und Freunde“. Doch eigentlich dreht sich alles um Parteichef Kyriakos Velopoulos, der nun auch im EU-Parlament sitzt. Der in Deutschland geborene Archäologe wehrt sich gegen jeden Verdacht, er sei rechtsextrem. Er befürworte „ein vereintes Europa der Solidarität und der Zusammenarbeit, von Lissabon bis nach Sibirien, in dem alle Staaten gleichberechtigt sind“, heißt es auf der Website seiner Partei. Gleichzeitig fordert seine Partei, das Interesse Griechenlands in den Vordergrund zu stellen – bleibt aber vage, wie genau das auszusehen hat.
Bis zur Europawahl hat Velopoulos sein Geld mit dem Verkauf von patriotischen Schriften und Medikamenten unklaren Ursprungs verdient – am liebsten über seine eigene Fernsehsendung. Am liebsten poltert der 54-Jährige gegen die Spardiktate aus Deutschland oder Brüssel und plädiert für die Orthodoxie und die Annäherung an Russland.
Als Griechenlands prominentester Putin-Versteher kommt Velopoulos nicht überall gut an – besticht aber durch seine Redegewandtheit. Moderate Protestwähler scheinen zu schätzen, dass er gegen die Mächtigen austeilt, aber immerhin keine Schlägertruppe unterhält – anders als die Goldene Morgenröte.
Bleibt noch die Frage, ob der redegewandte Patriot am Sonntag auch bei den religiösen Wählern punktet. Manche sind noch verstimmt, dass Velopoulos in früheren TV-Sendungen angeblich echte „Briefe von Jesus Christus“ zum Verkauf anbot. Das war in Vergessenheit geraten, wird aber zuletzt von politischen Gegnern und Journalisten vermehrt thematisiert.
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