Vermietung als Marketingcoup: Die Werbewirkung ist unbezahlbar

Die Deutsche Wohnen poliert ihr Image und rettet eine von Verdrängung bedrohte Kreuzberger Buchhandlung. Zum Samariter wird sie deshalb aber nicht.

Protest gegen die drohende Räumung der Buchhandlung Kisch & Co. im April 2021 Foto: dpa

Der folgende Text ist keine Werbeanzeige, trägt aber einer gelungenen Marketingaktion der Deutsche Wohnen Rechnung – da führt nichts dran vorbei. Schon im Mai wandte sich der Konzern an den vor der Zwangsräumung stehenden Eigentümer des Buchladens Kisch & Co. in der Oranienstraße, um ihm ein neues Domizil anzubieten.

Aus dem Angebot wurde ein Vertrag. Sechs Häuser neben dem alten Standort kann Thorsten Willenbrock, der seine bisherigen Räumlichkeiten diese Woche abgeben musste, ab September wieder Bücher verkaufen – und das zu durchaus tragbaren Mietkonditionen.

Die Deutsche Wohnen, deren Image in der Stadt kaum besser ist als das eines Sklavenhändlers, hat die Chance genutzt, ihren ramponierten Ruf aufzupolieren und damit indirekt dem Enteignungs-Volksbegehren etwas entgegenzusetzen. Dafür, dass der Aktienkonzern nun quer durch die Medienlandschaft als Retter eines Kulturstandortes erscheint, musste er nur darauf verzichten, aus einem kleinen Ladenlokal das Maximum herauszupressen.

Kisch & Co. erhält einen Staffelmietvertrag über elf Jahre und zahlt zunächst weniger als der Modeladen, der die Räume vorher innehatte. Für die Deutsche Wohnen bedeutet das Peanuts. Die Werbewirkung aber ist unbezahlbar.

Nachvollziehbarerweise ergreift ein kleiner Einzelhändler den einzigen Strohhalm, der sich bietet

Buchhändler Willenbrock ist sich dessen bewusst, dass die Deutsche Wohnen ihm den neuen Laden zu Marketingzwecken vermietet, aber was soll’s: Nachvollziehbarerweise ergreift ein kleiner Einzelhändler den einzigen Strohhalm, der sich bietet. Selbstverständlich bleibt aber auch: Die Deutsche Wohnen ist kein Samariter, kein sozialer Vermieter, sondern auf Maximalprofit getrimmt. Viele andere ihrer Ge­wer­be­mie­te­r*in­nen müssen darunter leiden.

Gleichzeitig ist der Konzern zwar der größte, aber nicht der schlimmste Vermieter der Stadt. Einer, der immerhin greifbar ist, anders als der luxemburgische Fonds, der Willenbrock vertrieben hat und ausschließlich über Anwälte kommunizieren ließ.

Kisch & Co. hat die Debatte über das fehlende Gewerbemietrecht vorangetrieben. 200 Menschen haben den Laden am Dienstag bei der Schlüsselübergabe an den Gerichtsvollzieher verabschiedet. Fans von privaten Vermietungskonzernen wird – trotz des schlauen Moves der Deutschen Wohnen – keiner mehr. Dafür gibt es auch keinen Grund.

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Redakteur für parlamentarische und außerparlamentarische Politik in Berlin, für Krawall und Remmidemmi. Schreibt über soziale Bewegungen, Innenpolitik, Stadtentwicklung und alles, was sonst polarisiert. War zu hören im Podcast "Lokalrunde".

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