Vergewaltigungsprozess um Gisèle Pelicot: Das Trauma der Heldin
Für die jahrelang vergewaltigte Gisèle Pelicot bleibt nach dem Prozess die Bewältigung ihres Traumas. Sie sollte damit nicht allein bleiben.
G isèle Pelicot ist mehr. Mehr als eine Ikone, mehr als eine Heldin, mehr als eine Pionierin. Als solche feiern Feministinnen weltweit die 71-jährige Französin, die über Jahre von ihrem Ehemann unter Drogen gesetzt, vergewaltigt und fremden Männern zum Missbrauch angeboten wurde. Tatsächlich verdient Pelicot mit ihrer Entscheidung, sich ins Licht der Öffentlichkeit zu begeben, den höchsten Respekt.
Die Scham muss die Seite wechseln, die Schande gehört den Tätern: Es ist der Mut dieser außergewöhnlichen Frau, der diese Parole aus dem Gerichtssaal von Avignon hinaus in die Welt trägt, mitten ins Herz der patriarchalen Schweigekultur. Aber dieser Mut hat einen Preis. Gisèle Pelicot zahlt ihn allein. „Wenn man mich so sieht, denkt man: Diese Frau ist stark“, sagte sie vor Gericht. „Aber in meinem Inneren ist ein Trümmerfeld.“
Jene, die sich eine übermenschliche Kämpferin wünschen, scheinen den zweiten Teil überhört zu haben. Sie sei eine „völlig zerstörte Frau“. In den vielen aktuellen Huldigungen liest man davon: nichts. Das ist ein Versäumnis. Denn wer vergöttert, entmenschlicht zugleich, mögen die Motive noch so nachvollziehbar sein. „I need a hero“, ich brauche einen Helden: Mit Bonnie Tyler ist die Lage gut zusammengefasst.
Europa und die Welt befinden sich mitten in einem antifeministischen Vormarsch, die Gewalt gegen Frauen spitzt sich zu. Frauenrechtlerinnen scheinen jetzt endlich eine Gegenerzählung zu wollen, ein Symbol des Zurückschlagens. Aber sie verschweigen eine zentrale Realität des Überlebens: den Schmerz. Wenn Pelicot damit genauso offensiv umgeht wie mit ihrem Kampf vor Gericht, sollten ihre Unterstützerinnen das auch tun. Anders werden sie dieser außergewöhnlichen Frau schlicht nicht gerecht.
ist Journalistin und Autorin mit den Schwerpunkten Migration, Frauen- und Menschenrechte.
Einer Bewegung, die sonst stets feinfühlig auftritt, Triggerwarnungen groß gemacht und den Begriff mental health auf die Karte gesetzt hat, steht das Ignorieren der traumatisierten, der zerstörten Pélicot nicht gut zu Gesicht.
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