Caracas nach US-Angriff: Neues, altes Venezuela
Seit Diktator Maduro in die USA entführt wurde, denken die Menschen in Venezuela wieder an die Zukunft. Doch dafür müssen sie auch in die Vergangenheit blicken.
I n dem Arbeiterviertel von Caracas, in dem Fabiana Zambrano* lebt, hört die Musik niemals auf. Es ist Mitte Januar, aus den Lautsprechern dröhnt Salsa. Einige Nachbarn genießen unter der tropischen Sonne ein Bier. Doch es liegt eine beunruhigende Stimmung in der Luft. Seit Tagen ist der städtische Alltag – Einkaufen, Gespräche an Straßenecken, das Kommen und Gehen von Motorrädern und Marktstände – mit einer unsichtbaren, allgegenwärtigen Angst unterlegt. In manchen Vierteln der venezolanischen Hauptstadt stehen an jeder Ecke Sicherheitskräfte.
„Es ist, als würde ich in zwei Welten gleichzeitig leben“, sagt Fabiana, die gerade ihre Wäsche wäscht. Sie ist Schriftstellerin und arbeitet in Caracas. Sie sehe sich die Nachrichten an, versuche zu verstehen, was passiert. „Es gibt Menschen, die es schaffen, mit all dem umzugehen. Für mich ist da ein ständiges Störgefühl. Ich kann nicht begreifen, was geschieht.“
Die Spannung, die Fabiana spürt, ist nicht abstrakt. Vor wenigen Tagen wurde sie von der Generaldirektion für Militärische Spionageabwehr auf offener Straße festgenommen. Fünfzig Minuten lang behielten sie Fabianas Ausweispapiere ein, fotografierten sie und nahmen ihr das Handy ab. Es liege Bedrohung in der Luft, obwohl niemand sie direkt bedrohe, sagt sie: „Das ist ein seltsames, heiß-kaltes Gefühl, das schwer zu beschreiben ist. Nur wer Venezuela erlebt hat, kann es verstehen.“
Am 3. Januar 2026 stürmten US-Truppen Caracas und nahmen Präsident Nicolás Maduro und seine Frau Cilia Flores fest. Seitdem hat sich die Wahrnehmung von Macht und Souveränität in Venezuela grundlegend verändert. Die Intervention – die weithin als Verstoß gegen das Völkerrecht kritisiert wird – verstärkt die Angst, das Gefühl der Bedrohung in einem Land, in dem seit Jahren politische und rechtliche Unsicherheit herrschen.
Die Autorin war 2025 Teilnehmerin des hybriden Workshops Green Panter Amazonien der taz Panter Stiftung mit Klimajournalist*innen aus der Amazonas-Region.
Ein Akt des Widerstands
Diese neue Anspannung trifft wohl keine Gruppe so sehr wie die jungen Menschen Venezuelas, die versuchen, ihre Zukunft zu gestalten. Ihr gesamtes Erwachsenenleben ist von Krisen geprägt, von Hyperinflation, Massenauswanderung, Wirtschaftskrise. Als Kinder von Ölarbeitern, Lehrern und Angestellten des öffentlichen Dienstes erlebten sie, während sie aufwuchsen, wie Institutionen verfielen, wie politische Loyalität Leistung ersetzte und die Wirtschaft zusammenbrach. Als nach Hugo Chávez’ Tod 2012 Maduro an die Macht kam, folgten die härtesten Jahre, mit Warteschlangen, mit Hunger und einer unterschwelligen Wut.
Dazu kommt die politische Repression – und Erinnerungen an die Proteste von 2014 und 2017 bis 2019, an die gefälschte Wahl von 2024, die politischen Kundgebungen der Folgejahre und die Mahnwachen. Viele von ihnen endeten mit Verhaftungen, es sitzen wohl Tausende Menschen in Venezuela aus politischen Gründen im Gefängnis. Mehr als 800 Fälle sind offiziell dokumentiert, darunter Aktivisten, Menschenrechtsverteidiger – aber auch Unbeteiligte.
Angst und Unsicherheit prägen also das Denken und das soziale Handeln junger Venezolaner. Für viele von ihnen ist deshalb das Sprechen über die Zukunft, selbst wenn sie es vorsichtig tun, ein Akt des Widerstands.
Nach dem Angriff der USA am 3. Januar übernahm Delcy Rodríguez, zuvor Maduros Vize, die Präsidentschaft in Venezuala. Sie rief einen „äußeren Ausnahmezustand“ aus und ermächtigte die Sicherheitskräfte, gegen diejenigen vorzugehen, die ihrer Ansicht nach ausländische Aggressionen unterstützten – die Willkür bleibt also, ebenso wie die Überwachung und Selbstzensur.
Inmitten wochenlanger, außerordentlicher Sicherheitsmaßnahmen kündigte die Regierung kürzlich aber auch die Freilassung politischer Gefangener an. Laut offizieller Angaben sind seit Dezember 2025 mindestens 406 Personen freigelassen worden. Unabhängige NGOs gehen jedoch davon aus, dass die Zahl deutlich niedriger liegt – je nach Quelle zwischen 70 und 100 Personen – und dass weiterhin Hunderte inhaftiert sind. Familienangehörige und Aktivisten fordern mehr Transparenz.
Fabiana Zambrano* Schriftstellerin aus Caracas
Leise Hoffnung
José Enrique*, 26 Jahre alt, ist eher optimistisch. Seit dem 3. Januar schläft er weniger, er bleibt jetzt länger auf. Doch er frühstückt weiterhin jeden morgen eine Arepa, checkt seine Social-Media-Accounts, spielt mit seiner Katze, telefoniert mit seiner Familie, geht zur Arbeit, unterhält sich mit seinen Kollegen. Und dann checkt er wieder Social Media.
Die Straßenkontrollen, bei denen die Handys untersucht werden, die Selbstzensur in den sozialen Medien, der Mangel an Demokratie – das alles sei geblieben. Doch die angekündigte Freilassung politischer Gefangener macht ihm Hoffnung. „Venezuela bedeutet für mich nach wie vor Unsicherheit. Aber es tut sich etwas, wir sehen Veränderungen – auch wenn es kleine sind –, die zuvor undenkbar waren“, betont er.
Dem offiziellen Diskurs über einen Wandel begegnet man in Caracas jedoch mit Skepsis. Abgesehen von den Ankündigungen der USA und der Person Maduros bleibt die Machtstruktur intakt. Die Festnahme des Präsidenten hat, zumindest vorerst, keine tiefgreifende Umgestaltung des politischen Systems gebracht. Aber viele junge Venezolaner nehmen die neue Situation als kleineres Übel, im Vergleich zu einem Regime, das – in ihren Worten – das Land völlig auseinandergenommen hat.
Felipe Gianvittorio, 28, studiert an einer europäischen Universität, auf Master in „Journalismus in totalitären Regimen und politischen Umbrüchen“. Seine Familie und seine engsten Freunde leben in Venezuela. Im Videocall zeigt er sich vorsichtig optimistisch. „Ich glaube, die USA machen Druck, um den Chavismus von innen heraus zu zersetzen und ihn so zu Anpassungen zu zwingen“, bemerkt er. Ein wirtschaftlicher und demokratischer Übergang könne so geschaffen werden. Aber: „Es könnte ein langer und schwieriger Prozess sein, der Jahre der Rezession und Enttäuschung nach sich zieht.“
Felipe ist überzeugt: Je traumatischer der Sturz von Regimen sich vollzieht, desto lauter wird der Ruf nach Gerechtigkeit. „Wir müssen das bewahren, was ich die ‚moralische Reserve‘ nenne, also im Grunde Anstand und demokratischen Widerstand, auch in Zeiten anhaltender Repression. Ich glaube, meine Generation hat nicht nur gefeiert, dass Nicolás Maduro weg ist, sondern auch, dass er sich vor Gericht verantworten wird“, schließt er.
Tiefe Wunden
Die Präsidentschaftswahlen vom 28. Juli 2024 haben tiefe Wunden hinterlassen: Die Wahlbehörde fälschte das Ergebnis und behauptete einen knappen Sieg Maduros gegen den Oppositionskandidaten Edmundo González. Zuvor war die eigentlich von der Opposition vorgesehene Präsidentschaftskandidatin María Corina Machado von allen politischen Ämtern ausgeschlossen worden. Proteste gegen die Wahlfälschung ließ die Regierung brutal niederschlagen, Demonstrierende wurde getötet und Tausende festgenommen.
Für viele junge Menschen war die erste demokratische Erfahrung somit die erste große Enttäuschung. Barbara Luzardo* war eine von ihnen. Die 25-jährige Hochschuldozentin zählte als Wahlleiterin Stimmen aus und dokumentierte das offizielle Ergebnis. Wenn sie von dem Wahltag erzählt, hat sie noch immer Tränen in den Augen. „Ich dachte, dass wir vielleicht auf demokratischem Weg da rauskommen würden. Die Bekanntgabe des Wahlbetrugs Minuten später war vernichtend.“
Für viele wird der demokratische Widerstand weiterhin von Personen wie María Corina Machado verkörpert. Für ihren Kampf um Demokratie und Freiheit erhielt sie 2025 den Friedensnobelpreis, den sie sowohl dem venezolanischen Volk als auch US-Präsident Donald Trump widmete, für dessen erklärte Unterstützung der demokratischen Sache in Venezuela. Diese Geste löste selbst unter internationalen Verbündeten Diskussionen aus.
Trump plant allem Anschein allerdings nicht, einer demokratischen Opposition in Venezuela zur Macht zu verhelfen. Er wolle die Führung im Land selbst übernehmen und die Kontrolle über die Ölverkäufe des Landes erlangen, erklärte er stattdessen. Und merkte an, Machado verfüge in Venezuela nicht über genügend Unterstützung. „Wir schätzen ihre Arbeit, aber ich denke, sie erfüllt unsere Erwartungen nicht. Sie muss entschieden dafür sorgen, dass die Opposition Teil der Übergangsregierung wird“, so Trump.
Machado bot Trump unterdessen an, ihm ihren Nobelpreis zu übergeben. Das Angebot wolle er gerne annehmen, sagte Trump, das Nobelpreiskomitee erklärte die Weitergabe später allerdings für unzulässig. Am Donnerstagabend wird Machado zu einem Besuch im Weißen Haus erwartet. Wie das Zusammentreffen mit Trump ausgehen wird, ist noch völlig offen.
In Caracas sitzt Luis Guillén* in der Dunkelheit der Nacht auf einer Treppe und wartet darauf, dass das Wasser angestellt wird. In seinem Wohngebiet ist der Zugang zur Grundversorgung eingeschränkt. „María Corina ist für viele von uns ein vielschichtiges Symbol“, sagt der 24-jährige Grafikdesigner. „Ihr Kampf um die Demokratie bei den Wahlen von 2024 ist unbestreitbar, ebenso wie die Hoffnung auf politische Teilhabe, die sie uns gegeben hat. Aber viele von uns empfinden diesen überschwänglichen Dank gegenüber Trump als Geschleime.“
Uneinig über die Vergangenheit
Um die Gegenwart Venezuelas zu verstehen, ist ein Blick zurück unerlässlich. Doch der sieht nicht für alle gleich aus: Viele ältere Venezolaner blicken anders auf die Geschichte als die junge Generation. Für sie beginnt der Chavismus nicht mit einem Zusammenbruch, sondern mit Integration. Als Hugo Chávez 1999 die Präsidentschaft übernahm, sorgte er für Zugang zu Sozialprogrammen, zu medizinischer Versorgung und Subventionen. Für viele Menschen, insbesondere Frauen in Städten, bedeutete das, zum ersten Mal vom Staat wahrgenommen zu werden.
Carmen Morales* gehört zu diesen Menschen. Sie ist 68 Jahre alt und steht vor einem Supermarkt in der Schlange, um Eier zu kaufen. Die Sozialprogramme seien ihre Rettung gewesen: „Die Regierung hat mir ein Haus und medizinische Versorgung gegeben. Ich komme aus einer sehr armen Familie. Dank dieser Programme und der Bildungsmissionen hat sich mein Leben verändert“, sagt die pensionierte Sekretärin. Ihre Geschichte zeigt, wie soziale Programme strukturelle Defizite in breiten Bevölkerungsschichten aufgefangen haben. In vielen Fällen führte das zu Loyalität und Dankbarkeit gegenüber Maduro.
Nicht wenige Menschen identifizieren sich deshalb weiterhin mit dem sozialistischen Projekt. Sie vergleichen es nicht mit einem abstrakten demokratischen Ideal, sondern mit der Ausgrenzung früherer Jahre. Aus dieser Perspektive ist die Vorstellung, „alles sei eine Katastrophe“ gewesen, nicht nur falsch, sondern auch beleidigend.
Verfallene Ölindustrie
Im fünften Stock eines Apartmenthauses im Herzen der Stadt spricht Damián Cortez* nicht aus politischer oder aktivistischer Perspektive, sondern aus der Sicht des alltäglichen Staatsbetriebs. Der 65-Jährige bereitet Kaffee und blickt beim Reden immer wieder über seine Brille hinweg.
„In der Raffinerie von Amuay – einem der größten Komplexe der Welt – gab es Umweltüberwachungssysteme, strenge Emissionsgrenzwerte, Notfallpläne und eine durchgängige Verantwortungskette, von den Ingenieuren bis zu den Aufsichtsbehörden“, erzählt der Ingenieur, der von 1990 bis 2002 bei Petróleos de Venezuela arbeitete, der größten Erdölgesellschaft Lateinamerikas.
Luis Guillén, Grafikdesigner aus Caracas
Die komplexen Anlagen zur Emissions-, Leckage- und Sicherheitskontrolle, erklärt er, habe ständige Investitionen und Fachkräfte erfordert, um betriebsbereit zu bleiben – doch das wurde in den letzten Jahren vernachlässigt. Berichte des Center for Strategic and International Studies (CSIS) bestätigen, dass Venezuelas Ölinfrastruktur nach jahrzehntelanger mangelhafter Wartung, fehlenden Ersatzteilen, der Abwanderung von Fachkräften und strukturellen Investitionskürzungen größtenteils verfallen oder außer Betrieb genommen wurde, was zu vermehrten Umweltvorfällen und einer geringeren Gesamtkapazität führte.
Damián verweist auf einen der Hauptgründe für den Zusammenbruch: Die Regierung verteilte Einkommen um, ohne die Institutionen zu unterstützen, die die Gewinne erwirtschafteten. Während ein Teil der Bevölkerung davon profitierte, verlor ein anderer Teil des Landes technisches Personal, Investitionen, Instandhaltung und operative Autonomie.
Unsicherheit und Hoffnung liegen nebeneinander
Doch Venezuela schrieb jahrelang den Vereinigten Staaten fast die alleinige Verantwortung für den wirtschaftlichen Zusammenbruch zu. Die „Blockade“ – ein Begriff, der Finanzsanktionen, Handelsbeschränkungen und diplomatischen Druck aus den USA umfasste – wurde zur allgegenwärtigen Erklärung, die in Radio- und Fernsehsendungen, auf Wandmalereien und bei öffentlichen Veranstaltungen immer wiederholt wurde.
Deshalb ist der plötzliche Widerspruch so tiefgreifend: Dasselbe Land, das jahrelang als Ursprung allen Übels dargestellt wurde, gilt nun als unvermeidlicher Partner beim Wiederaufbau. Nicht etwa, weil das eine gerechte oder wünschenswerte Lösung darstellt, sondern weil der venezolanische Staat die materiellen Kapazitäten verloren hat, seine strategische Infrastruktur aufrechtzuerhalten.
In diesem Wandel – vom äußeren Feind zum unverzichtbaren Akteur – offenbart sich mehr als nur eine geopolitische Veränderung. Er zeigt die Erschöpfung einer Erzählung, die absolute Souveränität versprach, aber eine abhängige Wirtschaft, eine zerstörte Industrie und eine Bevölkerung hinterließ, die gezwungen ist, zwischen ideologischen Narrativen und unvollkommenen Lösungen zu wählen.
Heute schaltet Damián seinen Computer nur noch ein, wenn es keinen Stromausfall gibt, und stellt sein Wissen Firmen anderer Länder zur Verfügung. Denn seit er aus der venezolanischen Arbeitswelt ausgeschieden ist, findet er hier keinen Job mehr. Carmen, die den Chavismus weiterhin als Ideologie verteidigt, lebt derweil weiter. Doch der Staat ist nicht mehr in der Lage, ihr zu garantieren, was er ihr einst versprochen hat.
Von einem Gebäude in Caracas aus verschmelzen Dächer, Kabel und Antennen zu einem urbanen Mosaik, das seinen eigenen Rhythmus atmet. Die Lichter der Stadt erstrahlen, und auf den Straßen geht das Leben weiter: Menschen arbeiten, junge Leute lernen, Nachbarn warten auf dem Markt, andere unterhalten sich oder gehen nach Hause. Unsicherheit und Hoffnung liegen nebeneinander, Wachsamkeit und Selbstbestimmung, Erinnerungen an schwere Zeiten und Pläne für die Zukunft. Dazwischen versuchen die Menschen einfach ihren Alltag aufrechtzuerhalten und sich vorzustellen, zögernd und ganz privat, wie ihr Venezuela in Zukunft aussehen könnte.
*Namen aus Sicherheitsgründen von der Redaktion geändert
Aus dem Spanischen Sunny Riedel
Die Autorin war 2025 Teilnehmerin des hybriden Workshops Green Panter Amazonien der taz Panter Stiftung mit Klimajournalist*innen.
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