Urteil gegen russischen Menschenrechtler: Entwertung der Geschichte

Dreieinhalb statt 15 Jahre für Juri Dmitrijew. Klingt milde – doch das Urteil belegt die Infamie des Systems.

Juri Dmitrijew wird von einer jungen Frau umarmt

Opfer eines infamen Systems – Dmitrijew erfährt Unterstützung aus der Bevölkerung Foto: imago

Ein Gericht in Karelien hat den Historiker und Menschenrechtler Juri Dmitrijew zu dreieinhalb Jahren Freiheitsentzug verurteilt. Die Staatsanwaltschaft hatte bei der Eröffnung eines neuen Verfahrens in selbiger Strafsache 15 Jahre Lagerhaft unter erschwerten Bedingungen gefordert.

Dreieinhalb Jahre, auf die überdies noch Dmitrijews Zeit in der U-Haft angerechnet werden, erscheinen da als Erleichterung.

Dennoch: Dmitrijew wurde verurteilt und gilt als vorbestraft. Im Vergleich zum ersten Prozess, der ihn 2018 freisprach, lautete die Anklage nicht einfach Kinderpornografie. Die Ermittler bestraften ihn mit einer noch härteren Anschuldigung: „Gewaltsame Handlungen sexuellen Charakters gegen eine Person unter vierzehn Jahren“, lautete es diesmal. Auch dies, ohne den geringsten Beweis vorzulegen. Der erste Freispruch hatte die Ermittler bloßgestellt - und deshalb sannen sie auf Rache.

Es ist die Infamie des Systems, in dem der Staat alles und das Individuum ein Nichts ist.

Dem hatte Dmitrijew durch die Aufdeckungen der Massengräber in Karelien aus der Zeit des Großen Terrors in den 1930ern entgegengearbeitet. Tausenden Opfern gab er Namen und Würde zurück. Dafür musste er bestraft werden. Denn die Würde des Menschen kommt im Denken dieses Systems einer Entweihung staatlicher Autorität gleich. Dagegen wehrt sich das System, dem es an Achtung fehlt. Huldigung kann sich morgen schon ins Gegenteil verkehren.

Daher die vielen Versuche des Kreml, die Figur Stalins doch noch reinzuwaschen. Daher jene Mühen der letzten Monate, der Geschichte des Zweiten Weltkriegs doch noch eine eigene Interpretation überstülpen zu können.

Letztlich würde Wladimir Putin gern die Siegermächte und China – diesmal unter seiner Ägide – zu einer Wiederauflage der Konferenz von Potsdam einladen. Mit demselben Ziel wie damals. Die Aufteilung der Welt. Da ginge es dann um mehr als Geschichte.

Bis dahin steht die Entwertung der Erinnerung auf dem Programm. Ja, die Schaffung einer hybriden Geschichte durch eine Entwertung der Fakten und auch durch eine Entwertung von Geschichte.

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Jahrgang 1956, Osteuroparedakteur taz, Korrespondent Moskau und GUS 1990, Studium FU Berlin und Essex/GB Politik, Philosophie, Politische Psychologie.

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