piwik no script img

Unter dem Pflaster die Sklaverei

Selbst in den USA weiß kaum jemand, dass New York einst ein Zentrum des Sklaven­handels war. Nun fordern Schwarze und indigene Ak­ti­vis­ten:­in­nen Entschädigung

Aus New York City Morgane Llanque

Gehetzte Geschäftsleute eilen an dem unscheinbaren Schild an der Wall Street vorbei, das zwischen den Wolkenkratzern winzig wirkt. Tausende Tou­ris­t:in­nen passieren es, ohne ihm auch nur die geringste Aufmerksamkeit zu schenken.

Die Tafel zeigt eine Zeichnung der Stadt New York, wie sie aussah, als die Wall Street noch direkt am Ufer des East Rivers lag: Hier wurde einst der frische Weizen von den Schiffen entladen und zum Meal Market geschleppt. Schon damals ging es hier an der Wall Street um den besten Deal.

Fast in Vergessenheit geraten ist, dass neben den prall mit Getreide gefüllten Säcken hier auch Menschen feilgeboten wurden. Indigene und vor allem Schwarze Kinder, Frauen und Männer, die aus afrikanischen Ländern entführt worden waren. In Fesseln gelegt wurden sie wie Vieh verkauft. Denn der Meal Market – das war der offizielle Sklavenmarkt New York Citys.

Es ist ein Ort des Schmerzes für die Nachfahren der Versklavten, ein Ort, der Fragen stellt nach der richtigen Form des Gedenkens und nach Entschädigungen. Und Antwort darauf geben muss nicht zuletzt der neue Bürgermeister New Yorks, der selbst auf dem afrikanischen Kontinent geboren wurde und die Hoffnung vieler Progressiven auf den Schultern trägt.

Tyrik Washington ist ganz in Schwarz gekleidet, über seiner runden Brille sitzt eine Baseballkappe der New York Yankees, er sagt: „Das Erste, was an der Wall Street gehandelt wurde, waren nicht Aktien, sondern Schwarze Körper.“ Washington, Musiker und Aktivist, zeigt eine Granitskulptur, nicht weit von New Yorker Börse entfernt, am südlichen Ende des Broadways. „For all those who are lost“, ist darauf eingraviert, „für all jene, die geraubt wurden; für all jene, die zurückgelassen wurden; für all jene, die nicht vergessen wurden“.

Hier, am African Burial Ground, dem afrikanischen Friedhof, stieß man in den 1990er Jahren auf die Gräber von hunderten freien und versklavten Schwarzen New Yorker:innen. Kein Wunder, denn nicht nur der Broadway selbst, sondern auch die Wall, die Stadtmauer, die New York im 18. Jahrhundert umgab, und die der Wall Street ihren Namen gab, haben Schwarzen Sklaven errichtet. Sie zogen sie entlang eines Pfads hoch, den Indigene vom Volk der Lenape einst angelegt hatten.

Im Jahr 1711 öffnete der New Yorker Sklavenmarkt, und die Stadt wuchs rasant. Von den rund 6.400 Ein­woh­ne­r:in­nen New Yorks waren damals fast 1.000 Schwarz. Fast alle von ihnen waren Sklaven, die wie Eigentum behandelt wurden. Sie kochten, wuschen, nähten, trugen Wasser, leerten Nachttöpfe, fegten Schornsteine und kümmerten sich um Kinder – alles ohne einen Dollar Lohn. Die meisten von ihnen arbeiteten in den Häusern der Weißen. Doch dort, wo heute Queens und Brooklyn sind, rodeten sie damals auch Land und pflanzten und beackerten die Felder, welche die Metropole, die sich gerade im Entstehen befand, ernähren sollten.

Tyrik Washington ist deshalb überzeugt davon, dass Schwarze New Yor­ke­r:in­nen ein Recht auf Anerkennung und Wiedergutmachung haben. Schon seine Eltern waren Ak­ti­vis­t:in­nen und An­hän­ge­r:in­nen der Schwarzen Befreiungstheologie. „Meine Eltern haben dafür gekämpft, dass Erinnerungsorte wie der African Burial Ground entstehen.“ Außer der kleinen Infotafel an der Wallstreet und dem Grabmahl gäbe es kaum etwas im öffentlichen Raum, dass an die Geschichte der Sklaverei in New York erinnert. „Damals wollte die Stadt die Gräber einfach schnell einasphaltieren, aber Schwarze Menschen haben dafür gekämpft, dass wir diesen Ort errichten.“ Damit die New Yor­ke­r:in­nen sich erinnern an die Ursprünge ihrer Stadt.

Geht es nach Tyrik Washington, muss aber noch viel mehr geschehen. Die Menschen müssten verstehen, sagt er, dass in New York extrem viele versklavte Afro­ame­ri­ka­ne­r:in­nen gelebt haben. Die Stadt stand dabei nach Charleston in South Carolina an zweiter Stelle. „Die Superpower, die New York ist, gäbe es nicht ohne die Arbeit Schwarzer Menschen“, sagt Washington. Sie hätten die Stadt selbst und ihren Reichtum erschaffen, aber sie hätten bis heute keinen Anteil an diesem Reichtum. „Unsere Vorfahren haben uns daher den Auftrag gegeben, für Reparationen zu kämpfen.“

Tyrik Washington vertritt Core, die Commission for Racial Equity. Dieser unabhängige Beirat untersucht derzeit, wie und ob die Stadt New York verpflichtet ist, ihre Schwarzen Ein­woh­ne­r:in­nen für vergangenes und bestehendes Unrecht zu entschädigen.

Zohran Mamdani versprach Hilfe

Ohne George Floyd gäbe es Core gar nicht. Als der Afroamerikaner 2020 brutal von einem Polizisten in Min­nea­po­lis ermordet wurde, brachen überall in den USA Massenproteste aus. In New York City brannten Autos, Molotowcocktails explodierten. Die Wut wuchs. Denn keine Bevölkerungsgruppe in den USA ist so häufig von Polizeigewalt betroffen wie Schwarze Menschen. Keine wird so häufig inhaftiert. Bis heute ist der sogenannte Racial Wealth Gap in New York zwischen weißen und Schwarzen Menschen gigantisch, die ungleiche Wohlstandsverteilung also.

Am wenigsten besitzt laut einem Report der Columbia University und der Robin Hood Foundation die Gruppe der Latinos. Zu denen gehören – gerade in New York – auch viele Afrolatinos mit Wurzeln in Puerto Rico, Kuba und der Dominikanischen Republik.

Im Zuge der Debatte über strukturellen Rassismus nach der Ermordung George Floyds gründeten sich überall in den USA sogenannte Racial Justice Commissions. Auch Tyrik Washingtons Core entstand 2022 nach einem Referendum, in dem die New Yor­ke­r:in­nen explizit für die Einrichtung einer solchen Kommission stimmen.

Letztendlich kann man fast jede rassistische Diskriminierung in diesem Land auf die Sklaverei zurückführen

Jennifer L. Morgan, Historikerin an der New York University

2024 dann beauftragte die Stadt Core ausdrücklich damit, die historischen und bis heute fortwirkenden politischen und ökonomischen Folgen der Sklaverei in New York zu untersuchen – und konkrete Formen von Entschädigungen vorzuschlagen. Bis zum nächsten Jahr soll die Kommission ihren endgültigen Bericht vorlegen. Doch ob diese Empfehlungen umgesetzt werden und wie, das entscheidet am Ende die Stadtverwaltung.

Tyrik Washington findet das nicht richtig. „Diejenigen, die das Problem verursacht haben, können nicht diejenigen sein, die das Problem lösen“, sagt er. Das die heutige Regierung nicht die Verantwortung für die Sklaverei trägt, weiß Washington. Doch man spürt ein großes Misstrauen gegenüber weiß dominierten Institutionen, die Schwarze New Yor­ke­r:in­nen seiner Meinung nach nicht genug schützen. Vor Armut, aber vor allem auch vor Polizeigewalt. Immerhin: Mit Zohran Mamdani ist seit Januar in New York ein Bürgermeister an der Macht, der die Umverteilung von Wohlstand will. Auch wenn der 34-Jährige demokratische Sozialist und Sohn indischer Eltern aus Uganda keinen Hehl daraus macht, dass die Klassenfrage für ihn die entscheidende ist – und nicht die nach ethnischer Herkunft.

In einem Interview mit dem Schwarzen Magazin The Root sagte Mamdani Ende Juli, dass er zwar erst den Bericht und die Empfehlungen von Core abwarten müsse, aber sich grundsätzlich an das Versprechen halten wolle, das er während des Wahlkampfs abgegeben hatte: Er werde die Nachfahren der Skla­v:in­nen dabei unterstützen, „his­to­rische Diskriminierung“ und „bestehende Ungleichheiten zu beseitigen“. Seitdem äußert sich der Bürgermeister nicht mehr öffentlich zu diesem Thema, auch nicht auf Anfrage. Die Debatte ist heikel. Sollten diese Reparationen wirklich kommen, wer soll sie dann bezahlen bei einem klammen Stadthaushalt? Wie werden diese Reparationen aussehen? Wem stehen sie zu? Und wer wird dabei ausgeschlossen?

Nördlich vom African Burial Ground, an einer Kreuzung, die den Namen Cooper Square trägt, ein Industrieloft mit gigantischen Fenstern. In den 1930er Jahren für Handwerk und Gewerbe errichtet, hat in dem Bau die New York University ihren Sitz. Im vierten Stock räumt Professor Jennifer L. Morgan einen Stuhl vor ihrem Schreibtisch frei, Familienfotos stehen hier zwischen Türmen aus Büchern, „Britain’s Black Debt“ steht auf einem. Jennifer L. Morgan lehrt Geschichte, sie weiß, wie aufgeladen die Debatte über die Vergangenheit New York Citys ist. Schließlich genieße die Stadt weltweit das Image eines progressiven Mekkas, sagt Morgan. New York City als Ort der Sklaverei und weißer Vorherrschaft? Das passe nicht ins Image.

Nach dem Ende des US-amerikanischen Bürgerkriegs 1865, sagt Morgan, „wurde ein bestimmtes Narrativ verfolgt“. Die Nordstaaten hätten den Bürgerkrieg geführt, so diese Erzählung, um den Süden vom Joch der Sklaverei zu befreien. „Aber in Wirklichkeit stimmt das natürlich nicht ganz“, sagt Morgan. „Im Norden gab es auch Sklaverei. Vor allem in New York, wo zeitweise ganze 40 Prozent der Haushalte Schwarze Sklaven beschäftigten.“ Bei der Abschaffung der Sklaverei sei es auch um die Konkurrenz gegangen, die weiße Arbeiter in den Sklaven sahen. Denn wer will schon für Arbeit bezahlen, wenn er sie auch erzwingen kann. „Es ging um weiße Interessen. Und selbst als die Sklaverei im Norden nominell abgeschafft wurde, setzte sie sich in anderer Gestalt fort.“

Jennifer Morgan bezieht sich dabei auf die sogenannten Gradual Emancipation Acts die New York und New Jersey Ende des 18. Jahrhunderts erließen. Eines der Gesetze von 1799 versprach zwar Freiheit für alle Kinder, die versklavte Frauen künftig zur Welt bringen würden, das allerdings erst nach Jahren weiterer Zwangsarbeit: Jungen mussten für die Versklaver ihrer Mütter arbeiten bis sie 28 Jahre alt waren, Mädchen bis 25.

Können Reparationen Armut bekämpfen?

Wer bereits versklavt war, blieb es, die endgültige Freilassung dieser Menschen wurde im Norden erst 1827 umgesetzt. Doch auch danach waren Schwarze Menschen alles andere als gleichgestellt. Die New York State Cons­ti­tu­tion von 1821 schaffte die Regelung ab, dass weiße Männer Eigentum haben mussten, um wählen zu können. Von Schwarzen Männern verlangte sie aber ein Grundeigentum im Wert von mindestens 250 Dollar, bevor sie wählen durften. Weißer Wohlstand und weißer Einfluss konnten sich so weiterhin auf dem Rücken Schwarzer und indigener Menschen anhäufen. Für die blieben nur Krümel.

2014 schrieb der Schwarze Autor Ta-Nehisi Coates im Magazin The Atlantic ein einflussreiches Plädoyer für Reparationen. Darin beschreibt er eine historische Kausalitätskette, die von der Sklaverei zu späteren rassistischen Gesetzen und der heutigen Epidemie von Gewalt gegen Schwarze Menschen führt – und zu ihrer Armut. Eine Armut, die Coates zufolge mit Reparationen bekämpft werden müsse.

Auch Geschichtsprofessorin Jennifer Morgan kommt zu diesem Schluss. „Glaube ich, dass Reparationen gerecht und notwendig sind? Ja. Aber ich halte mich ganz an die Schlussfolgerungen, zu denen auch Coates gekommen ist.„Es sollte Entschädigungen geben, die direkt und ausschließlich an die Nachfahren von Schwarzen Sklaven gehen. „Aber ich glaube, dabei darf man es nicht belassen. Außerdem müssen Reparationen nicht zwangsläufig in Form von Schecks kommen. Meiner Meinung nach müssen es vor allem institutionelle Investitionen sein, in bezahlbare Wohnungen aber vor allem in Schulen, die nicht nur Schwarze Menschen benachteiligen, sondern auch Braune Menschen.“

Morgan dreht sich um und deutet aus dem Fenster ihres Büros. „Nur ein paar Blocks von hier steht die Stuyve­sant High School, die als die beste öffentliche Schule New Yorks gilt. Die Idee ist, dass dort alle dieselben Chancen haben, über Leistung hineinzukommen, durch einen Aufnahmetest. Letztes Jahr wurden aber nur 8 Schwarze und 27 Latinos aufgenommen. Bei einem neuen Jahrgang von 778 Schüler:innen!“

Dieses Beispiel zeige: die Voraussetzungen sind nicht gleich verteilt in New York City. Um die akademischen Leistungen erbringen zu können, mit denen man es auf eine solche Eliteschule schafft, muss ein New Yorker Kind einen Raum haben, in dem es in Ruhe lernen kann. Bücher und Zugang zu Internet. Eltern, die die notwendige Zeit und das Geld haben, ihr Kind bei dieser Prüfung zu unterstützen. Nichtweiße Kinder haben all diese Privilegien oft nicht. Eine Ausnahme sind Asian Americans, die den Großteil der nicht weißen Schü­le­r:in­nen der Stuyvesant High ausmachen. Das stehe wiederum in einem direkten Zusammenhang damit, dass Asian Americans innerhalb der Racial Wealth Gap nach den weißen Einwohnern New Yorks an zweiter Stelle stehe, erklärt Morgan.

Die Historikerin glaubt jedoch, dass Reparationen alle benachteiligten Gruppen New Yorks einschließen müssten. „Letztendlich kann man fast jede rassistische Diskriminierung in diesem Land auf die Sklaverei zurückführen. Indirekt sind davon auch Latinos und andere Minderheiten betroffen. Und wir dürfen auch nicht die indigenen Menschen vergessen, die vor uns allen in New York waren.“

Jennifer Morgan forscht derzeit in Sylvester Manor – einem herrschaftlichen, sonnengelb gestrichenen Anwesen, das mit grünen Fensterläden zwischen Buchsbäumen und Kiefern auf Shelter Island steht, einer Insel, die zum Bundesstaat New York gehört. Hier zwang einst die weiße Familie Sylvester indigene und Schwarze Sklaven Seite an Seite zur Feldarbeit, um Nahrungsmittel zu produzieren. Diese wurden dann an ein anderes Mitglied der Familie nach Barbados in der Karibik verschifft, um auch dort wiederum Sklaven zu ernähren.

„Wir müssen diese Geschichten gemeinsam denken“, sagt die Historikerin Jennifer Morgan. Der Musiker und Aktivist Tyrik Washington sieht das anders. Was Schwarzen Sklaven geschehen sei, sei ein spezifisches Verbrechen. „Amerika hat die japanischen Bürger, die in Internierungslager verschleppt wurden, für dieses spezifische Verbrechen mit Reparationen entschädigt“, sagt Washington. „Sogar die sogenannten Sklavenhalter selbst erhielten nach Abschaffung der Sklaverei Formen von Entschädigungen und Wiedergutmachung für ihre sogenannten wirtschaftlichen Einkommensverluste“, sagt Washington. „Aber was ist mit den Afroamerikaner:innen?“ Zeitweise seien befreiten Schwarzen Menschen von der Obrigkeit 40 Morgen Land und ein Maultier versprochen worden. „Doch auch dieses Versprechen wurde letztendlich gebrochen.“

Für Washington ist es essenziell, dass es eine Wiedergutmachung speziell für Schwarze New Yor­ke­r:in­nen geben muss, unabhängig davon, welche Entschädigungen an andere ethnische Gemeinden in New York City gehen.

Parallel zu Core, gibt es in New York noch eine zweite Kommission, die sich derzeit mit Reparationen befasst, die „New York State Community Commission on Reparations Remedies“. Sie war durch ein Gesetz eingesetzt worden, das die demokratische Gouverneurin des Bundesstaats New York, Kathy Hochul, im Dezember 2023 unterzeichnet hatte.

Im Mai hielt diese Kommission öffentliche Anhörungen ab, in denen Schwarze New Yor­ke­r:in­nen sich dafür aussprechen konnten, wie mögliche Reparationen für sie aussehen könnten. Dem konservativen Fernsehsender Fox News sagte eine Anwesende namens Brooke Lean im Mai: „It shouldn’t only be a check, but it should start with a check.“ Es sollte nicht nur ein Scheck kommen, aber mit einem Scheck sollte es anfangen. Andere Beteiligte forderten 800.000 Dollar für jede Schwarze Einrichtung in New York.

Manche Schwarze New Yor­ke­r:in­nen finden, alle Schwarzen Menschen in New York sollten Entschädigungen erhalten, da sie alle überproportional von Diskriminierung und Polizeigewalt betroffen seien. Auch wenn ihre Familien erst in den 1960er Jahren aus Puerto Rico eingewandert sind oder in den 1990ern aus afrikanischen Ländern. Wieder andere sind der Meinung, dass wirklich nur die direkten Nachfahren Schwarzer Sklaven Geld erhalten sollten.

Aber wie beweist man, dass man von Sklaven abstammt?

Jennifer Morgan sagt: „Es gibt ein Ungleichgewicht innerhalb der afroamerikanischen Gemeinschaft zwischen denen, die ihre Ahnen zurückverfolgen können, und denen, die das nicht können.“ Oft seien diejenigen, die ihre Abstammung zurückverfolgen könnten, in irgendeiner Weise privilegiert. Fakt ist: Nicht je­de:r Afro­ame­ri­ka­ne­r:in kann auf historische Archive zugreifen, um die eigene Abstammung zu belegen. Weil das Leben von Schwarzen über Jahrhunderte nicht wertvoll genug schien, um es auf Papier festzuhalten.

Während die Organisation Core Büros im vornehmen Manhattan hat, gibt es für das Lenape Center keinen physischen Ort in New York City. Diese Organisation versucht, die Geschichte der indigenen Ein­woh­ne­r:in­nen der New Yorker Gegend sichtbar zu machen. Und sie kämpft für das Recht auf Wiedergutmachung für die etwa 16.000 bis 20.000 Angehörigen der drei staatlich anerkannten Lenape-Völker. Schließlich hatten die europäischen Sied­ler:in­nen die Lenape ermordet, von ihrem Land vertrieben und versklavt.

Laut Joe Baker, dem Direktor des Le­na­pe Centers, haben weder Core noch die New York State Community Commission die drei vom Bund anerkannten Lenape-Stämme bisher in ihre Überlegungen miteinbezogen. Baker hält das für falsch. „Das Leid, die Ausbeutung und die Opfer, die versklavte Afrikaner und ihre Nachkommen erdulden mussten, sind entsetzlich und erfordern eine ernsthafte Anerkennung und Wiedergutmachung“, sagt der Künstler und Aktivist, der einer alten Lenape-Linie entstammt. „Unsere Geschichten stehen nicht im Wettbewerb miteinander; sie sind Fäden derselben unvollendeten Aufarbeitung, die diese Stadt ihren Menschen schuldet.“

Baker zufolge gab es zuletzt Mitte Februar ein Treffen zwischen Chief Brad KillsCrow vom Stamm der Delaware und Ver­tre­te­r:in­nen Mamdanis. Bei dem Gespräch soll es auch um das Thema Reparationen gegangen sein, es soll herzlich verlaufen sein und konstruktiv. Die Lenape hätten seitdem mehrfach beim Büro des Bürgermeisters um Folgegespräche gebeten, sagt Baker. Eine Antwort sei bis heute nicht gekommen.

Diese Recherche wurde unterstützt vom Verein Villa Aurora & Thomas Mann House, Los Angeles.