Unter Freunden: Mit der Schreibmaschine auf dem Balkon
Ein Abend, die Nacht, zehn Jahre. Die Zeit vergeht viel zu schnell, wenn wir sie mit geliebten Menschen verbringen.
V or ein paar Tagen hatte L. Geburtstag. Ich erinnere mich ganz genau an einen Abend, kurz bevor sie geboren wurde. Ihre Eltern, meine Freunde, spielten noch mit ihrer Band in einer verrauchten Kneipe in Neukölln. Die Mutter saß am Schlagzeug und ihr riesiger Bauch sah so aus, als wäre er Teil des Instruments.
An diesem Abend, zehn Jahre später, verabschiedete sich L. mit einem Kuss an jede von uns, bevor sie mit dem Buch, das ich ihr geschenkt hatte, unterm Arm ins Bett geht. Wir sitzen danach zu dritt auf dem Balkon wie an viele anderen Abenden. Diesmal allerdings von Kopf bis Fuß eingepackt in Mütze und Schal, dazu eine Decke um die Taille. Eine Feuerschale wäre jetzt gut, denken wir, und eigentlich auch Glühwein statt des Rotweins, den wir trinken. „Soll ich ihn warm machen?“, fragt N. Und wir lachen.
G. fotografiert uns, wie wir die Schreibmaschine ausprobieren, die die beiden für L. besorgt haben. Wir sprechen über die Generation X, über die Millennials und über die Alpha-Generation – so nennt man die Menschen, die ab 2012 geboren sind, zu der auch L. gehört.
Bevor ich gehe, gibt mir G. noch eine kleine Tafel Schokolade für den zehnminütigen Fußweg nach Hause. Draußen ist es nebelig und kalt. Ich gehe die Richardstraße Richtung Karl-Marx-Straße entlang, ohne Musik zu hören, um die Stille zu genießen.
Die Gaslaternen in Rixdorf, so wie die roten und orangen Sterne an Fenstern und Balkonen, spendieren dem Bild eine warme, aber auch melancholische Note. Und weil ich, bis ich zu mir ankomme, keinem anderen Menschen begegne, kommt mir das Ganze etwas metaphysisch vor.
Doch, wenn ich sehe, wie spät es geworden ist, finde ich normal, dass die Straße leer war. Dass es 2 Uhr nachts ist, hatte ich nicht gedacht. Eigentlich kein Wunder: Bei geliebten Menschen verfliegt die Zeit viel zu schnell, ohne dass wir es merken.
Unser Mittel gegen Antifeminismus
Wir machen linken Journalismus aus Überzeugung: kritisch, unabhängig und frei zugänglich für alle. Es gibt keinen Bezahlzwang, keine Paywall. Das geht nur, weil sich viele freiwillig beteiligen und unsere Arbeit unterstützen. Auch im Digitalen muss Journalismus, der für mehr Gleichberechtigung eintritt, finanziert werden. Unsere Leser:innen wissen: Journalismus entsteht nicht aus dem Nichts. Damit wir auch morgen noch unsere Arbeit machen können, brauchen wir Ihre Unterstützung. Schon über 48.000 Menschen machen mit und finanzieren damit die taz im Netz - kostenlos für alle. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5 Euro sind Sie dabei. Jetzt unterstützen
meistkommentiert