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Unsere Mütter, unsere Stars

2001 machte der Pop den weiblichen Körper zur öffentlichen Bewertungssache. Verkauft wurde das als Befreiung. Heute kriechen Sängerinnen noch immer über die Bühne, angeblich freiwillig – und die Zurichtung heißt jetzt Selbstbestimmung. Eine Abrechnung mit einer Ästhetik, die nie eine Wahl war

Von Paula Irmschler

Mutti war peinlich. Mutti trug weite Klamotten, natürliche Farben – „hippiemäßig“ haben wir es genannt. Mutti hatte Haare an den Beinen. Mutti hatte einen erwachsenen Frauen­körper mit Brüsten, Hüften und Bauch. Mutti machte FKK. Mutti hatte ein Buch mit „Nackschen“ im Regal, da waren Körper von Menschen jeden Alters zu sehen.

Wenn ich heute an Mutti früher zurückdenke, denke ich, dass sie wunderschön war und noch immer ist. Sie war eine arbeitende, alleinerziehende, krea­tive, schlaue, ostdeutsche Frau. Das ästhetische Problem, das es zwischen uns gab, hatte mit ein paar Jahren völliger Gehirnwäsche durch kapitalistische Medien zu tun.

Mutti war keine Teenagerin in der BRD, die in unserer Welt ihr zweites Jahrzehnt angetreten hatte. Meine Schwestern und ich waren das aber, und wir hatten an dem einzigen Ort, der uns Anfang der Nuller interessierte, gelernt, dass ausschließlich Teenagerinnen schön sind – wenn sie ein paar sehr wichtige Regeln befolgten. Der Ort war MTV, plus sein deutsches Pendant Viva und, in Ästhetik und Themenwahl ähnlich, die Bravo.

Die Regeln waren: Werd nicht älter als 21. Rasier dich überall. Bräune dich. Wiege nicht über 50 Kilogramm. Trag einen Tanga. Trag einen Push-up-BH. Fülle ihn aus, zur Not mit Socken. Hab einen flachen Bauch. Stell dich immer in Konkurrenz zu anderen Mädchen, vertraue ihnen nicht, tue dich nicht über das Notwendige hinaus mit ihnen zusammen. Das Notwendige: Jungs kriegen, noch besser erwachsene Männer. Das wiederum als kapitalisierbaren Wert verstehen und zu einer Kar­riere machen.

Die Regeln waren manchmal ausgesprochen, manchmal va­riier­ten sie etwas, sie waren aber nie subtil. Mädchen sollten sich in den Nullern in Wettbewerben vergleichen, wurden auf Festivals in Skalen bewertet, bei „Hot or Not“ gevotet oder nicht, von Männermagazinen in Listen aufgereiht, in Highschool-Komödien in fickbar und unfickbar unterteilt. In der Bravo war nicht nur einmal als „Extra der Woche“ ein Tanga. Er war miniklein. Für Kinder. Für Mädchen.

Ab 2001 prasselte es durch die Bildschirme auf uns ein: der Film „Bring It On“, die Musikvideos zu „Bootylicious“, „Dirrty“, „Lady Marmalade“ und „I’m A Slave 4 You“. Damit konnte man auch Teenagerinnen hierzulande folgende „Interessen“ verkaufen: Cheerleading, Twerken, Schlammcatchen, Burlesque und Bauchtanz. Am wichtigsten schien dabei, das Stehen und Sitzen aufzugeben – junge Frauen gehören auf den Boden! Sie sollen kriechen, das ist „heiß“.

Die aktuell erfolgreichen weiblichen Popstars Sabrina Carpenter, Tate McRae und Olivia Rodrigo kriechen noch immer bei Auftritten und in Videos. Allein: Sie machen es nun selbstbestimmt, so heißt es. Sie haben angeblich nicht den gemeinen Vatermanager wie Be­yoncé oder Britney, sondern wollen es selbst, drücken sich aus, zelebrieren ihre Sexualität, die rein zufällig immer der ähnelt, die seit der Jahrtausendwende durch die explosive Verbreitung von Pornoästhetik in der Popkultur kolportiert wurde.

Diese wirkungsvolle Erzählung lieferte der Neoliberalismus schnell mit, damit Feministinnen nicht allzu viel verhindern konnten: Ihr entscheidet euch selbst dazu. Ihr wollt das. Ihr macht das. Dafür nahm man uns alle noch mehr ins Boot. Wir konnten nicht nur Stars ästhetisch nacheifern, wir konnten selbst welche werden, wenn wir uns anstrengten. Es gab plötzlich Sendungen wie „Popstars“, „Big Brother“, sowie Datingshows und ganz viel „Rea­li­ty“. Falls wir es im ollen Fernsehen nicht schafften, dann halt vor der Webcam zu Hause.

Dass es besser läuft, wenn wir auf eine bestimmte Weise aussehen und uns auf eine bestimmte Weise ausziehen, ist nun mal so. Muss man ja nicht machen. „Die Mädels wissen, worauf sie sich einlassen“ war später wohl der meistgesagte Satz bei Formaten, in denen junge Frauen vor Kameras erniedrigt wurden.

Wer etwas gegen diese Form der Präsentation hatte, war erst prüde, später klang „sexnegativ“ für viele progressiver. Jahre und Jahrzehnte später verklärt man die Zeit der Nuller als besonders verspielt. Auch manche Frauen und Queers sehnen sich beispielsweise nach der „alten“ Britney zurück, der ausgebeuteten Teenagerin, die, sie hat es immer wieder gesagt, nicht glücklich gewesen ist.

Christina Aguilera wird hingegen dafür gefeiert, nicht zu altern, also besonders viele Ope­ra­tionen vorgenommen zu haben und Filter auf ihr Fotogesicht zu legen, genauso ist es mit Shakira, die gefühlt seit 20 Jahren die WM-Songs singt. Und natürlich freut man sich über Comebacks der Nuller-„Skandalnudeln“ Paris Hilton und Lindsay Lohan. In Nuller-Optik, als wären ihnen die Zurichtungen nie passiert.

Die Regeln waren: Rasier dich überall. Bräune dich. Wiege nicht über 50 Kilogramm

Alle sollen sie Girls sein und bleiben. Keine wirklichen Ausnahmen sind die Mitte-30-jährige Taylor Swift mit ihren Barbie-Outfits und ihrem „Life of a Showgirl“ oder Ariana Grande, über deren dünnen Körper derzeit gesprochen wird wie über den eines Teenagers, für den alle das Sorgerecht haben.

Die Erzählung, dass dieser eine Look, der mal „slutty“ hieß und jetzt zum Beispiel „fotzig“ – also einen möglichst jung aussehenden Körper in Dessous und Klamotten stecken, die ihn aussehen lassen, als wäre er geknebelt – die einzige Form von sexueller Befreiung ist, funktioniert noch immer. Dabei ist der Look das Gegenteil. Man denke an den Schmerz in den Fersen in hohen Schuhen. Man denke an den Schmerz, den BH-Bügel auslösen, wenn sie einem von der Seite in die Titte stechen. An den Schmerz, wenn der String in die Ritze rutscht. An den Schmerz einschneidender Hüfthosen. An den Schmerz vom Sonnenbrand auf den Schultern. An den Schmerz des Hungers. An den Schmerz, den man nach dem Sex mit den Dödeln hat, die man kriegt, wenn man so aussieht und die Regeln befolgt.

Das ist alles nicht frei, sondern Eingeschnürtsein. Es ging ja nie ums Nacktsein. Nacktsein braucht weder Schnüre noch Stäbe oder Hacken, Nacktsein heißt behaart und hängend und wackelnd am FKK rumhängen, ohne Performancedruck, ohne das Streben nach Anerkennung oder einen Paycheck, einfach nur mit Vorfreude darauf, gleich ins Wasser zu springen und dann hüpft alles so lustig.

Sexuell befreit sein hieße, Frau und erwachsen werden zu dürfen. Doch wir haben im Pop die Frauen verloren und zugelassen, dass sie Vorstellungen eines Girlseins gewichen sind, die vom Porno kommen, von mächtigen Männern, die auf „barely legal“-Teenager stehen, die sie manipulieren, bezahlen, rekrutieren, und wie wir mittlerweile wissen, auch entführen und sowieso ausbeuten.

#MeToo kam viel zu spät, und die Körperbilder sind noch da. Das mit dem groß rauskommen funktioniert heute immerhin nur noch so mittel als Erzählung. Man kann ein bisschen OnlyFans machen, aber dass man als junge Frau „auserwählt“ wird, ist zu sichtbar gescheitert. Stattdessen liegt der Fokus heute auf Konsum. Dank Fast Fashion kann man sich alle paar Minuten eine neue Girlgeschmacksrichtung zulegen, Clean Girl, Brat, Academia und so weiter. Dank Klarna und Co verschuldet man sich bei all den Bestellungen – dagegen wirkt Jamba, das ebenfalls zu Beginn des neuen Jahrtausends mit seinem Sparabo loslegte, aus heutiger Sicht fast seriös.

If the kids were united, wäre das alles nicht so schlimm. Medien halt. Aber die Schere zwischen realer Welt und Popkultur fühlt sich mittlerweile kleiner an, weil wir über das Smartphone die ganze Zeit „mitmachen“ können. Bloß stimmt das nicht. Die sozialen Medien gehören noch immer reichen Männern, die mit der Ausbeutung von Mädchen und jungen Frauen am meisten Kohle machen. Waren die Spice Girls, trotz ihrer unterschiedlichen Geschmacksrichtungen, wenigstens noch zusammen, werden junge Frauen nun angehalten, allein vor ihrem Ringlicht zu hocken und sich für eine Identität zu entscheiden.

Dabei hat das mit ihrer wirklichen Realität immer noch nicht viel zu tun. Mädchen gehen gemeinsam, auch mit Jungs, zur Schule. Sie machen gemeinsam eine Ausbildung. Sie studieren. Sie arbeiten. Sie haben Freundeskreise, sie haben Familien, sie machen Sport, sie haben Hobbys, sie gehen tanzen, sie machen Kunst. Es gibt noch immer genug Räume, in denen man gemeinsam diesen gefährlichen Erzählungen entkommen könnte.

Mutti hat immer gesagt, wir sollen uns den Dreck im Fernsehen nicht immer reinziehen (meist war es der „Amidreck“), und ich, so langsam auch im Muttialter, kann nichts anderes feststellen, als dass sie Recht hatte.

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