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Ungarn, Gaza, EpsteinFalsche Zahlen, halbe Wahrheiten und ein Leuchtturm im Meer

Was muss geschehen, damit Maja T. einen fairen Prozess bekommt? Welcher Arztkittel entscheidet über Frauenrechte? Und wo sind Epsteins Männer?

Maja T. wird am 04.02.2026 aus dem Gericht in Budapest gebracht Foto: Bernadett Szabo/reuters

t az: Herr Küppersbusch, was war schlecht letzte Woche?

Friedrich Küppersbusch: Es gibt Ad-Blocker. Kann ich bitte für die Winterspiele einen Sturzblocker haben?

taz: Und was wird besser in dieser?

Küppersbusch: Die ARD-Kommentatoren beschimpften live auf dem Sender ihre Regie, weil die stur auf den Unfallbildern blieb.

taz: Maja T. wurde in Ungarn zu acht Jahren Haft verurteilt. Die damalige Auslieferung wurde vom Bundesverfassungsgericht als verfassungswidrig erklärt. Was erwarten sie jetzt von der Bundesregierung?

Küppersbusch: Nach Hause holen, fairen Prozess machen. So klar. So unmöglich. Nach deutschem Recht hätte Maja T. nicht in Ungarn und nicht vor diesem Gericht stehen dürfen. Die Auslieferung war illegal, und die EU hält Milliarden zurück, auch weil Ungarns Justiz politisch hörig sei. Innenminister Dobrindt hingegen hat gegen das Verfahren „nichts einzuwenden“, und da sind wir alle mal sehr gespannt, wo er da die Unterschiede zu Praktiken des ICE sieht. Stattdessen verweist die Bundesregierung auf einen Deal mit Ungarn: Verurteilung dort, Verbüßung der Strafe hier. Mit Anrechnung der U-Haft und einem „das mit der Entführung tut uns auch irgendwie leid“-Bonus soll das hübsch gemacht werden. Wie auch immer man zu „Gewalt gegen Nazis“ steht und was immer Maja T. damit zu tun hatte – nun verweigert die Person den schmutzigen Handel, und das verdient Respekt.

taz: Noch ein Urteil fiel diese Woche: Im Fall von Joachim Volz, einem Chefarzt, der Schwangerschaftsabbrüche ausübte, kam das Gericht zu einer komplexen Entscheidung. Wie beurteilen Sie die?

Küppersbusch: Trägt Prof. Volz den Chefarztkittel, darf er weisungsgebunden keine Abbrüche vornehmen. Streift er die Kassenarztkutte drüber, darf er es doch, und in seiner Praxis daheim sowieso. Wenn man Frauen in Not komplett irre machen will, sehe ich das auf einem guten Weg. Das „Christliche Krankenhaus Klinikum Lippstadt“ ist nach Fusionen und Eigentümerwechseln derzeit ein bisschen evangelisch, ein bisschen katholisch und feiert das Urteil als Bestätigung seines Kirchenprivilegs. Die Richter hatten nach der Logik einer Autowerkstatt geurteilt, eine Firma müsse ja auch nicht jede Dienstleistung anbieten. Heißt: Die Kirche nutzt ein Urteil, in dem ein Embryo auch nur noch ein Austauschmotor ist. So genau wollte man es gar nicht wissen.

taz: Die Zahl von 71.000 getöteten Menschen in Gaza, wurde von israelischer Seite lange geleugnet, jetzt jedoch bestätigt. Musste Israel dafür warten, bis die Aufmerksamkeit der Welt woanders liegt?

Küppersbusch: Im Juni und im Oktober 2025 legten Forscherteams vom „Royal Holloway College“ in London und vom Rostocker „Max Planck Institut für Demographie“ Studien vor, nach denen die Todeszahlen des Hamas-Gesundheitsministeriums um 30 bis 40 Prozent zu niedrig lagen – damals schon. Dazu nutzten sie, anders als das Ministerium, auch Befragungen und social-media-Abgleiche. Es sei vielmehr von über 100.000 Toten auszugehen – ohne Verhungerte, Verdurstete, an unterlassener Hilfeleistung Verstorbene. Israels Propaganda nutzt also jetzt schlicht die niedrigste am Meinungsmarkt verfügbare Zahl, die aus der bisher desavouierten palästinensischen Quelle schöpft. Die britische Studie führte mindestens 56 Prozent getötete Frauen, Kinder unter 18 und Alte über 65 an, während Israel verbreitet, man müsse noch klären, wie viele Opfer nicht Hamas-Terroristen gewesen seien. Putin belügt Russland über die Opfer seiner Blutmetzgerei; auch die westliche Siegfrieden-Fraktion zeigt wenig Interesse an belastbaren Zahlen aus der Ukraine. Seitdem Friedensfürst Trump gelegentlich irgendwelche schrecklichen Zahlen heraushaut, könnte uns dämmern, dass wir ihm die Deutungshoheit nicht überlassen sollten.

taz: Der Klassenkampf geht weiter, diese Woche allerdings nicht, was Lifestyle-Teilzeit angeht, sondern durch den Wunsch des CDU-Wirtschaftsrats, zahnmedizinische Leistungen zu beschneiden. Wozu dieser Klassenkampf von oben?

Küppersbusch: Ich bin seit 30 Jahren Unternehmer und suche noch einen Dachverband, mit dem man sich publizistisch wirksam gegen die Verleumdung durch „Wirtschaftsexperten“ wehren kann.

taz: Die neuen Epstein-Files enthüllen mutmaßlich unvorstellbare Verbrechen reicher Männer. Die einzige Person, die im Rahmen der Ermittlungen bisher im Gefängnis sitzt, ist mit Ghislaine Maxwell aber eine Frau. Was sagt uns das?

Küppersbusch: Alles. Denn von 6 Millionen Asservaten aus den Epstein- und Maxwell-Verfahren sind nur 3,5 Millionen nun veröffentlicht, viele davon geschwärzt und die Auswahl gedoktert. Sodass man mit Fug sagen kann: Höchstens die Hälfte ist zugänglich. Wer sie analysiert, macht sich zum Komplizen beim Gesetzesbruch des „Departement of Justice“, und zum nützlichen Idioten seines spins. Wer sie nicht analysiert, ist ein schlechter Journalist. Mach was. Sicher ist also nur, was man vorher schon wusste: Es ist ein monströses Monument von Korruption, Zuhälterei, Sexualverbrechen und politischen Zwecken, die damit betrieben wurden. Ich kriege schon investigative Ladehemmung, wenn sich jetzt auf Prinzessin Mette-Marit, Sarah Ferguson und andere Frauen gestürzt wird, wegen der unabweisbaren Vermutung, dass genau das die Absicht der Herausgeber ist. Es ist makaber, doch Eure Frage nach der aufgedeckten Machtstruktur ist der Leuchtturm in diesem Ozean aus Schlamm.

taz: Und was macht der RWE?

Küppersbusch: Spielt in Aachen gegen Alemannia und wird nicht im WDR übertragen. Ich wäre empört, wenn nicht so schönes Wetter wäre.

Fragen: Raweel Nasir

Friedrich Küpersbusch ist Journalist, Produzent und Wirtschaftsratdissident.

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Friedrich Küppersbusch
Jahrgang: gut. Deutscher Journalist, Autor und Fernsehproduzent. Seit 2003 schreibt Friedrich Küppersbusch die wöchentliche Interview-Kolumne der taz „Wie geht es uns, Herr Küppersbusch?".
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