Umweltschutz an Schulen in Deutschland: Eine Honigsemmel vom Imker

Auch dank Fridays For Future sind Umweltschulen sehr beliebt. Bei den Labels für nachhaltige Bildungsstätten gibt es aber große Unterschiede.

Gurken, Birnen und Möhren gibt es beim klimaneutralen Frühstück

So geht Umweltschule: das Dossenberger Gymnasium mit einem klimaneutralen Frühstück Foto: Birgit Rembold

BERLIN taz | Die Initiative ging vom Schülerrat aus: Am Schul­kiosk sollte es kein Plastikbesteck mehr geben. Müll sollte von nun an ordentlich getrennt werden. Inspiriert von den Fridays for Future wollten die Schüler*innen der Ecolea Rostock etwas verändern.

Grit Weickert, Sozialarbeiterin des internationalen Gymnasiums, sah in dem plastikfreien Kiosk Potenzial und plante zwei groß angelegte Projekte: eins zum ökologischen Fußabdruck der Schule, das andere zum Thema Mülltrennung. Nun suchen 15 Schüler*innen ein Jahr lang „Tatorte“ an der Schule, an denen sich der CO2-Verbrauch drücken lässt. Und die 5. Klassen untersuchen über einen Zeitraum von zwei Jahren das Abfallsystem der Schule und Müllprobleme weltweit.

Dabei lernen sie unter anderem, in welche Tonne gebrauchte Taschentücher kommen (richtige Antwort: Restmüll). Oder wie viel Plastik Menschen in Deutschland im Jahr verbrauchen (rund 38 Kilo pro Person). „Das hat mich selbst ganz schön überrascht“, sagt Grit Weickert. Es ist das erste Mal, dass die Schule längerfristige Nachhaltigkeitsprojekte startet, für die Fördermittel beantragt und zum Teil schon bewilligt wurden.

So wie die Ecolea Rostock engagieren sich mittlerweile viele Schulen im Bereich Nachhaltigkeit. In Deutschland entstehen immer neue Auszeichnungen, die ihr Engagement belohnen – und immer mehr Schulen zeigen Interesse. Ob sich auch die Ecolea für eine Auszeichnung bewerben soll, hat Weickert noch nicht abschließend entschieden – sie könnte es sich aber gut vorstellen. „Ich bin der Meinung, dass man erst ein paar Jahre Erfahrung sammeln muss“, sagt sie.

Umweltschule oder lieber Klimaschule?

Es sei zwar immer schön für eine Schule, Zertifikate zu haben. „Das muss aber auch Hand und Fuß haben.“ Denn Weickert und ihre Kolleg*innen planen einiges, das noch umgesetzt werden soll: Teil des Müllprojekts der 5. Klassen ist ein Projekttag, an dem der Müllverbrauch der eigenen Schule bestimmt wird. Dann soll es Workshops geben, Exkursionen zum regionalen Entsorgungsunternehmen und eine Müllsammelaktion im Mündungsgebiet der Warnow.

Die Möglichkeiten für eine Bewerbung sind in Deutschland jedenfalls zahlreich. So können Schulen Teil des Unesco-Netzwerks werden oder sich um ein Fairtrade-Siegel bemühen, „Verbraucherschule“ oder „Umweltschule in Europa“ werden. Neben anderen, deutschlandweiten Preisen gibt es eine kaum überschaubare Anzahl regionaler Auszeichnungen. Die größeren, auf die sich zum Teil mehrere hundert Schulen bewerben, werden meist durch die jeweiligen Kultus- und Umweltministerien vergeben. Sie heißen sehr ähnlich: „Schule der Zukunft“ in Nordrhein-Westfalen, „Umweltschule“ in Hessen, „Zukunftsschule“ in Schleswig-Holstein oder „Nachhaltige Schule“ in Rheinland-Pfalz.

Einige Programme sind Teil der landesspezifischen Nachhaltigkeitsstrategien, die an den sogenannten Nationalen Aktionsplan des Bundesbildungsministeriums angelehnt sind. Der orientiert sich am Weltaktionsprogramm der Vereinten Nationen, das Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) im Unterricht verankern will. Um festzustellen, wie erfolgreich diese Verankerung ist, spielen die Label eine große Rolle, glaubt Ing­rid Hemmer. Die Professorin für Geografie an der Katholischen Universität in Eichstätt forscht mit ihrem Team nach Wegen, wie sich messen lässt, ob Schulen Bildung für nachhaltige Entwicklung implementieren.

In den vergangenen Jahren hätte sich in dem Bereich einiges getan. Auch die Politik komme langsam in Bewegung: „Bildung für nachhaltige Entwicklung wird bereits als wichtiges Anliegen erkannt, aber im Vergleich zur Digitalisierung wird noch viel weniger investiert“, sagt sie. Die Label legen allerdings sehr unterschiedliche Kriterien an. Die Ergebnisse sind dadurch nicht immer vergleichbar.

1.500 Umweltschulen in Deutschland

„Mein Ziel ist es, ein einigermaßen homogenes Programm für Deutschland zu schaffen“, sagt Robert Lorenz, der die Auszeichnung „Umweltschule für Europa – internationale Nachhaltigkeitsschule“ in Deutschland koordiniert. Das Projekt der Deutschen Gesellschaft für Umwelterziehung (DGU) ist das größte Nachhaltigkeitsnetzwerk für Schulen im Land. Es entstand im Jahr 1994 mit acht Schulen in Hamburg, mittlerweile sind deutschlandweit etwa 1.500 dabei. Verliehen wird die Auszeichnung unter dem englischen Titel „Eco School“ auch in knapp 70 anderen Ländern, organisiert durch den internationalen Dachverband Foundation for Environmental Education (FEE).

In Deutschland können Schulen aus allen Bundesländern mitmachen. In acht Ländern gibt es aber eine sogenannte Landeskoordination, die oft durch die Umwelt- und/oder Kultusministerien finanziert wird. Die Koordination kümmert sich um Bewerbungen, organisiert Vernetzungstreffen der Schulen oder die Auszeichnungsveranstaltung. Die Länder profitieren davon, eine Landeskoordination einzusetzen, sagt Robert Lorenz: „Letzten Endes delegieren die Ministerien die Umsetzung ihrer Rahmenrichtlinien an Organisationen wie uns, die dann an den Schulen pädagogische Arbeit leisten.“ Eine Landeskoordination koste jeweils nur eine Viertel- oder halbe Stelle. Das bedeutet: gute Ergebnisse für wenig Geld.

Für die Schulen sind die Label wichtig, glaubt auch Wissenschaftlerin Ingrid Hemmer. Sie stiften Zusammenhalt, können eine Plattform geben, um die Bemühungen engagierter Lehrkräfte und Schüler*innen zu würdigen. Sie bieten Schulen die Möglichkeit, sich mit anderen über ihre Projekte auszutauschen. Nicht zuletzt wirken sie sich auch positiv auf die Außenwahrnehmung aus: „Die höheren Schulen stehen auch in Konkurrenz zueinander bei der Aufnahme von Schülern“, sagt Hemmer. Das ein oder andere Elternteil schickt sein Kind vielleicht lieber auf eine Schule mit Nachhaltigkeits-Label. Und auch bei Schulinspektionen können Auszeichnungen positiv auffallen.

Ob eine Bewerbung überhaupt zustande kommt, hängt auch stark vom Soziotop der Schule ab. Schwierig ist es dort, wo die Strukturen für nachhaltige Arbeit weniger entwickelt sind, wo engagierte Lehrkräfte allein gelassen werden oder heterogene Schüler*innenschaften alle Kapazitäten brauchen. Hinzu kommt: Die wenigsten Label sind mit Geld ausgestattet – das in die Umsetzung der Projekte fließen könnte. Schulen, denen es an Zeit, Personal oder Know-How fehlt, bewerben sich auch nicht.

Schwieriger Föderalismus

Die Koordination von deutschlandweiten Auszeichnungen wie der „Umweltschule in Europa“ ist nicht immer einfach. Ein einheitliches Programm für alle Länder? Schwierig. „Die Belange der Bundesländer sind zum Teil sehr unterschiedlich“, sagt Lorenz. Landespolitische Entscheidungen bestimmen auch, ob Kooperationen mit Bundesländern zustande kommen. Das kann an scheinbar banalen Dingen wie dem Namen scheitern. In Baden-Württemberg zum Beispiel, wo die DGU eine Landeskoordination schaffen will.

„Es ist frustrierend zu sehen, dass ein wesentliches Hindernis der Titel ‚Umweltschule‘ ist“, so Lorenz. Der erscheint manchen als veraltet. Auch die Forschung einigt sich zunehmend auf den Begriff „Nachhaltige Entwicklung“ – der soll auch Themen wie Chancengleichheit oder Gesundheit mit einschließen. Eine Koordination soll es jedenfalls nur mit einem neuen Namen geben. „Eine internationale Organisation macht aber nun mal gewisse Vorgaben“, sagt Lorenz.

Ein Musterbeispiel einer „Umweltschule“ ist das Dossenberger Gymnasium im schwäbischen Günzburg. In Bayern tragen besonders viele Schulen die Auszeichnung, etwa zwölf Prozent haben sich laut bayerischer Landeskoordination der DGU mittlerweile beworben, Tendenz steigend. In diesem Jahr waren es 600 Schulen. Seit zwölf Jahren trägt das Dossenberger Gymnasium den Titel, zu großen Teilen ein Verdienst von Kunstlehrerin Birgit Rembold. Eine „Überzeugungstäterin“, wie sie sich selbst bezeichnet. „An der Schule kann ich mit Kunstunterricht allein nur die Augen für Schönes öffnen“, sagt Rembold, „dazu gehört für mich aber auch, Schönes zu erhalten.“

Über die Jahre hinweg haben sie und ihre Kolleg*innen das Gymnasium in einen kleinen Nachhaltigkeitskosmos verwandelt: Nach den Sommerferien startet eine „Umweltklasse“, die zweimal pro Woche im Fach Umweltbildung unterrichtet wird. Am „Zukunftstag“ wird ein umweltfreundliches Schulfest gefeiert, längst gibt es nur noch Recyclingpapier. Zum Ende eines Schuljahres beschäftigt sich jede Klassenstufe mit Umweltthemen: Die 7. Klassen arbeiten zu den Themen Wiese und Insekten und besuchen das schuleigene Insektenhotel. „Vom Imker gibt es dann eine Honigsemmel“, sagt Rembold.

Jedes Jahr neues Projekte

Den Titel zu halten ist eine Herausforderung. Jedes Jahr müssen Schulen neue Projekte entwickeln, die vor der Jury Bestand haben. Das ist attraktiv für Einsteigerschulen, die mit einfacheren Maßnahmen – zum Beispiel Wasser- und Energiesparen – dabei sein können. Schulen wie das Dossenberger Gymnasium, die Aktionen nach einem Jahr nicht aufgeben wollen, haben es da schon schwerer. „Das Problem ist, ich kann so viele Projekte gar nicht alleine betreuen“, sagt Rembold.

Der Kreis an Lehrkräften, die sich beteiligen, muss also wachsen. „Das war anfangs schwierig, mittlerweile habe ich aber einen guten Stamm an Kollegen.“ Dann können Projekte auch immer wieder stattfinden. Nur so können Schüler*innen zum eigenen Denken bewegt werden, glaubt Rembold. Und darauf komme es an. Denn: „Wenn jemand etwas ändern kann, dann sind das die Kinder.“

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