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Über Faschismus redenJenseits der frenetischen Verteidigung von Phantombesitz

Faschismus oder Autoritarismus? Philosophin Eva von Redecker zu lesen hilft, wenn es um das Schärfen von Begriffen und Gedanken geht.

Ein Ausnahmezustand wird ausgerufen: AfD-Veranstaltung in Brandenburg Foto: Frank Hammerschmidt/dpa

D ie Philosophin Eva von Redecker weiß selbst auch nicht, „ob wir den Faschismus-Begriff wirklich brauchen“. Ob es also hilft, von Faschismus statt zum Beispiel von Autoritarismus zu reden, oder besser: wem es hilft.

Gegen den Faschismus selbst hilft es aktuell jedenfalls nicht. Fast 20 Prozent AfD-WählerInnen in einem insgesamt doch noch recht wohlbestellten Bundesland tief im Westen sind erschütternd. Wie schnell sich im Polit-Analyse-Sprech zur Wahl in Rheinland-Pfalz die Kurzschlussdeutung durchgesetzt hat, dass die SPD halt die Arbeiter an die AfD abgegeben habe, weil sie sich mit dem Bürgergeld „zu sehr um Transferempfänger gekümmert“ habe, ist übrigens fast ebenso bestürzend. Der SPD auf diese Weise einfach mal die Verantwortung überzuhelfen („hättet ihr euch um die Arbeiter gekümmert!“), dient aber offenbar auch dazu, nicht noch mehr über das Erfolgsrezept der AfD zu sprechen. Denn dann müsste man ja vielleicht tiefer Luft holen.

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Das hat die oben erwähnte Eva von Redecker getan und dazu das Buch „Dieser Drang nach Härte. Über den neuen Faschismus“ geschrieben, das ich vergangene Woche auf der Leipziger Buchmesse mit ihr vorstellen durfte.

Wenn man sich schon über den Faschismus unterhalten muss, „dann möchte ich wenigstens die Begriffe klären“, sagte sie. Natürlich aber dürfe man das Heraufziehen des Faschismus auch nicht verpassen, „nur weil er nicht genau so aussieht wie vor 100 Jahren“.

Herabsetzung, Erniedrigung, Härte

Denn es gibt wichtige Faktoren, die den Faschismus neu machen. Als vielleicht wichtigsten nennt von Redecker die Individualisierung: weg von der Bewegung in der Masse, hin zum vereinzelten Starren auf den Bildschirm, in dem sich der Einzelne mit seiner Lust an der Herabsetzung und Erniedrigung, seinem Vernichtungsdrang spiegelt. Dazu: das weitere Vordringen der Prinzipien von Markt und Konkurrenz.

Es macht das Herz enger, wenn bisher privateste Bereiche – etwa die eigene Aufmerksamkeit – rücksichtslos als Güter bewirtschaftet werden. Theodor W. Adorno und Max Horkheimer, in deren kritisch-theoretischen Fußstapfen Eva von Redecker unterwegs ist, haben das auch schon beklagt. Aber selbst sie wären wohl verblüfft, was die Internetplattformen in den Seelen der Menschen anrichten.

Faschismus, sagt von Redecker, ist die besondere Härte, mit der Menschen etwas als Besitz verteidigen, was ihnen gar nicht oder längst nicht mehr gehört. Phantombesitz nennt sie das, analog zum Phantomschmerz. Viele Männer meinen, dass die Frauen ihnen (noch) gehören, und schlagen um sich. Viele meinen, dass das Land ihres sei, und bekämpfen alle, die von außen kommen. Ein Ausnahmezustand wird ausgerufen, um im Eigentumsrausch alles zerschlagen zu können, gerade auch das, was einem vermeintlich gehört, denn im Vernichtenkönnen beweist sich der Besitzanspruch.

Nun steht in Rheinland-Pfalz alles noch an seinem Platz, jedenfalls soweit man hört. Manches an solchen Definitionen mag etwas theoretisch anmuten, wenn es doch ab sofort relativ praktisch darum geht zu vermeiden, dass im September die nächsten AfD-Wahlrekorde in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern aufgestellt werden.

Aber wenn man so über die Begriffe nachdenkt, und ob sie zur eigenen Wahrnehmung passen, gerät die Vorstellungskraft in Bewegung. Ist irgendetwas an den derzeit verhandelten Politikvorschlägen geeignet, die Leute aus ihrem „frenetischen Selbstverteidigungsmodus“ (von Redecker) herauszuholen? Es hilft, über den Faschismus zu reden, will ich damit sagen. Schon allein, weil man sich beim Reden überlegt, wie ein Land jenseits dieses Drangs nach Härte aussehen sollte.

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Ulrike Winkelmann
Chefredakteurin
Chefredakteurin der taz seit Sommer 2020 - zusammen mit Barbara Junge und inzwischen auch Katrin Gottschalk. Vorher: Von 2014 bis 2020 beim Deutschlandfunk in Köln als Politikredakteurin in der Abteilung "Hintergrund". Davor von 1999 bis 2014 in der taz als Chefin vom Dienst, Sozialredakteurin, Parlamentskorrespondentin, Inlandsressortleiterin. Zwischendurch (2010/2011) auch ein Jahr Politikchefin bei der Wochenzeitung „der Freitag“.
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