Über die Suche nach Trost: Ein Licht im Wind

Trostbedürftig zu sein ist salonfähig geworden, das ist wenigstens ein Gewinn der Pandemie. Aber wo man findet man Trost? Der Ethikrat ist abgelenkt.

Ein Glückskeks

Nicht einmal die Glückskekse lösen ein, was sie an Trost versprechen Foto: Hauke-Christian Dittrich/ dpa

Kürzlich kaufte ich einen Glückskeks in der Hoffnung, dass er mir Wunderbares prophezeien würde. „Das Leben ist ein Licht im Winde“ stand auf dem Zettel, der in ihm steckte und ich fand nur wenig Trost darin. Als ich das Lokal verließ, stieß ich auf den Ethikrat. Der Rat, das sind drei ältere Herren von geringer Größe, die mir gelegentlich Handreichungen in Sachen praktischer Ethik geben. Sie legen Wert auf ihr Äußeres und heute trugen sie Fliegen mit Tiermotiven, der Vorsitzende hatte einen Flamingo gewählt, die beiden anderen Mitglieder einen Hirsch und eine Eule.

„Eigentlich müsste das Geschäft mit Glückskeksen zu Pandemiezeiten florieren“, sagte ich zum Rat, um ein wenig Zeit zu gewinnen. Der Rat fragt mich üblicherweise nach einem philosophischen Problem aus meinem Alltag und in der Regel sind ihm meine Fragen zu banal. Der Vorsitzende stellte eine unförmige Tasche neben sich ab und betrachtete die Speisekarte im Schaukasten des nepalesischen Lokals, während eines der beiden Ratsmitglieder, die meist schweigen, es war das mit der Eulenfliege, plötzlich sagte: „Wer sucht, wird nichts finden, wer nicht sucht, wird auch nichts finden.“

Der Ratsvorsitzende betrachtete seinen Kollegen wohlwollend. „Das erinnert mich an meinen Glückskeks“, sagte ich, „der war auch eher düster.“ „Eigentlich“, fuhr ich fort, „erscheinen mir alle gerade trostbedürftig und man könnte sagen, dass es einer der wenigen Errungenschaften der Pandemie ist, dass Trostbedürftigkeit nichts mehr ist, was man verbergen müsste.“

„Einigen gehört die ganze Welt, anderen nur ein Teil davon“, sagte das Ratsmitglied mit der Hirschfliege. „Neulich dachte ich darüber nach, woran man merkt, dass man alt wird“, sagte ich, „und mir scheint, man wird nicht nur körperlich anfälliger, sondern auch seelisch.“ „Können Sie das konkretisieren?“, fragte der Ratsvorsitzende, der kein Freund waberiger Befindlichkeitserzählungen ist. „Man kann sich der Traurigkeit schlechter entziehen“, sagte ich. „Man weint über Kinderbücher. Man vermisst die Toten wie ein Kind, das in den Ferien auf seine Freunde wartet. Aber es gibt kein Ferienende“.

Pathos unerwünscht

Ich stoppte. Der Ethikrat verlangt nicht nach Pathos, sondern nach einem philosophischen Problem, zumindest nach etwas, das man mit gutem Willen als Frage betrachten konnte. „Ist es nicht ungerecht, dass man im Alter mehr Trost braucht, aber im Zweifelsfall ist niemand mehr da, der ihn geben würde?“, fragte ich. „Eine Sekunde nach der Geburt, eine Sekunde vor dem Tod. Was siehst du?“, fragte das Ethikratmitglied mit der Eule, ohne sich dabei an jemand Bestimmten zu wenden.

„Was sehen Sie denn?“, fragte ich zurück. „Nun“, sagte der Ratsvorsitzende und machte sich eine Notiz in einen kleinen Block, „ich sehe, dass Sie annehmen, dass der Trost von außen kommen muss. Worauf gründen Sie diese Ansicht?“ Er machte eine Pause und fügte hinzu: „Der Weg zur Erkenntnis ist lang, sie selber ist kurz, erfrischend und irreversibel.“

„Könnte man den Trost in sich selbst finden, gäbe es kein Problem“, sagte ich. „Wie soll man sich denn über die Einsamkeit hinwegtrösten, die kommt, wenn die, mit denen man jung war, sterben? Und wer, bitteschön, soll einem die Angst vor dem Tod nehmen, wenn er näher kommt?“ Der Rat schien unbeeindruckt von der Traurigkeit meines Problems. „Mein Leben ist wie ein Schachspiel, der Gegner ist gut“, sagte das Ratsmitglied mit der Eulenfliege und lächelte zufrieden.

„Das war es“, meinte der Ratsvorsitzende und nickte dem Eulen-Mitglied zu. „Drei in zehn Minuten, damit haben Sie gewonnen“. „Was gewonnen?“, unterbrach ich ihn misstrauisch. „Unseren jährlichen Koan-Wettbewerb“, sagte der Ratsvorsitzende. „Wer die meisten Koans in einem Gespräch von zehn Minuten Dauer unterbringt, gewinnt einen Präsentkorb der philosophischen Fakultät.“ Er wandte sich zu der unförmigen Tasche und entnahm ihr einen Strohkorb mit roter Schleife, auf der stand: „Mit herzlichen Glückwünschen der Koan-AG“.

Ich war Schlechtes vom Ethikrat gewohnt, aber das war auch für seine Verhältnisse bemerkenswert. „Ergreife mich auf den Spitzen der hundert Gräser, und erkenne den Kaiser auf dem geschäftigen Marktplatz“, sagte ich in Richtung Rat und ging.

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Friederike Gräff

ist taz-Redakteurin in Hamburg und schreibt bevorzugt über ökonomisch wertlose Beschäftigungen. Ihr Buch „Warten. Erkundungen eines unge­liebten Zustands“ erschien 2014, „Schlafen. 100 Seiten“ 2019.

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