Über den Strukturwandel in der Lausitz: „Nicht nur Investitionen in Beton“

Nur Geld zur Verfügung stellen, reicht nicht, sagt Heidi Pinkepank von der BTU Cottbus-Senftenberg. Man müsse es gezielt einsetzen – etwa für Kultur.

Ein Schaufelrad (ohen Bagger) steht wie ein Monument in dem Dorf Welzow: Dort befindet sich neben Jänschwalde der letzte verbliebene Tagebau in Brandenburg

Welzow: dort befindet sich neben Jänschwalde der letzte verbliebene Tagebau in Brandenburg Foto: Lorenz Kienzle

taz: Frau Pinkepank, die Zeit der Kohle in der Lausitz geht zu Ende. Für den Strukturwandel in der Region stehen von Bund und Land insgesamt zehn Milliarden Euro zur Verfügung. Ist das ein Grund zur Freude?

Heidi Pinkepank: Ein Grund zur Freude ist es erst einmal, dass wir aus der Braunkohle aussteigen. Auch ohne Geld ist Klimaschutz eine wichtige Sache. Um die Region fit für die Zeit nach der Kohle zu machen, braucht es aber auch die richtigen Strategien. Nur Geld für den Strukturwandel zur Verfügung zu stellen, reicht nicht.

Was müsste man tun?

Man muss die Wirtschaft in der Lausitz grün umbauen. Dafür braucht es vor allem Zeit und Strategien. Eine Gießkanne an Geld, die man über der Lausitz als eine Art Wiedergutmachung ausgießt, ist zu wenig. Wir brauchen Idee, wir brauchen Köpfe, es kann nicht sein, dass es nur um Investitionen in Beton geht.

44, kümmert sich im Institut für Neue Industriekultur INIK um Nachnutzungsmöglichkeiten ehemals industrieller Orte. Derzeit erforscht sie an der Brandenburgischen Technischen Universität (BTU) Cottbus-Senftenberg die Tagebaufolgelandschaft der Lausitz im Zuge eines Welterbantrages. Sie lebt und arbeitet seit 15 Jahren in der Lausitz.

Was sagen die Menschen in der Lausitz zum Strukturwandel und den Strukturstärkungsmitteln, wie sie heißen? Kann sich eine Bergbauregion so einfach in eine Wissenschaftsregion wandeln?

In der Diskussion um den Kohleausstieg wurde immer betont, wie viele Arbeitsplätze in der Braunkohle verloren gehen. Allerdings war die Lausitz schon immer eine Region, die sich stark verändert hat. Die Leute haben es immer wieder geschafft, damit klarzukommen. Die Menschen in der Lausitz sind geübt in diesem Wandel.

Die Verbundenheit mit der Kohle und dem Bergbau ist also gar nicht so stark?

Wenn ich sehe, wie viele Autos mit dem Steigerzeichen herumfahren, ist diese Identität nach wie vor da. Auch das Steigerlied wird zu vielen Anlässen gesungen. Aber die Menschen in der Lausitz haben mehrere Identitäten. Auch die Umweltbewegung gehört dazu. Die gab es auch schon zu DDR-Zeiten.

Sie forschen an der Brandenburgischen Technischen Universität Cottbus-Senftenberg zum Thema Bergbaufolgelandschaften. Was kann die Lausitz aus ehemaligen Kohleregionen für den Strukturwandel lernen?

Man sollte versuchen, die Landschaft zu verstehen, sie zu lesen. Und nicht so stark auf dieses Versprechen der Wiedergutmachung setzen. Letzteres dient vor allem dazu, den Menschen die Ängste zu nehmen, indem man ihnen sagt: Wir geben euch Freizeit, wir geben euch Wasser, wir geben euch Tourismus. Statt eines Freizeitparks sollte man sich eher daran orientieren, was man mit dem Raum, dem Boden, den vorhandenen Strukturen Innovatives, Zukunftsfähiges machen kann. Man kann diese Landschaft, die ja immer auch als Wüste bezeichnet wird, auch anders nutzen.

Wie?

Die trockenen Böden kann man nutzen, um Lavendel anzubauen. Oder Pfeffer und Hanf. Auch eine Trüffelplantage ist bereits entstanden. Die Wüste ist nicht tot, die Wüste lebt. Aber man muss sie begreifen, verstehen. Mit einem Freizeitpark, den man in die Wüste bringt, versteht man sie nicht.

Viele, die bisher in der Kohle arbeiten, wollen keine Trüffelzüchter werden, auch keine Bademeister, und manche sind auch nicht qualifiziert genug, um bei Tesla zu arbeiten oder in all den Hightech-Firmen, die nach Lübben oder Cottbus kommen sollen.

Es ist gar nicht so schwierig, Menschen in andere Berufe zu bringen. Voraussetzung ist natürlich, dass es die Angebote dafür gibt und dass die Menschen das auch wollen. Das haben wir in der Lausitz im Vergleich zu anderen Regionen aber noch zu wenig gelernt.

Eine Buswartehalle mitten in einer Wohnsiedlung in der Stadt Cottbus - ganz ohne Menschen, aber mit zwei Koffern und einem Schreibtisch

Stillleben in Cottbus Foto: Lorenz Kienzle

Warum nicht?

Weil es immer den großen Bruder gab. Das Kraftwerk Schwarze Pumpe zum Beispiel hat für alles gesorgt. Das Werk hat dir und deiner Familie den Arbeitsplatz gegeben, es hat dir deine Wohnung gegeben und die Freizeitmöglichkeiten. Deshalb ist es für viele schwer, sich aus sich heraus zu orientieren. Vielleicht liegt das Problem nicht so sehr am Geld, sondern daran, wie man die Menschen ermutigt, in andere Arbeit zu gehen. Denn die Arbeit ist da. Und es kommt noch neue dazu.

Wie wichtig ist es, wenn bei der Umorientierung eine Überschrift wie „Neue Energien“ das Vergangene und die Zukunft miteinander zu verbinden versucht. Statt Kohle erforschen wir jetzt eben Wasserstoff.

Das ist sicher hilfreich, aber bestimmt nicht das Ausschlaggebende.

Die Projekte, mit denen Brandenburg den Strukturwandel bewältigen will, sind vorwiegend Leuchtturmprojekte, also Wissenschaft und Forschung, die Universitätsklinik in Cottbus oder der Science-Park, dazu noch industrielle Ansiedlungen wie das Bahnwerk. Kommt die Kultur dabei zu kurz?

Das alles sind investive Mittel. Keine Investitionen in Köpfe, in Atmosphäre oder Kreativität, sondern in Beton. Man geht scheinbar davon aus, dass sich das automatisch daraus entwickelt. Auf der anderen Seite schreiben wir in Brandenburg gerade den Kulturplan für die Lausitz.

Mit dem unter anderem ein großes Lausitzfestival begründet werden soll. Also auch wieder ein Leuchtturm.

Der Kulturplan sagt zumindest, dass die Kultur nicht ganz unwichtig ist. Aber wenn das Geld in Prestigeprojekte geht und etablierte Festivals wie die Wilde Möhre nicht gefördert werden, dann geht etwas in die falsche Richtung. Bei der Wirtschaftsregion Lausitz gehört die Kultur in den selben Bereich wie der Tourismus. Also fördert man statt eines kleinen, etablierten Festivals im Zweifel lieber einen Radweg.

Wie läuft das in anderen ehemaligen Bergbauregionen?

In Oberschlesien in Polen zum Beispiel wird sehr viel mehr Wert auf Kultur gelegt. Dort verbindet ein großes Festival, die Industriada, auch die alte Industriekultur mit dem Sprung in die Zukunft.

Das spielt auch mit der Faszination, mitten in einem Labor des Wandels zu sein. Auch eine Chance für die Lausitz?

Nicht umsonst ist immer wieder die Rede von einem Raumlabor Lausitz. Es gibt hier wahnsinnig viel Fläche, Platz für alles Mögliche. Man kann unglaublich viel ausprobieren, und es wäre gut, wenn das nicht nur die tun würden, die von außen kommen, sondern auch die, die jetzt hier leben.

Sind das Formen des Wandels, die innerhalb oder außerhalb der Strukturmittel stattfinden sollen?

Die müssen da mit rein, da gibt es auch eine Verantwortung dafür, dass das gefördert wird. Es kann nicht sein, dass immer nur die Hardware gefördert wird, und für die Software fühlt man sich nicht zuständig.

Sehen Sie die Gefahr, dass es einen Leuchtturm in der Lausitz gibt, der heißt Cottbus, und drumherum bleibt weiter alles im Dunkel?

Das Gefühl habe ich nicht. Es gehen zwar viele Gelder nach Cottbus und viele Institutionen werden hier angesiedelt, aber Gleiches gilt für Weißwasser oder Hoyerswerda. Das wird auch auf die gesamte Region ausstrahlen.

Was heißt das für Cottbus? Es ist ja immer auch die Rede von diesem rechtsradikalen Milieu aus Neonazis, Türstehern und Hooligans. Werden die Investitionen die Lage entschärfen oder sogar verschärfen?

Mit den Mitteln wird es sehr viel Zuzug von Fachkräften geben, der die soziale Mischung in Cottbus verändert. Es kann aber sein, dass es sich auch gerade deshalb verschärft, weil gegen die Leute, die hierherziehen, ein Feindbild aufgebaut wird. Hoffen wir, dass das nicht passiert.

Dieses Interview ist Bestandteil eines dreiteiligen Schwerpunktes aus der Printausgabe der taz am wochenende vom 7./8. August 2021.

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