US-Sportler gegen ICE: Der Sport wacht langsam auf
Nach der Black-Lives-Matter-Ära schienen die US-Sportstars verstummt. Nun melden sich doch die ersten Profis zur Gewalt in Minnesota zu Wort.
S teve Kerr hat eine lange Karriere im Profi-Basketball hinter sich, in 14 Jahren als Spieler und 12 Jahren als Trainer war er bei Tausenden von Spielen dabei. Doch ein Spiel wie am vergangenen Wochenende in Minneapolis hat er noch nie erlebt.
Der Gegner seiner Golden State Warriors, die Minnesota Timberwolves, spielten unter dem Eindruck all dessen, was in ihrer Stadt passiert, wie gelähmt. Die Warriors konnten ihren Sieg deshalb gar nicht so recht genießen. Das Publikum war ungewöhnlich still, es lag eine Schwere in der Arena, durchbrochen nur von ein paar vereinzelten „Fuck ICE“ Rufen. „Die Menschen sind hierhergekommen, um sich abzulenken“, sagte Kerr, „das ist wohl nicht so richtig gelungen.“
Kerr selbst, der sich politisch noch nie zurückgehalten hat, nahm auch diesmal kein Blatt vor den Mund. Den Tod von Renée Good nannte er unverblümt Mord. Einwanderung, sagte er, sei tatsächlich ein Problem in den USA, aber es dürfe nicht auf den Straßen mit Gewalt gelöst werden. Dass Alex Pretti und Renée Good nicht mehr nach Hause zu ihren Familien kommen, wenn das alles vorbei ist, nannte er herzzerreißend.
Kerr war nicht der einzige Vertreter des Profisports, der sich zur Gewalt in Minnesota zu Wort meldete. Sein Kollege Chris Finch, Trainer der Timberwolves, sprach vor dem Spiel den Angehörigen Prettis sein Mitgefühl aus und beschrieb die Lage Minneapolis als ungeheuerlich. Seine Mannschaft stehe in Solidarität mit den Menschen der Stadt, eine Haltung, welche die Spieler beim Aufwärmen mit T-Shirts mit der Aufschrift „We Stand with Minnesota“ unterstrichen.
Amerika, wach auf!
Der französischstämmige Superstar Victor Wembanyama von den San Antonio Spurs meinte derweil vor seinem Spiel gegen Orlando, was er in den Nachrichten sehe, sei „völlig unakzeptabel“. Es habe ihn auch zu tiefen Gedanken über sein eigenes Leben angeregt. Was er wirklich denke, fügt er an, könne er nicht sagen, die persönlichen Kosten seien zu groß.
Andere Sportler hatten weniger Angst vor den Konsequenzen. So sagte die Assistenztrainerin der WNBA-Mannschaft Minnesota Lynx nach dem Tod von Alex Pretti: „Was ist jetzt Deine Ausrede, Amerika? Das war keine durchgeknallte linke Lesbe, sondern nur ein Mann, der eine Waffe trug und der Frauen beschützte. Was machen wir denn hier?? Amerika muss aufwachen! Wir können nicht erlauben, dass das Böse siegt.“
Die Basketballmannschaften aus Minneapolis ließen ihren Worten Taten folgen. Eine gemeinsame Stiftung der Timberwolves und der Lynx spendete 200.000 Dollar für lokale Organisationen, die Einwanderer unterstützten. Paige Bueckers, die in Dallas spielt, aber in Minneapolis aufwuchs, legte noch einmal 50.000 aus eigener Tasche drauf.
Der Sportkolumnist Dave Zirin, auf den Zusammenhang von Sport und Politik spezialisiert, nannte all diese Dinge hoffnungsvoll. 2025 sei das schlimmste Jahr für den Sportaktivismus gewesen. Nach der Black-Lives-Matter-Ära seien die US-Profis wieder verstummt. „Der Sport sah wie eine weitere Branche aus, die sich einem autoritären Regime fügt.“ Nun, da die Trump-Regierung ihr hässlichstes Gesicht zeige, scheine er aufzuwachen.
Der Football bleibt (noch) still
Alleine der Football, der mit der Superbowl am kommenden Wochenende seine größte Party feiert, ist noch still. Den Grund nannte in einem Instagram-Post der Abgeordnete George Cook aus New Jersey: „Colin Kaepernick, Colin Kaepernick, Colin Kaepernick.“ Kaepernick, der die Spielerproteste auf dem Feld erfunden hatte, hat im Football niemals wieder eine Anstellung gefunden.
Damit der Football auch still bleibt, hat Heimatschutzministerin Kristi Noem bereits eine starke ICE-Präsenz bei der Super Bowl angekündigt. Auf die Frage, was die Einwanderungspolizei dort zu suchen habe, antwortete sie nur. „Wenn Sie ein guter, stolzer Amerikaner sind, haben Sie nichts zu befürchten.“ Zur Entscheidung der NFL, den Trump-kritischen Popstar Bad Bunny in der Halbzeit auf die Bühne zu bringen, sagte sie nur: „Die sind Scheiße. Und wir werden gewinnen.“
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