US-Roadmovie mit Kind und Journalist: Auf Zeitgeistreise

Joaquin Phoenix streift in „Come on, Come on“ als Journalist mit seinem Neffen durch die USA. Mike Mills inszeniert ihre Freundschaft als Roadmovie.

Joaquin Phoenix und Woody Norman auf den Straßen von New Orleans

Joaquin Phoenix und Woody Norman: hier bei einer Parade in New Orleans Foto: Tobin Yelland/DCM

Es ist ein Sujet, das immer wieder nach einem ähnlichen Schema funktioniert: Ein Erwachsener trifft auf ein Kind – oder andersherum – und beide sind zunächst nicht sehr angetan von ihrem jeweiligen Gegenüber. Doch aus anfänglicher Fremdheit wird bald eine Schicksalsgemeinschaft.

Man wird sich verwandter Probleme bewusst, spendet einander Trost und kann vielleicht sogar das einsame Außenseiterdasein hinter sich lassen, das beide bis zu ihrer Begegnung jeweils führten. Fast immer setzen unterschiedliche Perspektiven auf das Leben einen Reflexionsprozess in Gang, in dessen Zuge die Alten in der Regel mehr lernen als die Jungen.

Es ist ein Sujet, dessen Umsetzung gerne misslingt, weil es Fil­me­ma­che­r*in­nen dazu verleitet, einen allzu didaktischen Ton anzuschlagen. Hugh Grant etwa wird in „About a Boy“ durch die Zeit mit dem zwölfjährigen Marcus (Nicholas Hoult) vom oberflächlichen Frauenheld letztlich doch noch zum Beziehungsmenschen, der den Wert zwischenmenschlicher Beziehungen abseits zwangloser Sexbekanntschaften zu schätzen lernt.

Eine gewisse Sentimentalität

Kennzeichnend für Produktionen über derart ungleiche Beziehungen ist außerdem meist eine gewisse Sentimentalität als Folge der persönlichen Katastrophen, die Kind und Erwachsenen zusammengeführt haben. Je nachdem wie nuanciert diese erzählt sind, präsentiert sie sich mal als forciert wirkende Gefühligkeit („Oben“), mal als herzerwärmendes Feingefühl („Mary & Max“).

„Come on, Come on“. Regie: Mike Mills. Mit Joaquin Phoenix, Gaby Hoffmann u. a. USA 2021, 109 Min.

Mike Mills („Jahrhundertfrauen“) macht in seinem neuen Film weder den Fehler, die Verbindung zwischen Radioreporter Johnny (Joaquin Phoenix) und seinem neunjährigen Neffen Jesse (Woody Norman) als pädagogisches Vehikel zu nutzen, noch lädt er sie mit einer aufdringlichen Rührseligkeit unnötig auf. Stattdessen in­szeniert er das Sujet der ungleichen Kind-Erwachsenen-Freundschaft auf ganz eigene, beispiellose Art und Weise, die sich am besten mit dem Charakter eines Coffee Table Book vergleichen lässt.

Denn was „Come on, Come on“ zeigt, ist nicht unbedingt fesselnd oder gar aufregend. Dafür ist das Drama in seinen kontrastreichen Schwarz-Weiß-Bildern visuell überaus ansprechend und – viel mehr noch – in höchstem Maße vom Zeitgeist geprägt. Und der ist bekanntlich, auch schon vor systemerschütternden Krisen wie der Coronapandemie und dem Krieg in der Ukraine, vor allem von Ängsten bestimmt. Sie dienen dem Film als Kulisse, vor der sich die Dynamik zwischen den beiden Hauptfiguren im Zentrum entwickelt.

Visionen der Zukunft

Besagter Johnny reist für ein langangelegtes Projekt durch die USA, um in verschiedenen Städten mit Kindern über ihre Vorstellungen von der Zukunft zu sprechen. Ihre Antworten sind nicht selten geprägt von Sorgen, die altersgerecht und dementsprechend nicht in hochtrabenden Begrifflichkeiten hervorgebracht werden, die aber letztlich die großen Herausforderungen unserer Zeit – wie Klassismus, Rassismus und Klimakatastrophe – widerspiegeln. Passend dazu sind auch die Anlässe, die Onkel und Neffen zusammenführen, von einer gewissen Schwermut geprägt.

Johnny, der gerade eine aufreibende Trennung durchgemacht hat, besucht seine Schwester Viv (Gaby Hoffmann) kurz nach dem Todestag ihrer Mutter in Los Angeles. Weil ihr an einer bipolaren Störung leidender Ehemann in Oakland in psychiatrischer Betreuung ist und sie ihm in diesem Prozess zur Seite stehen möchte, beschließt Johnny, so lange auf Jesse aufzupassen.

Um gleichzeitig weiter Kinderinterviews führen zu können, brechen sie gemeinsam nach New York auf. Spätestens dort erweist sich Jesse als absonderlicher Sprössling, der sich mehr für Verschwörungstheorien als Gleichaltrige interessiert und bisweilen in ein Rollenspiel schlüpft, in dem er ein einsames Waisenkind mimt, um mit seinen Mitmenschen zu kommunizieren.

Unvermeidbarer Streit

Was sein Onkel zunächst als schräge Marotten verbucht, die er im Audio-Tagebuch kommentiert, offenbart sich im Laufe des Films als Teil eines Musters, das den gemeinsamen Trip allmählich zur Zerreißprobe werden lässt. Jesse ist altklug, sprunghaft und störrisch. Johnny wiederum gedankenversunken, wehmütig und reizbar. Es kommt zum unvermeidbaren Streit. Dennoch bildet „Come on, Come on“ eine Reise ab, die mindestens so heilsam wie melancholisch ist.

Je weiter sie fortschreitet, desto mehr Wahrheiten werden gehoben: Als gleichsam intelligentes und sensibles Kind, ist sich der Neunjährige der Schwierigkeiten seines Umfelds durchaus bewusst – seine Eigenartigkeit ist nur die unbeholfene Reaktion darauf. Und weil er das Frage-Antwort-Spiel seines Onkels, der sich offenbar hinter dem Mikrofon versteckt, nur um seinen eigenen Problemen aus dem Weg zu gehen, umdreht, muss auch er sich mit seinem mäandernden Lebensweg auseinandersetzen.

Obwohl der Film somit auch ein Roadmovie ist, zeigt sich Mike Mills nicht an allzu viel Bewegung interessiert. Eindrucksvolle Bilder treffen auf wenig Inhalt – auch das ist typisch Coffee Table Book. Wie in ein solches, taucht man gerne kurzzeitig in „Come on, Come on“ ein, gibt sich seiner Formschönheit hin, macht eine momentan wohltuende Seherfahrung. Eine, die allerdings ebenso schnell vergessen sein wird, wie sie über einen kam.

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