Türkischer Comedian festgenommen: Lachen auf eigene Gefahr
Deniz Göktaş wurde nach der Veröffentlichung seines Bühnenprogramms „Ölü Deniz“ festgenommen. In Istanbul gehen die Menschen für ihn auf die Straße.
Als Deniz Göktaş auf die Bühne tritt, wirkt er nicht wie jemand, den ein Staat fürchten müsste. Schwarzer Pullover, Turnschuhe, ein Schnurrbart, das Mikrofon locker in der Hand. Er spricht langsam, fast beiläufig. Seine Pointen kommen nicht wie Schläge, sondern wie Gedanken, die sich erst im Lachen entfalten. Er spricht über Recep Tayyip Erdoğan, über Nationalismus, Religion, Psychotherapie, seine eigene kommunistische Familie und die Absurditäten des türkischen Alltags.
Er erzählt von der Verhaftung des inzwischen abgesetzten Istanbuler Bürgermeisters Ekrem İmamoğlu und davon, wie Zensur für Künstlerinnen und Künstler längst zum Alltag geworden ist. Neun Millionen Menschen sehen sich sein Programm „Ölü Deniz“ an. Der Titel ist doppeldeutig: Er bezeichnet das Tote Meer, spielt aber zugleich mit seinem Vornamen – Deniz bedeutet auf Türkisch „Meer“. So wird aus Ölü Deniz auch ein „toter Deniz“. Wenig später wird der Comedian bei seiner Rückkehr aus dem Ausland am Istanbuler Flughafen festgenommen.
Einer seiner prägnantesten Sätze lautet: 1994 wurde Erdoğan zum Bürgermeister von Istanbul gewählt – und er, Deniz, wurde geboren. Die beiden Daten liegen für ihn nicht zufällig nebeneinander. Sie erzählen von einer Generation, die mit Erdoğan aufgewachsen ist und nie eine andere politische Wirklichkeit kennengelernt hat.
Geboren in Ankara, studierte Göktaş zunächst Ingenieurwissenschaften, wechselte später zur Psychologie und fand schließlich auf die Bühne. Bekannt wurde er zunächst durch Podcasts und Kolumnen, später mit Stand-up-Auftritten, die sich deutlich von der klassischen türkischen Comedy unterscheiden. Er schreit nicht, er imitiert kaum Politiker, er sucht nicht den schnellen Gag. Seine Programme gleichen langen Erzählungen, in denen Alltagsbeobachtungen, politische Analyse und philosophische Abschweifungen ineinander übergehen.
Die Staatsanwaltschaft wirft Göktaş vor, religiöse Werte beleidigt und den Präsidenten verunglimpft zu haben. Vor Gericht weist er die Vorwürfe zurück und spricht von Satire, nicht von Beleidigung. Sein Anwalt kritisiert, die Ermittler hätten einzelne Passagen aus dem Zusammenhang gerissen. Zudem seien Bilder des gefesselten Comedians mehrfach für Kameras inszeniert und ein Drogentest angeordnet worden – gezielte Demütigungen, sagt die Verteidigung.
Inzwischen im Hochsicherheitstrakt
Während Göktaş inzwischen in einem Hochsicherheitstrakt sitzt, versucht er, sich seinen Humor zu bewahren. Er lasse ausrichten, es gehe ihm gut, er schaue Fußball und schreibe bereits an einem neuen Podcast. Vor den Gefängnismauern wächst der Protest: Am Freitag forderten Hunderte Menschen in Istanbul seine Freilassung, auch CHP-Vorsitzender Özgür Özel besuchte den Comedian.
Der Zeitpunkt von Göktaş' Festnahme könnte symbolischer kaum sein. Während Ankara sich außenpolitisch als unverzichtbarer NATO-Partner präsentiert und internationale Gipfel vorbereitet, verschärft sich im Inneren die Repression gegen oppositionelle Politiker, Journalisten, Künstler und Aktivisten. Die Türkei bemüht sich um das Bild eines strategisch unentbehrlichen Bündnispartners – und führt gleichzeitig Prozesse gegen einen Comedian, weil Millionen Menschen über seine Witze lachen.
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