Türkische Nationalisten „Graue Wölfe“: Wo Rechtsextremismus und Fundamentalismus verschmelzen
Türkische Nationalisten in Deutschland greifen verstärkt islamistische Ideen auf, zeigt ein neuer Report. Doch auch Trump und AfD setzen auf Religion.
Foto: Michael Trammer/imago
Man möchte meinen, zwischen religiösem Fundamentalismus und Rechtsextremismus liegen Welten. Wo die Ultranationalisten in Kategorien wie Ethnie und Volk denken, beziehen sich religiöse Fanatiker auf Religionsgemeinschaften, die sich oft über Länder-, Sprach- und Kulturgrenzen hinweg erstrecken. Doch in der Praxis verschränken sich beide Phänomene, wie ein neuer Report am Beispiel von türkischem Nationalismus und Islamismus in Deutschland zeigt.
Der Bericht, der am Dienstag vom Verbund Islamismusprävention KN:IX Connect veröffentlicht wurde, warnt, dass islamistische Strömungen innerhalb des türkischen Rechtsextremismus zunehmend an Bedeutung gewinnen. „Wir sehen viele Überschneidungen zwischen den Bewegungen“, sagt Maida Ganević, eine der Autorinnen. „Mit religiöser Ansprache lassen sich konservative Bevölkerungsteile mobilisieren, die sonst für die Ultranationalisten schwer zu erreichen wären.“ Gleichzeitig gehen deutsche Sicherheitsbehörden und die Öffentlichkeit weiterhin oft von getrennten Phänomenen aus, wodurch die eigentliche Gefahr teils verkannt werde.
In Deutschland sind Anhänger der ultranationalistischen türkischen Ülkücü-Bewegung als „Graue Wölfe“ bekannt. Die Sicherheitsbehörden rechnen der Szene rund 13.000 Personen zu, teils nennen Schätzungen aber auch bis zu 18.000 Anhänger. Die Grenzen zum Rockermilieu und in die organisierte Kriminalität verschwimmen. In den Medien taucht die Bewegung bislang nur punktuell auf, etwa 2024, als Fußballfans mit dem sogenannten Wolfsgruß provozierten, oder 2020, als ein türkischer Nationalist in Dortmund einen kurdischen Mann ermordete.
Die Ultranationalisten gehen nicht nur von einer ethnischen Überlegenheit der Türken aus, sondern imaginieren auch den türkischen Islam als höchste Ausdrucksform der Religion. Ethnische Minderheiten, die sich gleichzeitig auch religiös von der türkischen Mehrheitsgesellschaft unterscheiden, geraten dadurch gleich zweifach ins Visier. Das trifft etwa Alevit*innen oder Jesid*innen, die auch in Deutschland immer wieder von den Grauen Wölfen bedroht und angegriffen werden. So wird etwa die Schändung eines alevitischen Friedhofs in Kiel im Juni 2026 den türkischen Ultranationalisten zugerechnet.
Feindbilder
Aber auch andere Minderheiten werden zum Ziel, etwa Kurd*innen oder Armenier*innen. Der Bewegung werden außerdem zahlreiche Drohungen gegen Politiker*innen zugerechnet, etwa nach der Anerkennung des osmanischen Genozids an den Armeniern durch den Bundestag 2016.
Juden*Jüdinnen bilden ein weiteres Feindbild, das islamistische wie rechtsextremistische Ideologie eint. Der Nahostkonflikt wird dabei zur Mobilisierung genutzt, gleichzeitig lässt sich auch eine von Israel unabhängige Traditionslinie des türkischen Antisemitismus identifizieren, die bis ins 19. Jahrhundert zurückreicht. „Antisemitismus ist ein wichtiges Brückennarrativ“, sagt Miriam Uludoğan-Heß, die den Bericht mitverfasst hat. Auch die Ablehnung des Feminismus verbinde islamistische und nationalistische Ideologie.
Die türkischen Ultranationalisten sind in Deutschland in einer Vielzahl von Vereinen und Verbänden organisiert, die oft enge Verbindungen in die Türkei und teils auch zur Partei AKP des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan unterhalten. Gleichzeitig wäre es falsch, in der Bewegung eine primär ausländische Strömung zu sehen, da ein Großteil der Anhänger in Deutschland geboren und sozialisiert wurde. Die Autorinnen des Berichts schreiben von einem „Bestandteil der deutschen Gegenwartsgesellschaft“, den man nicht auf eine „vermeintliche fremde Herkunft reduzieren“ solle.
Gleichzeitig ist das Phänomen religiös-nationalistischer Verschmelzung auch aus anderen Ländern und Regionen bekannt. So etwa im Fall des schiitischen Islamismus in Iran, des Hindunationalismus in Indien oder der evangelikal-rechtsextremen Allianz in den USA oder verschiedenen Staaten Südamerikas. Nicht zuletzt pflegt auch die deutsche AfD enge Kontakte ins evangelikale Milieu.
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