Tschechow am Staatstheater Darmstadt: Gefangen in Lethargie und Einsamkeit
Im Staatstheater Darmstadt widmet sich Regisseur Philipp Preuss Tschechows „Kirschgarten“. Erst im zweiten Teil nimmt seine Inszenierung Fahrt auf.
In seinem theatertreffengeadelten „Hamlet“ verstörte Regisseur Philipp Preuss das Publikum, indem er einen immerwährenden Loop ans Ende setzte. Diesmal ist es der alte Diener Firs, der in Gestalt von Jörg Zirnstein in der Bühnenmitte stehen bleibt; auch während des Beifalls bewegt er sich nicht vom Fleck und auch nicht, als wir den Saal verlassen. Schon bei Tschechow vergessen ihn die Herrschaften einfach, lassen ihn zurück und machen sich davon.
„Der Kirschgarten“ ist nicht nur das bekannteste Tschechow-Stück, sondern auch sein letztes. Es ist ein Abgesang auf eine Zeit, die niemand herrlicher verkörpert als die überspannte Gutsbesitzerin Ranjewskaja. In Darmstadt flattert sie aus Paris herein und macht von Anfang an einen zerrupften Eindruck.
Karin Klein spielt sie wie einen angenagten Hollywoodstar (Kostüme: Eva Karobath), mit zum Himmel aufragenden Händen steht sie vornehmlich an der Rampe (Mitte!) und wendet sich schnappatmend ans Publikum. Eine Diva ohne Reich, ihr Kirschgarten steht vor dem Verkauf und ausgerechnet Bauernsohn und Bürschchen Lopachin wird ihn kaufen. Sebastian Schulze gibt ihn als kühlen Rechner und Rächer, der am Ende wie ein von der Leine gelassener junger Hund zur großen Form aufläuft.
Zu Anfang gehört er gemeinsam mit dem umwerfend präsenten Dienstmädchen von Emily Klinge, die später auch als Gouvernante in Erscheinung tritt, sowie dem Musiker Kornelius Heidebrecht zum unterspannten Spaßmacher-Trio. Die drei bereiten den anreisenden Herrschaften ein Willkommen, rosa Luftballons platzen wie die Illusionen der herrschenden Klasse, verursachen hübsche Quietschgeräusche und aus einem fröhlichen Hallo wird unversehens die Hölle.
Ein Pool ersetzt den See
An der hinteren Brandmauer reiht sich eine Parade Korbstühle auf, die wirken, als seien sie von alten Tschechow-Inszenierungen übriggeblieben. Die restlichen Spieler:innen nehmen dort Platz. Ein Kasten aus Leuchtröhren, mehr Gerüst als Haus, ist das zentrale Element auf der Bühne von Sara Aubrecht. Am Grund des Kastens ein abgedeckter Pool, der hier den See ersetzt, in dem der Sohn der Ranjewskaja ertrank.
Über dem Pool zelebriert die Inszenierung später ihren optischen Höhepunkt als großes Fest im dritten Akt. Die Feierwütigen begeben sich auf eine weiße Fläche, die zur Leinwand ihrer Dekadenz mutiert. Außer der Mutter sind auch ihre Töchter Anja (Aleksandra Kienitz) und Warja (Samia Dauenhauer) sowie der ewige Student Trofimow (Niklas Herzberg) zugegen. Freudig manschen sie das Weiß mit rotem Zeug voll, das aussieht wie eingelegte Kirschen. Sie übergießen sich damit und wälzen sich orgiastisch auf dem Boden, kriechen wie Raubtiere übereinander her, schwimmen im eigenen Saft und wirken dabei sehr abgehoben und irr. Eine Kamera nimmt sie aus der Vogelperspektive auf, sodass man dem Treiben wie einer Zirkusnummer beiwohnt.
Die blutige Aktion nimmt nicht nur das Kirschrot des Gartens auf, sondern kündet von künftigen Revolutionen und Kriegen. Ein stärkeres Bild hält der Abend nicht bereit, wie er überhaupt in zwei Teile fällt. Vor der Pause gelingt es Preuss nämlich nicht, durchgehend Interesse für sein Personal zu wecken, allein die schöne Supertramp-Dreamer-Verhunzung weckt einen auf.
Leute von heute, gestern und morgen
Den zweiten Akt leitet er mit dem Hinweis „123 Jahre später“ ein. Kein Wunder also, dass der Diener die Herrschaften mit weißen Tüchern abdeckt wie zu schonende Möbelstücke vor einer langen Reise. Sie sehen dann aus wie Gespenster, gefangen in Lethargie und Einsamkeit. Der Bühnenraum wird so zum Totenreich und die Menschen darin zu bloßen Träumern. Dabei wirken sie in Darmstadt wie Leute von heute, gestern und morgen, staunen darüber, wie alt andere geworden sind, wollen nicht raus aus dem gewohnten Paradies und zappeln wie Zombies in den Widersprüchen der Spaß- und Müdigkeitsgesellschaft.
Hier ändert sich nichts, bis das Geld die Machtverhältnisse verschiebt. Utopien tauchen keine mehr auf, und der neue Kirschgartenbesitzer klaut seine Visionen bei anderen (Lage, Lage, Lage). Spätestens jetzt haben alle begriffen, dass dieses Stück auch uns betrifft.
Philipp Preuss inszeniert seine Kirschgarten-Version ohne Kitsch und Lieblichkeit. Manch Kameraeinsatz wirkt sehr überflüssig, andere Bilder zeugen von Vergänglichkeit und Nostalgie. Vom einstigen prächtigen Kirschgarten ist am Ende nur ein kläglicher Rest in Form einzelner Baumscheiben übrig. Und natürlich der zittrig graue Diener Firs, der womöglich noch immer auf der Bühne steht und darauf wartet, dass etwas geschieht.
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