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Trendsport TischtennisTischi mit Punkrock

Auch in der Hamburger Subkultur wird gern zum Schläger gegriffen: ein Tischtennisabend beim „Punkerstammtisch mit Rundlauf“ im Hafenklang.

Am Anfang geht es an der Platte im Hafenklang noch zahm zu Foto: Klaus Irler

U m das Hafenklang herum gibt es kaum Wohnraum, dafür links ein Möbelhaus, rechts ein Design-Einkaufszentrum und gegenüber einen Raumausstatter. Mit seiner alten Backsteinfassade und den schlampig aufgeklebten Konzertplakaten passt der Club nicht zur örtlichen Idee eines Nobelgewerbegebiets. Man könnte auch sagen: Er sticht heraus.

Durch den zugestickerten Eingang geht es die Treppen hoch in den sogenannten Goldenen Salon, dem kleineren von zwei Konzerträumen. Es ist ein räudiger Montag, es regnet und es ist dunkel – erst um 21 Uhr werden die Türen geöffnet. Für einen Montag in einer durchschnittlichen Arbeitswoche ist das spät, für eine Veranstaltung mit dem Namen „Punkerstammtisch mit Tischtennis-Rundlauf“ wiederum nicht.

Im Goldenen Salon ist rechts eine Bar, vorne eine Bühne, in der Mitte eine Fläche für die Be­su­che­r*in­nen und etwas abgetrennt dahinter ein Separee mit alten Ledersesseln und Tisch – bei Konzerten verkaufen sie dort die Bandshirts der Punk-, Hardcore- und Experimentalbands, die an anderen Tagen im Hafenklang spielen. Aber heute ist kein Konzert, sondern Tischtennis. Und deshalb steht mitten im Raum eine Tischtennisplatte und auf der Bühne steht ein Pult für die beiden DJs. Alles ist in rot-braunes Licht getaucht.

Im Hamburger Hafenklang

vertraut man mit gutem Blick auf den Hafen auf die Subkultur. Damit Nischen Raum finden. Am Sonntag, 17. 5., spielen im Goldenen Salon zum Beispiel Flying Moon in Space aus Leipzig einen psychedelisierten Krautrock, und am Montag trifft man sich dort wieder – wie jede Woche – zum Punkerstammtisch mit Tischtennis-Rundlauf.

Bis 22 Uhr füllt sich der Raum mit zumeist paarweise eintrudelnden Menschen mittleren Alters. Es sind ganz normale Hipster, Individualisten und Post-Ökos. Nur Punks sind augenscheinlich fast keine dabei, allenfalls mal ein Mensch in Schwarz oder jemand mit Nietengürtel. Die Geschlechterverteilung entspricht dem demografischen Durchschnitt. Auffällig ist, dass geraucht wird. Aber mehr noch als der Rauch ummantelt die Musik die Anwesenden: sehr lauter Hardcore-Punk prügelt aus den Boxen, aggressiv und düster. Einem Abgrund entsprungen, in den man lieber nicht schauen möchte.

Macht aber nix. Denn die Leute sind zum Tischtennisspielen da, zwei stehen schon an der Platte und haben sichtlich Spaß dabei. Ein Wettkampf findet nicht statt. Erst mal.

wochentaz

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Mit der Zunahmen an Menschen wird die Musik sanfter, wechselt ins Punkrockige, lädt ein, sich zu bewegen. Das tun die Leute und versammeln sich nach und nach um die Platte zum Rundlauf. Neun, zehn Leute sind es meist, die sich um die Platte bewegen, nachdem sie sich aus der Schachtel am Fenster einen Schläger geholt haben. Nicht alle der Schläger haben noch einen Belag, und die, die noch einen haben, sind gerade dabei, ihn zu verlieren.

Rundlauf heißt: Ei­ne*r macht Angabe, ei­ne*r spielt zurück. Dann laufen alle im Kreis um die Platte und jed*r ist mal dran mit dem Zurückspielen. Wer das nicht schafft, scheidet sofort aus. Die letzten beiden spielen ein Finale, wer zuerst drei Punkte hat, gewinnt.

Interessant ist die Frage, wie viel Ehrgeiz die Beteiligten in das Spiel mitbringen. Beim Punkerstammtisch ist die ungeschriebene Regel: In der Rundlaufphase werden keine fiesen Bälle gespielt. Je­de*r spielt möglichst harmlos, niemand will andere raushauen. Erst im Finale kommt so etwas wie Wettbewerb auf, erst da packen die Leute aus, was sie können. Aber es gibt eine Regel: Wer das Finale verliert, kriegt einen Schnaps (Oldesloer). Der Gewinner kriegt nix.

Gespielt wird mal mit Bierflasche, mal mit Zigarette in der Hand. Einer ist auf Krücken unterwegs, das Bein ist geschient. Er läuft trotzdem mit, was lustig aussieht, aber nicht lange gut geht – beim zweiten Ballkontakt ist Schluss.

Das Gute ist: Man kommuniziert automatisch miteinander. So weit es geht sogar in Form des gesprochenen Wortes: Ein Satz wie „Verlierer kriegt Schnaps, muss aber nicht“ geht, aber für längere Wortwechsel ist die Musik zu laut. Viele greifen deshalb auch auf Zeichensprache zurück.

Während drinnen gespielt wird, leuchten draußen die Hafenkräne und die Schiffe fahren die Elbe entlang. Man kann ihnen durch die nicht ganz frisch geputzten Fenster dabei zusehen. Das Hafenklang existiert schon ewig und hat vergangenes Jahr mal wieder zwei Auszeichnungen beim Hamburger Clubaward bekommen, es gewann in den Kategorien „Bester Club“ und „Beste Nachwuchsförderung“. „Bestes Sportprogramm“ war nicht dabei. Aber das kann noch werden.

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Klaus Irler
Hamburg-Redakteur
Jahrgang 1973, fing als Kultur-Redakteur der taz in Bremen an und war dann Redakteur für Kultur und Gesellschaft bei der taz nord. Als Fellow im Digital Journalism Fellowship der Hamburg Media School beschäftigte er sich mit der digitalen Transformation des Journalismus und ist derzeit Online-CvD in der Norddeutschland-Redaktion der taz.
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