Trauerfeier für Lebende in Hamburg: Hurra, wir leben noch

In der Performance „Sterben“ können sich Quicklebendige in einer Zeremonie betrauern lassen oder als Trauergäste online daran teilnehmen.

Eine Frau sitzt vor einem verspiegelten Science-Fiction-Altar mit einem Reagl voller Dinge darin

Kleines Museum des Lebens: Eine der Betrauerten sitzt vor einem Altar voller persönlicher Dinge Foto: Patrick Sobottka

HAMBURG taz | Eines Tages sind wir alle dran. Dann ist Schluss, und es heißt Abschied nehmen, sterben und tot sein. Viel bleibt dann nicht von uns: ein verrottender oder verbrannter Körper, Dinge, die man zurücklässt, verblassende Erinnerungen. Wer wir letztlich und endlich gewesen sein werden, darüber bestimmen dann andere. An der eigenen Trauerfeier nicht mehr teilzunehmen, nicht mehr zu erleben, wie andere um uns trauern und über uns sprechen – und gegebenenfalls Einspruch zu erheben und die da aufgestellte Bilanz dieses Lebens zu korrigieren: Das ist ja sozusagen unser erster Nicht-Akt als Tote:r. Was für eine Kränkung.

Die Thea­ter­ma­che­r:in­nen Saskia Kaufmann und Raban Witt machen es nun doch möglich: Schlicht und direkt „Sterben“ heißt ihre „immersive Performance“, bei der man sich entweder live – und lebendig – in einer individuellen Zeremonie auf Kampnagel in Hamburg betrauern lassen kann oder dem Ganzen als Trauergast beiwohnen darf. Per Zoom natürlich, den Hygienemaßnahmen entsprechend – nicht, dass nach der Trauerfeier tatsächlich noch jemand stirbt, an oder mit Covid-19.

Ein Raum für Zerbrechlichkeit

Die Idee, eine Trauerfeier für erst zukünftig Sterbende, ganz normal Sterbliche zu veranstalten, die ihre Sterblichkeit und also ihr Leben so noch quicklebendig ­zelebrieren können, sei ihnen nach einer Reihe von Trauerfällen im persönlichen Umfeld gekommen, erzählen Kaufmann und Witt. „Als mein Vater vor ein paar Jahren gestorben ist, fühlte ich mich plötzlich ein bisschen mehr allein“, sagt Witt. „Ich wurde mit meiner eigenen Sterblichkeit konfrontiert, und mir wurde bewusst, wie zerbrechlich das Leben ist.“ Aber um sich mit dieser Zerbrechlichkeit auseinanderzusetzen, gebe es erstaunlich wenig Räume und Anlässe. Aus nur wenigen Bausteinen bestünden weltweit die entsprechenden Rituale, das hätten sie bei ihrer Recherche herausgefunden. So sei die Idee entstanden, eine neue Form des Trauerfeierns zu entwickeln.

Dass das Thema Sterben einerseits viele wegen der Pandemie gerade besonders berühre und betreffe, andererseits nicht wenige die Sterblichkeit im Angesicht des Virus lautstark leugneten und sich mit ihr gerade nicht auseinandersetzen wollten, gebe der Beschäftigung mit dem Sterben natürlich noch mal eine andere Dringlichkeit. Entstanden sei die Idee aber schon vor der Pandemie, betonen Kaufmann und Witt.

Das ganz gewöhnliche Leben eines Einzelnen haben Witt und Kaufmann denn auch bereits vor zwei Jahren in ihrem Projekt „Heiner Weiland. Mir fehlt es nichts“ ins Zentrum gerückt. Eine „theatrale Ausstellung“ über das Leben eines plötzlich verschwundenen Maschinenbauers aus Hamburg-Barmbek hatten sie im dortigen Museum der Arbeit aufgebaut und damit selbst ein Museum eröffnet für einen ganz und gar gesichtslosen Durchschnittsmenschen, in dessen Leben die Dinge so beziehungslos nebeneinander gestanden zu haben schein, wie sie nun in den Vitrinen dieser musealen Ausstellung hinter Glas lagen.

Das gewöhnliche Leben feiern

Und das ganz gewöhnliche Leben Einzelner haben ins Zentrum von individuell gestalteten Trauerfeiern haben die beiden auch bereits im Oktober vergangenen Jahre gerückt, im Rahmen des von Witt gemeinsam mit Elena Liebenstein kuratierten Festivals „Schlingensief 2020“, zehn Jahre nach Christoph Schlingensiefs Krebstod zu dessen 60. Geburtstag. Da konnten die Erstgespräche noch im „Trauerbüro“ in einem Pavillon stattfinden, auf deren Grundlage dann Trauerreden für die jeweiligen Feiern geschrieben wurden. Gemeinsam mit den zu Betrauernden und drei Per­for­me­r:in­nen konnten acht Trauergäste an einer von 20 Zeremonien teilnehmen.

Auch in Hamburg sollte „Sterben“ eigentlich analog stattfinden, doch wegen Corona musste diese Hoffnung begraben werden – wie bei realen Trauerfeiern derzeit ja auch. Stattdessen treffen wir 18 Trauergäste uns am Mittwochabend online in einem Zoom-Meeting. Iris vom „Trauerbüro“ heißt uns willkommen, bittet uns, unsere Kameras anzuschalten, testet die Mikros und weist uns in das Prozedere ein: Erst mal kennenlernen, je­de:r soll ein paar Sätze sagen.

Ein paar von uns kennen die zu Betrauernde schon, Katrin ist es an diesen Abend. Dass sie Katzen liebt und sich darüber freuen würde, wenn wir eine zeigen könnten, haben wir schon in der Einladung erfahren. Und dass sie sich freuen würde, wenn wir zur Feier Käse und Wein mitbrächten. Dass Katrin ein eigensinniger, kommunikativer Mensch sei, erzählen ihre Freun­d:in­nen Jan und Angela. Dass sie beim Meditieren brummt und summt, erfahren wir, dass sie gern kocht und isst und mit ihren Freun­d:in­nen zu Ausstellungen in aller Welt fährt.

Dann erzählt Iris, was uns auf Katrins Trauerfeier erwartet. Zunächst erhalte die Betrauerte eine rituelle Waschung, anschließend leite sie eine Meditation an, bevor die eigentliche Trauerfeier beginne. Schließlich stelle Katrin sich in einer letzten Sterbeübung fünf Minuten lang vor, tot zu sein. Am Ende dann: Aussprache im Zoom-Meeting und ein kleiner Leichenschmaus in Katrins Anwesenheit.

Mit dem Lada nach Russland

Kurz begleitet Iris auch uns noch durch eine Atem-Meditation, damit wir entspannt sind, wenn wir in die Trauerhalle auf Kampnagel zur dort live stattfindenden Zeremonie geschaltet werden. Und tatsächlich schaut man dann ein wenig entrückt auf künstliche Palmen, die die Bühnenbildnerin Anthoula Bourna rings um ein achteckiges Podest mit Bänken am Rand gestellt hat. Im Hintergrund steht ein mit Spiegeln verkleideter dreieckiger Altar, später wird er aufgeklappt, darin: ein Regal mit persönlichen Gegenständen der Betrauerten.

Das Produktionsteam stellt sich kurz vor, zeigt das Equipment, heißt uns noch mal willkommen, dann erscheinen in wallenden Gewändern die professionell trauernden Per­for­me­r:in­nen in einer Prozession auf der Bühne. Wie eine Sektenveranstaltung in einem 70er-Jahre-Sci-Fi-Film wirkt das. Und im Hintergrund, in drei von der Decke hängenden Reihen, werden wir Trauergäste projiziert, wie wir vor unseren Zoom-Geräten sitzen und auf die Zeremonie und uns selbst schauen.

Die Performerin Amanda Babaei Vieira richtet sich an uns, spricht ein paar Minuten eindringlich und nah an der Kamera über die Unausweichlichkeit des Sterbens. Darüber, dass es Katrin wie uns alle irgendwann ereilen wird. Dann kommt die Betrauerte. Entspannt sieht sie aus, als sie sich vor den Altar setzt. In der Trauerrede erfahren wir noch ein wenig mehr von ihr: dass sie mal Heilpraktikerin war, jetzt wieder etwas Kaufmännisches macht; was sie noch so vorhat in ihrem zu Ende gehenden Leben, zum Beispiel eine Reise im Lada Niva quer durch Russland.

Traurig ist all das nicht, denn Katrin sitzt offensichtlich gerührt, aber fröhlich da, hat liebe Freun­d:in­nen, die ihr sagen, wie gern sie sie haben und dass sie gemeinsam noch eine Menge tolle Sachen erleben wollen. Katrin sagt, wie angenehm es sei, so schöne Worte über sich zu hören und sich mal Gedanken darüber zu machen, was sie bisher so mit ihrem Leben angefangen hat. Die Per­for­me­r:in­nen legen Blumen zu Katrins Füßen, sprechen in monotonem Singsang so etwas wie Trauergebete, singen einen sich in ekstatisches Geschrei steigernden Klagegesang.

Dann bekommen die Trauergäste Gelegenheit, sich an Katrin zu wenden, sagen, wie sympathisch sie sie finden; dass sie berührt seien und beeindruckt von ihrem Mut, ihr Leben so auf eine Bühne zu stellen; dass sie gern mal mit ihr mit dem Lada durch Russland fahren möchten. Katrin strahlt schüchtern.

Auch bei den Trauergästen kommt an diesem Abend keine Trauer auf, zumindest bei meinem zufällig ausgewählten Gesprächspartner und mir, erfahre ich im siebenminütigen Zweiergespräch. Dafür sprechen plötzlich zwei einander bislang Unbekannte ganz persönlich über die Erfahrung der eigenen Sterblichkeit und unser zufälliges Zusammenkommen anlässlich eines erst künftig stattfindenden Todes einer Unbekannten.

So, 18. 4., Mi, 21. 4., und Do, 22. 4., 18 und 20.30 Uhr, Tickets und Infos: https://www.kampnagel.de/de/programm/5-sterben/. Alle Trauerfeiern sind bereits organisiert, teilnehmen kann man nur noch als Trauergast

Am Ende prosten wir einer zufriedenen Katrin zu, die bei ihrer Sterbeübung vor allem großes Glück empfunden habe, wie sie sagt. Wenn sie dieses Gefühl im Angesicht ihres eigenen Todes erinnern könne: Das wäre doch schön. Für einen richtigen Leichenschmaus ist dann keine Zeit mehr, die nächste Zeremonie steht an. Katrins Freundin Angela schreibt noch Katrins E-Mail-Adresse in den Chat, für ein späteres Zusammenkommen. Um 21 Uhr im privaten Zoom-Raum. Oder irgendwann anders in diesem zerbrechlichen Leben. Und alle rufen sich ein wenig schüchtern zu: bis bald. Dann wird der Bildschirm schwarz.

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