Trainer im diplomatischen Dienst: Nur Fußball, bitte!
Urs Fischer hat bei seiner Rückkehr zu Union seine Emotionen natürlich im Griff. Und auch Leverkusens Coach Kasper Hjulmand lässt sich nicht locken.
E s gab Zeiten in der Bundesliga, als Trainer nicht nur gekokst haben, sondern in aller Öffentlichkeit auch noch über ihre Kollegen hergezogen sind. Langweiler waren verpönt und wurden wegen ihrer zurückhaltenden Art angegriffen.
Über das eigene Image machte man sich noch wenig Gedanken. Max Merkel erzählte einst freimütig über seine Arbeitsweise: „Im Training habe ich mal die Alkoholiker meiner Mannschaft gegen die Antialkoholiker spielen lassen. Die Alkoholiker gewannen 7:1. Da habe ich gesagt: Sauft's weiter!“
Nicht nur die leistungssportlichen Denkansätze, auch die Trainer haben sich fundamental geändert. Der Schweizer Urs Fischer ist sicherlich ein Paradebeispiel dafür. Bei der Rückkehr an die Alte Försterei in Köpenick, an den Ort seiner größten Erfolge, hatte der Mainzer Trainer am Samstag wie stets alles unter Kontrolle. Was seine Emotionen anging, gab er nicht das Mindeste preis. Beim Umarmen seiner jahrelangen Weggefährten vor dem Anpfiff, behielt er seine linke Hand bis auf eine Ausnahme immer in der Jackentasche. Und danach beteuerte er, sein Fokus sei mehrheitlich beim Spiel gewesen.
Verrückt ist, dass dieser nüchterne Fischer an so einem gefühlsduseligen Standort wie Union Berlin solche Schwingungen auslösen konnte – sportlich wie emotional. Trainer sind längst zu Diplomaten im höheren Dienst geworden. Woche für Woche loben sie ihre Kollegen, die Stärke der anderen Teams, umkurven konfliktträchtige Themen im eigenen Klub mit der Eleganz eines Slalomfahrers und können stundenlang reden, ohne wirklich etwas gesagt zu haben. Urs Fischer ragt in dieser Kunst nur heraus.
All dies trägt dazu bei, dass schon kleine Abweichungen eine mediale Übererregung erzeugen. Eine halbe Stunde vor dem Bundesliga-Topspiel zwischen Leverkusen und Stuttgart wollte der übertragende Sender Sky mit Bayer-Trainer Kasper Hjulmand dessen Social-Media-Post vom Jahresbeginn besprechen. Hjulmand, der mit einer grönländischen Politikerin liiert ist, hatte geschrieben, für einige Staats- und Regierungschefs der Welt seien Wissen, internationale Strukturen, Dialog und Respekt vor kulturellen Unterschieden der Feind. Er wünsche sich „mehr Menschlichkeit, Empathie und Liebe“.
Wohl bewusst hatte Hjulmand seinen Wunsch recht unpolitisch, ja eigentlich diplomatisch formuliert. Zum Aufreger hochgejazzt wurde es trotzdem. Im Interview vor dem Spiel musste Leverkusens Trainer mehrfach darum bitten, doch jetzt nur über Fußball zu reden. Seine krasse Forderung nach mehr Menschlichkeit blieb unbesprochen.
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