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Tod des iranischen Diktators„War es das? Ist er jetzt weg?“

Kommentar von

Mina Khani

Unsere Autorin arbeitet seit 20 Jahren im Exil für die Opfer des Mullah-Regimes. Wie sie den Moment erlebt hat, als sie erfuhr, dass Chamenei tot ist.

Rote Rosen für Ali Chamenei vor der iranischen Botschaft in Moskau am 2. März Foto: Sergei Karpukhin/reuters

E rst waren es die israelischen Quellen, die gemeldet haben, dass Ali Chamenei bei den Angriffen getroffen wurde und tot ist. Ich konnte es kaum glauben. Meine Freunde riefen mich an und gratulierten mir.

Ich meinte: „Erst müssen mindestens zwei andere, von Israel unabhängige Quellen das bestätigen, dann werde ich es glauben.“ Ich war zwischendurch sogar pampig: „Es ist Krieg, Mann! Im Krieg geht es auch um Informationskrieg.“

Die staatlichen Quellen in Iran hatten behauptet, dass am gleichen Tag, also am 28. Februar, ein Video von Chamenei veröffentlicht wird. „Vielleicht sagen die israelischen Quellen, er ist tot, damit er aus seinem Bunker rauskommt und sie ihn dann treffen“, meinte ein Kollege von mir, was ich dann anderen, die fest der Meinung waren, dass er tot ist, weitergetragen habe.

Mina Khani

ist iranische Publizistin und Künstlerin im deutschen Exil. Sie ist Boardmitglied von HengawO und HawarHelp sowie Mitglied von Pen Berlin.

Es hat mehrere Stunden gedauert. Mehrere nervige, stressige Stunden. Während das Internet ausgeschaltet war. Schon wieder. Während der Kontakt zur Familie abgebrochen war und ist. Schon wieder. Ich behielt in diesen Stunden die ganze Zeit die professionelle Haltung einer Person, die in zwei Menschenrechtsorganisationen für Iran tätig ist: Hengaw und Hawar.Help.

Bei Hengaw gibt es keine Pause von der Arbeit, da wir die systematischen Menschenrechtsverletzungen der Islamischen Republik Iran dokumentieren. Ja, auch in diesen historischen Stunden. Man möchte es kaum glauben, aber sogar in diesem getroffenen Zustand verhaftet das Regime in Iran weiter Menschen und schießt in den Straßen auf sie. Es war surreal: Ich musste mich um die Opfer kümmern, während gleichzeitig möglicherweise der Kopf des Regimes gefallen war. Und als vertrauliche Quelle für Informationen aus Iran waren wir natürlich auch gefragt, den Tod zu bestätigen.

Meine Freunde fragten mich in einer Telegram-Gruppe: „Ist er jetzt tot?“ Ich, immer noch in der professionellen Haltung: „Na ja, es ist gut möglich, wir warten aber noch auf zwei andere, von israelischen Quellen unabhängige Quellen, die es bestätigen.“ Und Boom! Trump spricht es aus. Ich schickte seine Worte in eine Chatgruppe mit zwei anderen Oppositionellen und fragte sie: „Nun sagt mir, dass das wahr ist.“

Mein Freund und Kollege Shahin meinte: „Wow! Ja! Endlich. Er ist tot.“ Ich glaubte es immer noch nicht: „Wirklich? Ist es vorbei? Ist er tot?“ Der Freund und Kollege Omid sagte dann auch: „Ja, ist er.“ Ich rief sie an. Shahin ging ran. Omid sagte, ich muss auf mein schlafendes Kind aufpassen, das auf meinem Schoß sitzt. Ich fragte Shahin: „Ist er jetzt wirklich tot?“

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Shahin versicherte mir, dass er tot ist. Ich schrie erstmals vor Freude, und verfiel dann in Schockstarre. Mir wurde wieder bewusst, wie viele Tausende und Hunderttausende von Menschen nicht nur in Iran, sondern in der ganzen Region Opfer der militärischen und repressiven Maschinerie der Gewalt geworden waren, seiner Gewalt, des „religiösen Führer der islamischen Welt“.

Nach 20 Jahren eines Lebens im Exil und der Arbeit für die Befreiung Irans habe ich in diesem historischen Moment nicht einmal die Möglichkeit, mit meiner Mutter und meinem Bruder zu sprechen.

Nicht mal jetzt. Weil das Internet wieder ausgeschaltet ist. Ja, schon wieder.

Nach meinem Freudenschrei, der Aufregung und der anschließenden Schockstarre sagte ich leise zu Shahin: „War es das? Ist er jetzt weg? Ohne dass er in einem Gerichtsprozess in die Augen der Hinterbliebenen schauen muss? Ohne dass wir ihn hinter Gittern sehen können? War es das, Shahin?“

Shahin sagte leise: „Ja, Mina, das war es. Er ist tot.“

Ich schrieb auf X:

„Bis zu welchem Monster hat dich der Fluch der Hölle gemacht, du großer Henker des Jahrhunderts, Ali Chamenei! Jeden einzelnen Tropfen der Tränen und jedes Lächeln der von dir unterdrückten Menschen und der Hinterbliebenen deiner Massaker küsse ich. Ewiger Fluch und ewige Verdammnis über dich!“

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