Tibetischer Buddhismus

Der letzte Lehrer des Dalai-Lama

Der tibetische Mönch Kunchok Gyatso lehrt und lebt im indischen Exil. Er stellt seine harte Disziplin infrage und kann sie doch nicht ändern.

„Wir lesen und versuchen dabei zu verstehen“: Kunchok Gyatso im Klassenraum des Kirti-Klosters. Bild: Enrico Fabian

DHARAMSALA taz | Um kurz vor fünf Uhr regt sich noch nichts im Kirti-Kloster in Dharamsala. Dann aber erschallt leise ein Gong. Im Leben von Kunchok Gyatso, einem 47-jährigen tibetischen Mönch, beginnt ein ganz normaler Tag.

Kunchok öffnet leise die Tür zu seinem Kämmerlein. Er putzt sich die Zähne, nimmt ein sorgfältig gefaltetes weißes Handtuch, wischt sich den Mund ab und hängt das Handtuch an die Tür. Alles in der Kammer hat seinen Platz: die Bücher, der Laptop, die Roben. Kunchok besitzt fünf Roben, zwei dünne rote für den Sommer, zwei dicke rote für den Winter und eine gelbe für die Festtage.

Letztere zeichnet ihn als Mönch aus, der alle 253 Regeln des tibetischen Lama-Buddhismus beherrscht. Jetzt legt Kunchok eine rote Robe an. Er strafft den gerade geschnittenen, vier Meter langen Stoff mit den Händen. Im Nu ist er vollständig gekleidet. Er setzt sich wieder auf sein Bett, vor dem ein gelber Teppich liegt. Hinter ihm im Fenster leuchtet der Schnee auf den Gipfeln des Himalajas im Mondlicht. Neben ihm auf einer Bonbondose steht ein kleiner Buddha. Die gelbe Robe und der kleine Buddha sind seine größten Schätze: „Du bekommst sie nach 20 Jahren als Mönch, wenn du den Philosophiemeister machst. Dann kannst du dich dein Leben lang nicht mehr von ihnen trennen“, sagt Kunchok. Er erklärt noch ein paar andere Dinge. Dann schweigt er. Bald schlägt der Gong halb sechs.

Alles in Rot

Kunchok macht sich auf den Weg, drei verwinkelte Treppen hoch, in den großen Gebetssaal. Die jungen Mönche des Klosters sind schon da, etwa fünfzig an der Zahl, die meisten von ihnen stammen aus China. In alter Tradition schicken dort die tibetischen Familien mindestens einen Sohn ins Kloster, die besonders Begabten erhalten später den Ruf zur höheren Ausbildung in Dharamsala. Kunchok ist ihr Lehrer. Er nimmt am Kopf des Saales vor einem Glasschrank Platz, in dem alle Reden Buddhas aufbewahrt sind. Fünf Kronleuchter tauchen den Saal in helles Licht.

Alles ist rot: die niedrigen Tische, vor denen die Mönche hocken, die Kissen, auf denen sie sitzen, ihre Gewänder. Was folgt, nennt Kunchok den „Meditationsprozess“. Es beginnt mit einem Gemurmel, später singen die Mönche, manche bewegen dabei rhythmisch den Oberkörper, andere gähnen. Einer von ihnen ist der Vorsänger. Über allen schwebt ein Bild des Dalai-Lamas. Eine Stunde meditieren sie so.

Zum Frühstück bekommen die Mönche gedämpftes Tingmo-Brot und Buttertee. Das Brot ähnelt dem Mantou-Brot, das man in Nordchina isst. Kunchok bestreitet das nicht. „Für uns Tibeter gilt: Unser Essen kommt aus China, unsere Kleider kommen aus der Mongolei, und unsere Gedanken aus Indien.“

Er würde Yoga machen

Manchmal verbringt Kunchok seine Morgen auch allein. Dann geht er spazieren rund um den Exilpalast des Dalai-Lama, der sich nur fünf Minuten entfernt vom Kirti-Kloster befindet und von Touristen aus aller Welt besucht wird. „Eigentlich würde ich gerne Yoga lernen“, überlegt Kunchok an diesem Morgen. Doch das entspricht nicht der Tradition der tibetischen Gelbmützensekte des Dalai-Lama, der er angehört. „Unsere Art der Meditation ist eher textgebunden, wir lesen und versuchen dabei zu verstehen.“

Der 7-Uhr-Gong ertönt. Zeit zum Selbststudium, zum Auswendiglernen. „Erst lernst du auswendig, später lernst du die Bedeutung des Textes“, erklärt Kunchok. Es scheint, als würden alle im Kloster seiner Anweisung folgen. Die Mönche sind in ihr Studium vertieft, sie beten in ihren Zimmern laut die Verse Buddhas vor sich hin, während ein indischer Angestellter mit MP3-Player-Stöpseln in den Ohren laut im Klosterhof mit Besen und Schaufel hantiert. Der Inder räumt den Müll der Mönche vom Vortag weg, darunter viele leere Chipstüten der Marke Lays und Schokoladenpapier.

Um acht Uhr beginnt der Unterricht. „Eigentlich ist der Klosteralltag in Tibet und im Exil der gleiche. Aber hier wird mehr unterrichtet, in Tibet dafür mehr gebetet“, sagt Kunchok auf dem Weg zu seinem Lehrsaal. Er muss es wissen.

18 Jahre lebte er als Mönch im Kirti-Kloster der chinesischen Provinz Sichuan. Dann begann dort Ende der 90er Jahre ein patriotisches Erziehungsprogramm der chinesischen Regierung. Kunchok sollte im Unterricht die Politik des Dalai-Lama verurteilen und Tibet als Teil Chinas bezeichnen. Das hielt er nicht lange aus. Fünf Tage stapfte er zu Fuß durch den Himalaja. Schließlich hatte er die andere Seite erreicht. Seither lebt Kunchok im Exilableger seines alten Klosters im indischen Bergstädtchen Dharamsala. Die Bilder seines Hauptklosters in Sichuan aber schmücken hier die meisten Flure. Dort leben nach Kunchoks Auskunft bis heute 2.500 Mönche. Hier sind es rund 200. Beide Seiten sind in ständigem Kontakt miteinander. „Wir telefonieren viel“, sagt Kunchok.

Viel Auswendiglernen

Sein Unterricht ist unerbittlich. Er führt eine genaue Anwesenheitsliste. Seine Schüler sollen in drei bis vier Jahren ihre Meisterprüfung ablegen, bereits seit 15 Jahren drücken sie die Schulbank. „Unser Buch wurde von einem indischen Gelehrten verfasst“, führt Kunchok ein. „Es heißt „Metaphysische Philosophie“ und hilft uns, eine Brücke zur modernen Wissenschaft zu bauen. Das ist der Wunsch des Dalai-Lama.“

Genug der Einleitung, den Rest der Stunde liest jeder der neun Schüler aus dem Buch vor. Kunchok schließt dabei manchmal die Augen. Seine Schüler loben ihn später trotzdem als einen, der im Unterricht mehr von sich preisgibt als die anderen Lehrer, gelegentlich Geschichten und manchmal sogar einen Witz erzählt. Doch ihre pädagogischen Ansprüche sind niedrig. Die meiste Zeit lernen sie auswendig oder lesen.

Dabei studiert im Kirti-Kloster in Dharamsala eine Exilelite. Viele kommen als Teenager aus Sichuan über die Berge. Ihre Familien in China erwarten nun Großes von ihnen. Denn sie gehen damit durchaus das Risiko von Repressalien ein. Doch meist passiert nichts, viele kehren später zurück. „Wir operieren innerhalb der Grenzen, die uns die Chinesen setzen“, sagt Kunchok.

Das schließt radikale Kritik an den Verhältnissen nicht aus. Kunchok hat großes Verständnis für die jungen Mönche in seiner Heimat, von denen sich manche das Leben nehmen, um auf die Unterdrückung ihrer Religion in China aufmerksam zu machen. „Der Buddhismus bedarf des Selbstopfers, die Selbstverbrennung ist die höchste Form dieser Praxis“, sagt Kunchok. Der Dalai-Lama ist da freilich ganz anderer Meinung.

Um elf Uhr wird der Unterricht im Klosterhof im Freien fortgesetzt. Debattenstunde. Die jungen Mönche hocken in kleinen Gruppen unter Bäumen oder auf Bänken. Einer fragt, einer antwortet, die anderen klatschen Beifall für den Gewinner. Schnell wechseln die Rollen. Dabei sind Frage und Antwort oft einstudiert. „Wie kannst du sagen, dass dies hier ein Baum ist?“. fragt einer. „Weil er vor uns steht“, antwortet sein Gegenüber. „Aber der Baum existiert als Baum nur in deinem Kopf.“ – „Nein, ich kann ihn doch anfassen.“ – „Das reicht nicht. Du musst seine Existenz beweisen.“

So geht es hin und her. Dabei schreien sich die jungen Mönche an, gestikulieren wild mit ihren Roben und Gebetsketten und schubsen einander nicht selten zu Boden. „Wer den anderen nicht auch mal umschmeißen kann, gewinnt keine Debatte“, sagt Kunchok lachend. Kein einziges Mal greift er ein.

Sonntags ist Internettag

Beim Mittagessen bleiben die Lehrer dann untereinander. Sie hätten, sagen sie, volles Vertrauen, dass der Dalai-Lama eines Tages nach Tibet zurückkehren könne. Doch ihre Klagen über die aktuelle Lage in Tibet sind groß: „Wir können dort nicht das Bild des Dalai-Lama aufhängen. Wir können uns nicht den höheren Studien des Buddhismus widmen. Wir können nicht Lehrer aus anderen Klöstern einladen“, bedauern sie. Konchuk diskutiert da nicht mit.

Ihn beschäftigen andere Dinge. „Wir lehren immer noch das alte System. Ich kenne nichts anders“, räumt er ein. Ihn stört, dass im Kloster nur Tibetisch geredet wird und auch er keine andere Sprache beherrscht. Er selbst nutzt in seiner Kammer täglich das Internet, publiziert dort gelegentlich. Aber gehört der Computer auch ins Lehrzimmer? So weit würde Konchuk dann doch nicht gehen: „Wenn die Jungen ans Netz gehen, lernen sie nicht mehr die buddhistischen Texte“, sagt er. Nur sonntags ist es erlaubt.

Der Nachmittag vergeht schnell, denn die Mönche bereiten sich auf einen großen Abend vor. Um zwanzig Uhr sitzen alle wieder im großen Gebetssaal zusammen. Diesmal wird auch hier debattiert. Alte gegen Junge, Meister gegen Novizen, alles durcheinander. „Wie kannst du behaupten, dass es Amerika gibt, wenn du es nie gesehen hast?“, fragt einer. „Debatten sind besser als jeder Unterricht“, flüstert Konchuk. Doch die Debatten gehen bis eine Stunde vor Mitternacht. Sie wiederholen sich. Er schläft fast ein. Es ist ja auch eine Herkulesaufgabe, nach so alter Tradition Mönche fürs 21. Jahrhunderts auszubilden. Gut, dass der darauffolgende Tag frei ist. Nicht einmal der Gong wird am nächsten Morgen erklingen.

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