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Thriller „The Housemaid“Ein Dekolleté für den Feminismus

In „The Housemaid“ lockt Paul Feig mit Klischees und erwartbaren erotischen Fantasien rund um Sydney Sweeney. Sein Film zelebriert auch weibliche Wut.

Hausmädchen Millie Calloway (Sydney Sweeney) und Hausherrin Nina Winchester (Amanda Seyfried) in „The Housemaid“ Foto: Leonine

Lässt sich das noch als „Camp“ lesen, oder ist man hier bereits im Reich des Trashs angekommen? An dieser Grenzziehung, vor allem auf welcher Seite man sich am Ende als Zuschauerin oder Zuschauer wähnt, entscheidet sich im Fall von „The Housemaid“ nahezu alles.

Sie bestimmt, ob man den neuen Film von Paul Feig („Brautalarm“) mit einem gewissen Wohlwollen betrachten kann: Ob man seine erzählerischen Brüche, logischen Unsauberkeiten und peinlichen Momente als Teil eines überdrehten Spiels akzeptiert und daran letztlich Freude findet – oder ob man sie nicht mehr ironisch brechen kann und „The Housemaid“ schließlich als gescheitertes Ganzes verwirft.

In dieser Ambivalenz aber liegt nicht nur das Risiko, sondern auch der eigentliche Reiz von „The Housemaid“. Denn Paul Feig wie Drehbuchautorin Rebecca Sonnenshine „wagen“ hier über weite Teile so einiges: Für ein Publikum ohne Kenntnis der gleichnamigen Buchvorlage von Freida McFadden – ein durch „BookTok“ befeuerter Bestseller – präsentiert sich der Film über weite Strecken unweigerlich als Farce.

Der Film

„The Housemaid“. Regie: Paul Feig. Mit Sydney Sweeney, Amanda Seyfried u.a. USA 2025, 131 Min.

Schon die Auftaktsequenz ist derart klar choreografiert, dass es weniger nach realistischer Figurenzeichnung als erwartbarer Versuchsanordnung aussieht. Millie (Sydney Sweeney) erscheint zum Bewerbungsgespräch in einer Residenz auf Long Island, deren schiere Perfektion augenblicklich signalisiert, dass sie hier nicht dazugehört: Ein weitläufiges Anwesen, durch ein schmiedeeisernes Tor gesichert, und durchdesignt bis in die letzten Winkel.

Schrecken hinter schönem Schein

Ihr gegenüber sitzt Nina Winchester (Amanda Seyfried), freundlich bis zur Penetranz, mütterlich im Ton und so makellos im Auftreten, als sei sie selbst Teil der Innenarchitektur. Möglich gemacht wurde all das von Andrew, dem gutaussehenden und erfolgreichen Ehemann (Brandon Sklenar).

Millie bekommt die Stelle als „Hausmädchen“ schließlich – und umgehend werden sämtliche Klischees abgehakt: Oh, der Schein trügt und hinter der glatten Luxusfassade verbirgt sich etwas Finsteres? Oh, der perfekte Gatte wird bald mehr als nur ein wohlwollendes Interesse am neuen Hausmädchen entwickeln? Oh, und die anfangs so warmherzige Hausherrin ist in Wahrheit nicht nur kalt und manipulativ, sondern geradezu „verrückt“?

„The Housemaid“ hält sich derart lange mit plumpen Szenen auf, dass man geneigt ist, darin die eigentliche Stoßrichtung des Films zu erkennen: Immer wieder erscheint Amanda Seyfried als Perlenkette und weiße Kostümchen tragende Hausherrin mit manisch weit aufgerissenen Augen – im Spiegel, in Türrahmen, lauernd hinter Sydney Sweeney als zunehmend knapper gekleidetes Hausmädchen. Millie wiederum sitzt nachts auf der Familiencouch und sieht fern, ihr grotesk zur Schau gestelltes Dekolleté im Vordergrund, flankiert von einem Hausherrn, der sich immer wieder für seine „schwierige“ Ehefrau entschuldigt.

Das Comeback der alten Bilder?

Misogyne Stereotype werden mit einer solchen Bereitwilligkeit abgebildet, dass sich irgendwann die Frage aufdrängt, ob wir nun endgültig in der Phase des Kinos angekommen sind, in der sich der drohende gesellschaftliche Rückschritt darin abzeichnet; in der sich „Tradwife“-Fantasien und der „Wertekanon“ eines „Grab them by the pussy“-Präsidenten nunmehr auch im filmischen Erzählen niederschlagen.

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Trailer „The Housemaid“

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Jedenfalls scheint sich „The Housemaid“ zunächst in diese Logik einzufügen, indem er zuerst mit dem Finger auf den „Hausdrachen“ zeigt, die Ehefrau als „hysterisch“ exponiert – und gleich noch die narrative Absolution mitliefert, warum der „arme“ Ehemann da beinahe zwangsläufig im Bett mit der freundlichen und fügsamen, obendrein eben deutlich jüngeren Hausangestellten landet.

Dann aber folgt die zweite Wendung – und selbst wer sie erwartet hat, dürfte von ihrer Heftigkeit und Gewalt überrascht sein. Es ist ein Twist, der nicht nur die bis dahin verfolgte Erzählung in ein anderes Licht rückt, sondern auch die ideologische Ausrichtung des Films ins Gegenteil verkehrt: Hin zu einer Lesart, die sich nun im Fahrwasser einer – zumindest für ein massentaugliches Unterhaltungskino – radikalen #MeToo-Perspektive bewegt.

Das Klischee schlägt zurück

Der Blick verschiebt sich damit weg von der bloßen Empörung darüber, was gezeigt wird, hin zu der unbequemen Frage, warum. Entscheidend ist also weniger, ob „The Housemaid“ mit problematischen Bildern arbeitet – das tut er zweifellos –, sondern wie gezielt er diese Bilder einsetzt, um sein Publikum in eine bestimmte Position zu locken und diese später zu unterlaufen.

Zu viel progressiven Idealismus sollte man Paul Feig dabei wohl aber doch nicht zuschreiben. Vieles ist wohl kalkulierte Provokation, um Aufmerksamkeit an den Kinokassen zu erzeugen. Und doch funktioniert dieses riskante Spiel, bei aller Grobheit: Weniger als klassischer Thriller denn als schwarze Komödie, die ihre billigen Reize nicht leugnet, ihnen aber eine überraschend deutliche Kampfansage entgegensetzt. Anders ausgedrückt: Gelockt wird das Publikum vielleicht mit dem Dekolleté von Sydney Sweeney – entlassen aber mit einer Botschaft weiblicher Wut, die das Fürchten lehrt.

Egal ob man das nun als Camp zelebriert oder als Trash verurteilt: Wenn „The Housemaid“ damit Zuschauende erreicht, die sich sonst von sämtlichen Filmen mit feministischen Anflügen fernhalten, dann hat das Unterhaltungskino hier letztlich schon mehr gewagt – und womöglich sogar mehr erreicht – als jede selbstreferenzielle Arthouse-Geste.

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