Theatertipps für Berlin: Ein Stück Freiheit

Das Gorki inszeniert mit Ironie, das BE holt Elektra auf die Bühne, das DT erinnert an Zdeněk Adamec und im Otto Theater dreht „89/90“ die Stimmung.

Bühnenbild mit grün-grauen Schlosszimmern (Vorabfoto der Inszenierung "Elektra" am BE)

Kampf mit dem Familienalbum: Elektra (v.l. Lauar Balzer, Nico Holinics, Alexandra Corovic, Tilo Nest) Foto: JR Berliner Ensemble

Vielen drückt ja das System aufs Gemüt, auch wenn nicht immer klar ist, welches genau. Ist es das Patriarchat, der Kapitalismus oder Corona, oder am Ende alles zusammen? Die neue Suada „Und sicher ist mit mir die Welt verschwunden“, die Sibylle Berg im Angesicht des allgegenwärtigen System-Schreckens verfasst hat, ergreift die Flucht in die Ironie. Im Lachen lebt ja immer noch ein Stück Freiheit. Sebastian Nübling, erfahrener Berg-Regisseur, setzt das neue Stück im Gorki-Theater in Szene. Mit Katja Riemann übrigens! (Gorki Theater: „Und sicher ist mit mir die Welt verschwunden“, Premiere 24.10., 19:30 Uhr).

Der junge Zdeněk Adamec litt am Kapitalismus. Im Alter von 18 Jahren übergoss er sich 2003 auf dem Prager Wenzelsplatz mit Benzin, zündet sich an und verbrannte. Anders als Jan Pallach, der sich 1969 an fast dem gleichen Ort aus Protest gegen den Einmarsch der Truppen des Warschauer Pakts zur Niederschlagung des Prager Frühlings verbrannte, wurden Adamecs Gründe kaum ernst genommen. Zwar hinterließ er einen Abschiedsbrief, in dem er seine Verzweiflung über den Zustand der Welt Ausdruck gab. Trotzdem wurde er als Verwirrter gebrandmarkt.

Im gleichen Jahr hatten sich in Tschechien noch 17 weitere Menschen verbannt. In seinem Stück „Zdeněk Adamec“ versucht Peter Handke nun, Adamec posthum zu seinem Recht zu verhelfen. Am Deutschen Theater inszeniert. Jossi Wieler das Stück. (Deutsches Theater, „Zdeněk Adamec“, Premiere: 21. 10., 19:30 Uhr).

Wendungen im Staatswesen

Elektra, die Tochter König Agamemnons von Mykene, litt klar unter ihrer schrecklichen Familie, die gleichzeitig Verkörperung eines brutalen wie kriegerischen Staatswesens war. Leider konnte sie aus den blutigen Traditionen nicht aussteigen, und wurde selbst zur Mörderin. Am Berliner Ensemble nimmt sich die Rieker Süßkow nun der alten Geschichte an und fragt: Ist ein Systemwechsel möglich? (Berliner Ensemble: „Elektra. Ein Familienalbum“, Premiere 22. Oktober, 20 Uhr).

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Auch die Jugendlichen, die 1989 sechszehn Jahre alt sind und in Peter Richters Roman „89/90“ beschrieben werden, haben das System satt. Doch dann stirbt die DDR und auf den Kapitalismus haben sie auch keine Lust. Noch bevor der Kleister hinter den ersten Coca-Cola- und Marlboro-Plakate getrocknet ist, kriechen neue Nazis aus alten Löchern. Für das Hans Otto Theater in Potsdam hat Fanny Brunner im Vereinigungsjubliäumsjahr den Stoff fürs Theater bearbeitet und bringt ihn nun auf die Bühne. (Hans Otto Theater, Potsdam: „89/90“, Premiere 23.10., 19:30 Uhr).

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