piwik no script img

Temporäre Spielstraßen in BerlinLaufrad statt Auto

Temporäre Spielstraßen feiern ihr vierjähriges Jubiläum in Berlin. Trotz großen Erfolgs ist das Projekt bedroht.

Aus Berlin

Kajo Roscher

Wettfahrten auf Laufrädern, Kinderlachen und Kreidekunstwerke auf der Straße: Wo sonst Autos fahren, toben die jüngsten Ber­li­ne­r*in­nen regelmäßig auf temporären Spielstraßen. Am Mittwoch wird die Böckhstraße in Kreuzberg zum 100. Mal zur temporären Spielstraße. Im August 2019 war sie die erste ihrer Art in Berlin. Seitdem treffen sich dort in den Sommermonaten jeden Mittwochnachmittag Kinder und Erwachsene. Auch das Projekt an sich, das mittlerweile aus 24 Spielstraßen besteht, feiert fast auf den Tag genau sein vierjähriges Bestehen.

Doch der Initiative droht das Aus. Im neuen Doppelhaushalt sei deutlich zu wenig Geld eingeplant, um das Projekt am Laufen zu halten, sagt Gabi Jung, Sprecherin des Bündnisses Temporäre Spielstraßen, der taz.

Gegründet hat sich die Initiative 2019, um die „Unterversorgung mit Spielplätzen“ anzugehen, erzählt Jung. Natürlich gehe es auch um die Verkehrswende und eine alternative Nutzung von Straßen. Sie spreche lieber von „Spiel- und Nachbarschaftsstraßen, weil es um die ganze Nachbarschaft geht“. Das Projekt werde sehr gut angenommen. „Manchmal ist es echt rappelvoll.“

Trotz des großen Erfolgs sind für das Projekt im Haushaltsentwurf für 2024 und 2025 nur je 50.000 Euro vorgesehen. Für das laufende Jahr sind noch 180.000 Euro angesetzt. Diese werden laut Jung auch in den nächsten Jahren benötigt.

Andere Finanzierungsmöglichkeiten müssen her

Das bestätigt auch das Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg, das für die Koordination aller Spielstraßen zuständig ist. „Von den 24 Spielstraßen berlinweit würden 14 in der kommenden Saison auf jeden Fall nicht mehr stattfinden, da das Aufstellen der temporären Verkehrszeichen nicht mehr finanziert werden könnte“, heißt es auf taz-Anfrage. Dabei gebe es großes Interesse, das Projekt fortzuführen. Derzeit würden andere Finanzierungsmöglichkeiten geprüft.

Holger Hofmann ist Bundesgeschäftsführer des deutschen Kinderhilfswerkes, das auch Teil des Bündnisses ist, und sagt: „Die beabsichtigte Mittelkürzung des Senates für das Programm ist eine Ohrfeige für die betroffenen Kinder und Familien.“ Die temporären Spielstraßen seien an vielen Orten die einzige Möglichkeit für Kinder, draußen zu spielen.

Hofmann warnt, dass der Wegfall der Spielstraßen vor allem Kinder aus ärmeren Familien treffen werde, da diese weniger Ausweichmöglichkeiten haben. „Berlin verliert damit ein Stück seine Vorreiterrolle“, sagt er und fordert die Bezirke dazu auf, sich für dieses wichtige Projekt stark zu machen.“ CDU und SPD könnten das Aus durch eine „Korrektur in den Haushaltsverhandlungen“ verhindern.

50.000 Menschen beteiligen sich bei taz zahl ich – weil unabhängiger, kritischer Journalismus in diesen Zeiten gebraucht wird. Weil es die taz braucht. Dafür möchten wir uns herzlich bedanken! Ihre Solidarität sorgt dafür, dass taz.de für alle frei zugänglich bleibt. Denn wir verstehen Journalismus nicht nur als Ware, sondern als öffentliches Gut. Zahlen muss niemand, aber guter Journalismus hat seinen Preis. Und immer mehr Leser*innen machen mit und entscheiden sich für eine freiwillige Unterstützung der taz! Dieser Schub trägt uns gemeinsam in die Zukunft. Denn wir suchen wir auch weiterhin Ihre Unterstützung. Setzen auch Sie jetzt ein Zeichen für kritischen Journalismus und unterstützen Sie die taz – schon ab 5 Euro. Jetzt unterstützen

Mehr zum Thema

2 Kommentare

 / 
  • Wieso scheitert Spielen am Geld?



    Das Aufstellen von Schildern frisst den Etat?

    Gibt es etwa in Berlin keine Spielplätze für Kinder?

  • Also in Fußballvereinen oder bei Nachbarschaftsinitiativen wird dann Kuchen gebacken und verkauft, ein paar Spenden sind sicher auch drin von Eltern, denen es besser geht. Wieso man eine Vollfinanzierung durch den Steuerzahler erwartet, verstehe ich nicht. Für 50.000 wäre sicher mancher Sportverein, der ganzjährig Kindern Möglichkeiten zur Bewegung bietet, sehr dankbar (bekommt sie aber nicht und verkauft daher beim Hallenturnier Kuchen), von 180.000 Euro ganz zu schweigen.