Tanzplattform Deutschland 2026: Ist es ok? Ist es wirklich ok? Oder nur ok-ok?
Wo geht es hin mit dem zeitgenössischen Tanz? In Hellerau trafen dreizehn Inszenierungen auf ein interessiertes Fachpublikum.
Festivalstimmung mag nicht so recht aufkommen auf dem doch recht verwaist wirkenden Vorplatz im Kunstzentrum HELLERAU im gleichnamigen Dresdener Stadtteil. Ein paar Bierbänke, ein Foodtruck und ein Kaffeewagen, um die sich das ein oder andere Grüppchen tummelt, sind die einzigen Lebenszeichen vor den Toren des Festspielhauses. Hier trifft sich das Fachpublikum schnell vor oder zwischen den Veranstaltungen, bevor es entweder die nächste Tram in Richtung Dresden Zentrum kriegen muss oder zum nächsten Meeting der Professionals eilt.
Die Ruhe täuscht jedoch über das volle Programm hinweg, das die diesjährige Tanzplattform Deutschland bereithält. Alle zwei Jahre werden die bemerkenswertesten Inszenierungen aus dem deutschsprachigen Raum von einer unabhängigen Jury ausgewählt und in einer anderen Stadt präsentiert. 2026 war es also Dresden und damit insbesondere Hellerau, denen diese Ehre zukam. 13 Inszenierungen wurden an fünf Tagen gezeigt, Pitching-Sessions, Empfänge und vor allem Vernetzungstreffen abgehalten. Viel Input also und viel zu verarbeiten für alle, denen man die Erschöpfung am Ende des Tages doch mal mehr, mal weniger deutlich anmerken konnte.
Dem Anspruch, mit der Auswahl aktuelle Entwicklungen und Strömungen der Tanzszene widerzuspiegeln, ist die Jury durchaus gerecht geworden. Sie zeigt, wie weit der Tanzbegriff ausgedehnt werden kann, auch wenn sich bei der ein oder anderen Arbeit vermutlich die Meinungen spalten. Bestes Beispiel dafür ist Eszter Salamons Solo-Stück „Dance for Nothing (revisited)“, das (wie der Name schon sagt) ihre eigene Performance von 2010 wieder aufgreift, in der sie sich mit John Cages Vortrag „Lecture on Nothing“ auseinandersetzt.
Damals verband sie Cages Worte mit Bewegung, jetzt konzentriert sie sich auf dessen klangliche Ebene und verbindet sie mit körperlichen Gesten und deren Transformation. Was doch etwas wirr und absurd-komisch aussieht, ist durchaus durchdacht. Über 45 Minuten redet Salamon über vermeintlich nichts und verdeutlicht dabei jeden Satz mit einer wiederholenden Geste, die sich mit der Zeit in eine neue Bewegung entwickelt. Auch wenn es um nichts zu gehen scheint und es zu verstehen sowieso nichts gibt, ist diese Performance erstaunlich unterhaltsam und präsentiert auf jeden Fall eine Ausreizung des Tanzbegriffes und einen neuen Ansatz von Bewegung.
Das Spektrum ist breit gefächert
Auf der anderen Seite des Spektrums wiederum liegen sowohl „Reparation Nation“ von Jessica Nupen und „Until the Beginnings“ von MOUVOIR/Stephanie Thiersch & École des Sables/Alesandra Seutin. Beide Arbeiten drehen sich um Rhythmus und Groove und bringen transkulturelle Bewegungen auf die Bühne und zeigen die verbindende Kraft des Tanzens. Ein gemeinsamer Groove als Zuhause.
Die Verwendung von Text in Tanzperformances ist zwar inzwischen nicht mehr ganz ungewöhnlich, gelingt aber nicht immer. Nicht ganz gelungen ist es Charles A. Washington mit „The Children of Today“. Es soll die Vergangenheit betrachtet werden, um eine Zukunft jenseits des Kapitalismus zu entwerfen, wofür Kleopatra, Nijinsky und Jérôme Bel auftreten müssen, aber auch schnell wieder verschwinden. Es werden Fragen gestellt wie „Its okay, is it really okay, or just okay, okay? Okay is okay or just okay, okay, but if its okay, not really okay, is it okay?“ oder so ähnlich. Das dann mit minimalistischen Bewegung verknüpft führt zu noch mehr Verwirrung und lässt das Publikum weder mit Utopievorstellungen noch mit neuen Erkenntnissen zurück.
Umso besser schaffen es Elsa Artmann/SANFTE ARBEIT, Text mit Tanz bzw. mit Berührung zu verbinden. „Langes Wochenende“ ist eins der Highlights der diesjährigen Tanzplattform und beschäftigt sich mit der Verschmelzung von persönlichen Beziehungen mit denen der Arbeit, wie Arbeitsbeziehungen romantisch aufgeladen werden und persönliche Arbeitslogiken verfallen können.
Mit ganz viel Sensibilität und Zärtlichkeit wird das Publikum eingebunden, immer angeleitet und nach Consent gefragt. Auch miteinander gehen die Performer*innen unglaublich sanft um, wenn sie sich heben, tragen oder aneinander lehnen. Selbstironisch erzählen sie von ihren Erfahrungen im Probenprozess miteinander, was oft lustig, manchmal irgendwie melancholisch ist und immer wieder von einer Gesangseinlage eines kitschig-romantischen Songs abgelöst wird. Sie schaffen so einen sehr intimen und gleichzeitig sicheren Raum für sich und auch für die Zuschauenden. So darf es gerne häufiger gemacht werden im Theater.
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