Tagebuch aus Litauen: Was kleine Angriffe in Vilnius anrichten
Immer häufiger sorgen Provokationen in der belarussischen Exilgemeinde in Litauen für Misstrauen. Es gibt eine Vermutung, wo das herkommt.
V ilnius gehört uns!“ Geschrieben ist das in belarussischer Sprache. Die Parole findet sich an der Wand einer belarussisch-orthodoxen Kirche in der litauischen Hauptstadt Vilnius. Sie steht da in leuchtendem Rot. Was soll man davon halten? Werden hier belarussische Gebietsansprüche formuliert?
Nein. Hinter diesem Akt des Vandalismus stehen vermutlich belarussische und russische Geheimdienste. Sie hinterlassen häufiger solche Parolen in Vilnius. Es sind kalkulierte Provokationen. Wer sie an die Wände schreibt, zielt vermutlich darauf ab, das ohnehin fragile Klima weiter zu erschüttern. Vorbehalte, die es in Teilen der litauischen Gesellschaft gegenüber belarussischen Emigrant:innen gibt, sollen verstärkt werden.
Auffällig ist die Wahl der Sprache. Dass die Losung auf Belarussisch formuliert wurde, ist kaum zufällig. Sie erzeugt das Bild einer internen Auseinandersetzung, ganz so als gäbe es unüberwindbare Spannungen in der belarussischen Gemeinschaft, die in Litauen lebt. Genau das dürfte die Absicht sein: Misstrauen zwischen Exil-Belarussen und der litauischen Mehrheitsgesellschaft soll gesät werden, und zwar ausgerechnet in einer Zeit, in der die Region durch die russische Politik ohnehin enorm angespannt ist.
Seit 2024 tauchen solche Graffiti in Vilnius auf. Zunächst beschmierten Unbekannte einen Souvenirladen, den ein im Exil lebender Belarusse, ein früherer politischer Häftling, eröffnet hatte. Auf Litauisch hinterließen die Täter:innen ihre Botschaft: „Geht nach Hause, ihr belarussischen Schweine!“
Schüsse auf ein Kirchengebäude
Einige Monate später wurden die Fenster des Zentrums für belarussische Kultur eingeschlagen. Auf ein Gebäude der belarussischen Kirche wurden sogar Schüsse abgegeben. Die Täter:innen wurden bislang nicht gefasst.
Und dann ist da die Kirche. Auch dieser Ort ist nicht zufällig gewählt. Eine Kirche steht für Vertrauen, für Schutz, für Rückzug aus dem Lärm der politischen Auseinandersetzungen. Wer ihre Wände beschmiert, greift mehr an als nur Putz und Fassade. Er oder sie markiert einen Raum, der eigentlich neutral und sicher sein sollte.
Hinzu kommt: Es handelt sich um ein Gotteshaus der belarussischen Gemeinde. Die untersteht nicht dem Moskauer Patriarchat, sondern sie gehört zum Patriarchat von Konstantinopel. Gerade deshalb entfaltet die Provokation eine besondere Sprengkraft.
Sie trifft nämlich nicht nur eine religiöse Institution, sondern auch eine Gemeinschaft, die sich bewusst anders verorten möchte. Die Schmiererei zielt auf die Identität dieser Gemeinde – und damit auf das elementare Gefühl von Sicherheit.
Das Vertrauen schwindet
Solche Aktionen schüren zugleich die Sorge, die Präsenz belarussischer Exilant:innen könne die angespannte Stimmung im Land weiter belasten. Das Vertrauen in die Geborgenheit nimmt ab. Wenn selbst ein sakraler Raum nicht unangetastet bleibt, was dann?
Möglicherweise ist genau dies die Botschaft: Niemand soll sich sicher fühlen. Jede Wand kann zur Projektionsfläche werden, jede Erinnerung zur Drohkulisse.
Glafira Zhuk war Stipendiatin der taz Panter Stiftung.
Aus dem Russischen von Tigran Petrosyan.
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