Tänzer und Maskenbildner über Theater: „Deine Seele darf nicht leiden“

Angelo La Rosa tanzte im Theater, heute ist er Masken­bildner am Theater Osnabrück. Ein Gespräch über Leidenschaft, Rituale und Pannen.

Der ehemalige Tänzer und Maskenbildner Angelo La Rosa

Liebt es, bei anderen Menschen etwas zu bewegen: Angelo La Rosa Foto: Uwe Lewandowski

taz: Herr La Rosa, das Theater Osnabrück ist wegen Corona derzeit geschlossen. Wie ist es, an etwas zu arbeiten, von dem man nicht weiß, ob es je aufgeführt wird?

Angelo La Rosa: Die Werkstätten sind noch in Betrieb, aber die Vorproben für kommende Stücke sind auf Eis gelegt. Wir hoffen natürlich, dass wir die Arbeit, die wir gemacht haben, später auch zeigen können. Aber es stimmt schon: Ein bisschen fühlt man sich wie ein Bauer, dem seine ganze Kartoffelplantage kaputtgeht.

Bedauern Sie es manchmal, heute nicht mehr selbst auf der Bühne zu stehen?

Auf gar keinen Fall! Ich habe mir als Tänzer immer gesagt: Angelo, du hattest Glück, hast viel gemacht, aber irgendwann ist es vorbei. Meine Einstellung war immer: Jeder Tag kann der letzte sein. Als Kind, als Jugendlicher, habe ich oft meinem Vater geholfen, beim Maurern. Oder meiner Mutter, im Geschäft Käse und Milch verkaufen. Diese Offenheit, Neues zu versuchen, habe ich mir bewahrt.

Was für ein Tänzer waren Sie?

Ich denke, dass ich fleißig war, aber das ist jeder Tänzer. Ich habe Leidenschaft mitgebracht, war kreativ. Und gerade in der letzten Zeit, in der es nicht mehr darum ging, eine perfekte Pirouette zu drehen, in der das rein Technische für mich zunehmend an Bedeutung verlor, habe ich eher das Menschliche gezeigt, dargestellt. Aber das ist eine zweischneidige Sache.

1968 geboren in Turin, Italien, arbeitet er seit 2009 als Maskenbildner am Theater Osnabrück. Vorher war er dort - nach Stationen am Stadttheater Ulm, dem Staatstheater Wiesbaden und dem Landestheater Innsbruck - Tänzer und Trainingsleiter der Tanzcompagnie. Als Masken­bildner war er bei den Salzburger Festspielen und den Sommerfestspielen Bregenz engagiert.

Warum denn?

Beim Tanztheater arbeitest du viel mit Improvisation, gibst sehr viel von dir preis. Da musst du auch wissen, wie du dich schützen kannst, damit es nicht zu persönlich wird. Deine Seele darf dabei nicht leiden. Es sind ja nicht immer schöne Dinge, die man erlebt, die man zeigt.

In Ihrem siebenminütigen Soldatentrauma-Solo „Tom Traubert' s Blues“ von 2003 bohren Sie am Ende, qualvoll schlaflos, ihre Arme durch eine Matratze. Ergreift diese Szene Sie heute noch?

Nicht unbedingt die Szene selbst, aber ihre Vorgeschichte. Schön ist auch, dass ich bis heute auf diese Figur angesprochen werde, dass es Menschen gibt, die dieser „Blues“ noch immer bewegt, nach so langer Zeit. Tanz ist ja sehr vergänglich.

Wie ist die Vorgeschichte?

„Tom Traubert's Blues“ ist mit Choreograf Gregor Zöllig entstanden. Seine Inspiration dafür war auch sein Großvater, den seine Erlebnisse als Soldat im Zweiten Weltkrieg nicht mehr losgelassen haben, er konnte nie wieder ruhig schlafen. Daraus haben wir diese Choreografie entwickelt. Und natürlich aus dem Song von Tom Waits, der das Ganze inhaltlich vertieft – und ihm seinen Titel gibt.

Die Waits-Tristesse war Teil des Abends „Der Stand der Dinge“ des Osnabrücker Tanztheater-Ensembles. Wie stark hat Zöllig, heute künstlerischer Leiter des Tanztheaters am Staatstheater Braunschweig ist, Sie geprägt?

Acht Jahre lang haben wir in Osnabrück zusammengearbeitet. Das waren Jahre einer äußerst spannenden Entwicklung. Die schönste Zeit meiner Laufbahn als Tänzer. Zugleich waren es meine letzten Jahre auf der Bühne.

Wieso sind Sie nicht mitgegangen, als Zöllig 2005 ans Theater Bielefeld wechselte?

Tanz ist sehr harte Arbeit. Irgendwann merkst du: Deine Zeit ist vorbei. Erst habe ich versucht, an meine Arbeit als Tänzer anzuknüpfen, habe als Trainingsleiter gearbeitet. Dann hat sich die Chance ergeben, eine Ausbildung zum Maskenbildner zu machen. Das war für mich ideal. Es ist ein Kreativ-Beruf, kein Job in irgendeinem Büro. Und es ist ein Beruf, der es mir ermöglicht, weiterhin ein Theaterleben zu leben.

Wie sehen Sie sich als Maskenbildner?

Maskenbildnerei ist ein Handwerk, aber auch ein künstlerischer Beruf. Jeder hat da seine Handschrift. Auch da zeigst du was von dir, manchmal unmerklich: Auch wenn du denselben Darsteller mehrfach für dieselbe Rolle schminkst, verändert sich die Maske manchmal leicht. Plötzlich ist sie ein bisschen anders. Weil du anders bist.

Ist Ihre Familie besonders kulturaffin?

Absolut nicht! Mein Papa hat bei Fiat gearbeitet, meine Mama war Haushälterin. Aber es war meine Mama, die mich bei uns im Dorf zur Ballettstunde angemeldet hat, für einmal die Woche. Sie dachte sicher: Ein bisschen Bewegung tut dem Jungen gut. Mir hat das Spaß gemacht. Und als dann die Lehrer sagten, der Junge ist begabt, war es meine Mutter, die auf die Idee kam, dass Ballett sich für mich vielleicht als Beruf eignet. Die Schule war sowieso nicht so meine Stärke.

Und dann folgte eine Ausbildung in klassischem Ballett?

Zum Bühnentänzer. Und das ist eine ziemliche Bandbreite: Klassisches Ballett, zeitgenössisches, modernes Tanztheater, Flamenco, Jazzdance, Afrotanz. In den letzten acht Jahren habe ich mich allerdings spezialisiert. Nach einem Unfall, der mir klargemacht hat, dass ich als klassischer Tänzer nie mehr so gut sein kann wie früher. Damals war ich kurz davor aufzuhören. Aber dann habe ich doch noch mal vorgetanzt, bei einem zeitgenössischen Tanztheater. Das hat mir eine neue Richtung gegeben.

Zweifelten Sie manchmal, ob das die richtige Entscheidung war? So viele versuchen es, so wenige fassen dauerhaft Fuß, die Gagen sind mager …

Natürlich. Hinzu kommt: Besonders in Italien hast du ein Problem, als Tänzer Fuß zu fassen. Klar, es gibt Theater mit Tanzcompagnien, aber wenn man da nicht auch die Ausbildung gemacht hat, kommt man da nicht rein, höchstens temporär, für einzelne Produktionen. Eine freie Szene gab es nicht, als ich anfing. Noch heute ist ein Start schwierig in Italien. Entweder du hast eine Stelle in einem großen Haus, in Rom, in Neapel, oder du machst Fernsehballett. Das war auch eines der stärksten Argumente, nach Deutschland zu gehen.

Wieso lieben Sie das Theater so?

Es gibt dir die Möglichkeit, bei Menschen was zu bewegen. Das kann ein Lächeln sein, ein Nachdenken über sich selber, Traurigkeit.

Auf der Bühne spüren Sie die Reaktion des Publikums. Gibt es Vergleichbares für einen Maskenbildner?

Wenn die Darsteller zu dir kommen, sich auf deinen Stuhl setzen, sich auf den kurzen Moment mit dir freuen, deine 10 oder 20 Minuten, sich aufgehoben fühlen. Das ist fast wie ein Ritual.

Theaterleute, heißt es ja, lieben Rituale. Hatten Sie eins?

Als Tänzer? Ja, das hatte ich: Bei jeder Premiere habe ich mir die Fingernägel geschnitten. Ich habe allerdings nie gemacht, was andere Tänzer machen, wenn eine Choreografie besonders schwierig ist: Unmittelbar vor jeder Vorstellung auf der Bühne das ganze Stück noch mal durchzugehen, und noch mal, und noch mal. Ich habe mir gesagt: Ich gehe jetzt gleich da rauf, performe das so gut ich kann, und entweder gelingt es oder es gelingt nicht.

Gesetzt, es läuft eine große Oper. Sicher ist da dann ein Maskenbildner auf Standby, falls was schiefgeht. Stressig, so ein Notdienst?

Das kann schon Nerven kosten, gerade wenn Darsteller sich sehr schnell umziehen müssen. Da denkst du dann: So, das muss jetzt aber klappen! Du willst ja nicht, dass es beim Darsteller zu Irritationen kommt, durch einen Fehler von dir. Stress hat der schon genug.

Und wenn was misslingt? Wie erfahren Sie das?

Entweder man sieht es selbst, denn oft ist man ja hinter der Seitenbühne, zum Umziehen. Oder man ist in der Maske, in der Garderobe, und es kommt ein Durchruf vom Inspizienten. Nehmen wir an, ein Darsteller bekommt ein Mikro geklebt, aber er schwitzt, und dadurch überträgt das Mikro plötzlich nicht mehr. Da heißt es dann, per Lautsprecher: Dringend Maske und Ton auf die Bühne! Also schnell hin und reparieren. Man ist eigentlich ständig auf den Beinen.

Gibt es einen Maskenbildner-Alptraum? Einen worst case, der nicht passieren darf?

Jede Situation ist ein worst case. Wir hatten mal eine Produktion, da sollte jemand einen Messerstich bekommen, in die Seite. Also hatte er einen Blutbeutel unter dem T-Shirt, und der musste punktgenau platzen. Das Problem war: Der Darsteller musste vorher kämpfen, sich auf den Boden werfen, und dabei durfte nichts passieren. Der Beutel musste also robust sein, aber zugleich empfindlich. Bei jeder Vorstellung war es spannend: Klappt es heute?

Wie war Ihr erstes Theater­erlebnis?

Da war ich, glaube ich, acht Jahre alt, und hatte, wie viele Kinder, das Bedürfnis, Leute zu unterhalten. Wir waren eine große Familie, saßen beim Sonntagsessen, und ich habe Leute aus dem Fernsehen nachgemacht. Eine richtige kleine Show. Am liebsten hätte ich gehabt, alle setzen sich so hin wie im Zuschauerraum.

Später haben Sie das ja oft erlebt. Welche Zuschauerreaktion war für Sie die verblüffendste?

Da sind wir wieder bei „Tom Trauberts Blues“. Eigentlich ist das ja eine sehr traurige Geschichte. Aber als ich es zum ersten Mal aufgeführt habe, haben die Leute danach gelacht. Natürlich war ich im ersten Moment ziemlich irritiert. Aber dann habe ich erkannt: Das Stück hat beides, Dramatik und Witz.

Wenn Sie jemand fragt, ob es gut ist, Tänzer zu werden, was antworten Sie?

Das wird nicht leicht. Aber wenn du es machen möchtest, musst du es machen.

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