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TV-Serie über SuperreicheTeure Uhren, leere Herzen

Luxus klauen bei Freunden? In der Serie „Your Friends and Neighbors“ wird Dekadenz zur Falle. Der wahre Absturz beginnt, wenn keiner was merkt.

Die Szene der „Pünktchen und Anton“-Verfilmung von 1999 ist in vielerlei Hinsicht das Spiegelbild des Sündenfalls von Andrew Cooper (Jon Hamm) in der neuen Apple TV+-Serie „Your Friends and Neighbors“. In Erich Kästners Kinderbuchfigur streift Anton durch das große, schöne Haus von Pünktchens Familie, während alle anderen draußen am Pool stehen und Canapés verschlingen.

Er sieht die Uhr, die bestimmt niemand vermisst bei so viel Reichtum, und lässt sie langsam in seine Tasche gleiten und rennt. Cooper, genannt Coop, ist die ersten Minuten der Serie noch Hedgefonds-Manager, wird dann aus eher vorgeschobenen Gründen völlig überraschend entlassen.

Er steckt in einem Dilemma: Um wieder beruflich Fuß fassen zu können, muss das soziale und ökonomische Kapital beibehalten werden. Die titelgebenden Freunde und Nachbarn müssen weiter mit Luxuswein beschenkt, die Privatschule und Tennisstunden der Kinder weiter finanziert werden.

Die Serie

„Your Friends and Neighbors“, ab sofort auf Apple TV+

So macht für Coop Gelegenheit Diebe und schlägt den Bogen zu Kästner: Während bei einem Barbecue japanischer Edelwhiskey getrunken wird, schlendert Coop durch das Haus seines Freundes und denkt: Wer soll es merken? Von nun an wird das punktuelle Stehlen von Luxusgütern in den Häusern seiner engsten Vertrauten zu Coops neuer Einkommensquelle.

Selbstverständlich werden die Diebstähle bemerkt, weil die Nachlässigkeit von Reichen sich nie auf ihre eigenen Besitztümer zu beziehen scheint, so nonchalant sie auch getragen werden, und das Unheil nimmt seinen Lauf.

Jap, Menschen leben wirklich so

Serienschöpfer und Executive Producer Jonathan Tropper gelingt eine witzige, unaufdringliche Darstellung von unermesslichem Reichtum und der Selbstverständlichkeit, mit der Zehntausende heruntergeschluckt und Hunderttausende am Handgelenk getragen werden.

Über einige überdeutliche Metaphern des faulenden Untergrundes von Reichtum wie die von Ungeziefer befallene Luxusvilla und das obligatorische Kotzen in ein 30.000-Euro-Klo kann hinweggeblickt werden Collagierte Zusammenschnitte echter Werbungen von Patek Philippes und Birkin Bags betten das dargestellte Milieu in unsere Realität ein. Sie funktionieren als intelligente Authentifizierungsmerkmale: Jap, Menschen leben wirklich so.

Die Figur von Coop ähnelt Timothy Ratliff (Jason Isaac) aus der aktuellen Staffel von „White Lotus“ – das männliche Familienoberhaupt sieht sich selbst in der Verpflichtung, den luxuriösen Lebensstandard von Kindern und Ehefrau beizubehalten, ein Verlust dieser Lebensweise käme einer Kastration gleich.

Dass Coops Ex-Frau Mel (Amanda Peet) keinesfalls glücklicher wird durch das Vermögen ihres neuen Partners, sondern im Gegenteil immer abgestumpfter und leerer, kann Coop weder sehen noch imaginieren. Sein Reichtum ist zu selbstverständlich, zu groß die Angst vor sozialer Ächtung.

Das kann als die vielleicht nachdrücklichste Logik der Figuren von Coop und Timothy bezeichnet werden: die zwingende Dringlichkeit, mit der Laserbehandlungen und Clubmitgliedschaften wahrgenommen werden, und die Logik des sozialen Umfeldes.

Wenn im Vorspann der Serie alles um Coop herum explodiert, während im Hintergrund „You can’t keep up with the Joneses“ ertönt, wird klar: Der Verlust von sozialem Kapital wiegt ungleich schwerer als die Veränderung des eigenen Lebensstandards. Coop kann unbeschadet Billigcornflakes zum Frühstück essen, die Einladung zur Spendengala absagen kann er nicht.

Wie dieses Dilemma aufgelöst werden wird, wird wohl erst in der zweiten Staffel beantwortet werden – die wurde bereits angekündigt.

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2 Kommentare

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  • Schöner Titel. Die ganz armen und die sehr reichen waren schon immer amoralisch. Die einen, weil sie es sich nicht leisten können, die anderen, weil sie sie es sich leisten können. Genauer betrachtet, bedeutet zu viel Geld moralischen Abstieg.

    • @Ceebee:

      Umso wichtiger, die Mittelschicht zu stärken. Wir wissen schon, dass die Mittelschicht Trägerin von Bildung, Innovation und Demokratie ist -- und nach deiner Aussage nun auch Trägerin der Moral. Was könnte wichtiger sein?