THW Kiel wird hauchdünn Handball-Meister: Titel in Kiel, Party in Flensburg

Bis zur letzten Sekunde zittert sich der THW Kiel mit einem Unentschieden zur 22. Handball-Meisterschaft. Der Rivale Flensburg wird derweil gefeiert.

Handballspieler stehen vor einem Fernseh-Bildschirm

Entscheidung im Fernsehen: Die Flensburger Spieler sehen den Kieler Punktgewinn in Mannheim Foto: Frank Molter/dpa

FLENSBURG taz | Der THW Kiel ist durch ein 25:25 bei den Rhein-Neckar Löwen zum 22. Mal deutscher Handball-Meister geworden. Die größte Hallen-Party des Landes fand allerdings in Flensburg statt, wo 2.300 Zuschauer bis zuletzt auf einen Ausrutscher der Kieler hofften und das 38:26 gegen den HBW Balingen-Weilstetten sowie die Vizemeisterschaft feierten.

Vor der Flens-Arena gab es ein fröhliches Wiedersehen der Fans der SG Flensburg-Handewitt, die lange nicht mehr in die Halle gedurft hatten. Erst zum vierten Mal waren wieder Zuschauer zugelassen, diesmal fast ein Drittel der Maximalbesetzung von 6.300 Zuschauern. Die taten von Anfang an alles, um eine ähnliche Atmosphäre herzustellen wie in der vollen Hütte, als die Fans die SG vor drei Jahren am letzten Spieltag zum Titel brüllten.

Sogar der Schiedsrichter lächelte, als er erst mit Verspätung anpfeifen konnte, da das Tor vor der Fantribüne erst von Konfetti befreit werden musste. Der Pfiff selbst ging dann im Lärm von Trommeln, Klatschen und Gesängen unter.

Zuletzt deutete einiges darauf hin, dass der THW die strapaziöse Coronasaison kräftemäßig besser überstanden hat als die Flensburger

Mit dem einen Auge hingen die meisten SG-Fans in der Halle ständig am Smartphone. Denn diesmal hatte die Mannschaft von Trainer Maik Machulla im vorletzten Heimspiel durch eine unerwartete Niederlage gegen die Füchse aus Berlin fast alle Trümpfe aus der Hand gegeben und war auf eine gleichzeitige Niederlage des THW Kiel in Mannheim angewiesen.

Unabhängig vom Ausgang der beiden Spiele war die Dominanz der Fördeklubs schon vorher so groß wie selten zuvor. Fünfzehn Punkte betrug am Ende der Vorsprung der Kieler vor dem Drittplatzierten aus Magdeburg. Die letzten Spiele deuteten darauf hin, dass die Kieler die Saison, die erst durch viele coronabedingte Absagen und dann durch ein strapaziöses Nachholprogramm gekennzeichnet war, kräftemäßig besser überstanden hatten. Während der THW etwa den Pokalsieger TBV Lemgo souverän besiegte, zitterten sich die Flensburger zu einem hauchdünnen Sieg beim Tabellendreizehnten HC Erlangen.

„Wer laufen kann, spielt“, sagte Trainer Maik Machulla über seinen von Ausfällen gebeutelten Kader. Torwart Benjamin Burić, Kreisläufer Jacob Heinl sowie die Rückraumspieler Franz Semper und Alexander Petterson mussten passen. Für Burić war schon vor Wochen Torwart-Legende Henning Fritz reaktiviert worden. „Die letzten 60 Minuten schaffen wir auch noch“, sagte der angeschlagene Spielmacher Jim Gottfridson.

Schnell war klar, dass die Entscheidung in der wesentlich spärlicher besetzten Mannheimer Halle fallen musste, wo die Handball-Bundesliga das Original der Meisterschale deponiert hatte. Während die SG, bei der neben dem Original-Ministerpräsidenten Daniel Günther (CDU) auch der Kanzlerkandidat der Herzen Robert Habeck (Grüne) zu Gast war, nach zehn Minuten schon mit fünf Treffern führte, stand es in Mannheim 3:3.

Das erste Mal wurde es nach zwanzig Minuten wieder richtig laut, als die Ticker die erstmalige Führung der Löwen meldeten. Die Fernsehbilder zeigten angespannte Kieler Gesichter bei einer Auszeit, während die Flensburger spielten, als könnten sie noch über das Torverhältnis Meister werden. Dabei war klar, dass den Kielern ein Unentschieden auf jeden Fall reichen würde. Zur Halbzeit stand es 24:12 für Flensburg, hauptsächlich herausgeworfen von den Außenspielern Hampus Wanne und Lasse Svan. In Kiel warf derweil Miha Zarabec mit dem Pausenpfiff das 13:12 für den THW.

„Das lassen die sich nicht mehr nehmen“, hörte man nach Wiederanpfiff auf der Tribüne jetzt immer öfter jemanden mit Blick aufs Smartphone sagen. Als die Kieler das erste Mal mit drei Treffern davonzogen, setzte in der Flens-Arena eine Trotzreaktion ein und die eigene Mannschaft wurde umso frenetischer gefeiert. Die letzten zehn Minuten gingen fast völlig im Jubel unter. Nicht unterging allerdings, dass es in Mannheim plötzlich nochmal spannend wurde. Als der Endstand in eigener Halle feststand, waren dort noch über sieben Minuten zu spielen.

Entscheidung im Fernsehen

Die Flensburger Spieler gingen geschlossen in die Hallenecke, wo ein Fernseher aufgestellt war. Zusätzliche Spannung kam dadurch auf, dass das TV-Bild, dass die Spieler sahen, der Online-Übertragung voraus war. Die 2.300 Zuschauer verfolgten nun keine Tempogegenstöße der Spieler mehr, sondern Haare-Raufen und Daumendrücken. Schließlich schaltete auch der große Hallenbildschirm um und alle waren wieder im gleichen Bild, als die Löwen beim Stand von 25:25 den endlos langen letzten Angriff hatten. Als dann auch in Mannheim Schluss war, mussten die Zuschauer die sichtbar enttäuschten Spieler trösten.

„Es ist sehr schwer, die richtigen Worte zu finden“ sagte Lasse Svan und bedankte sich mit stockender Stimme bei den Zuschauern für die Unterstützung, die noch lange anhielt.

Nach dieser zerstückelten Saison mit dem langem Zuschauerausschluss, einer umstrittenen Weltmeisterschaft und einer hitzigen Diskussion über die Überforderung der Spieler tat es den Handballfans in Flensburg sichtlich gut, wieder puren Sport mit Spannung bis zum Schluss zu erleben, auch wenn es diesmal nur zur Vizemeisterschaft reichte. Das Duplikat der Meisterschale blieb im Koffer.

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