Flensburg-Handewitt besiegt THW Kiel: Handballer in der Gefahrenzone

Die SG Flensburg-Handewitt übernimmt mit einem Sieg im Derby gegen Kiel die Tabellenführung. Kiels Coach Jicha warnt vor Überlastung der Spieler.

Ein Spieler hält am ausgestreckten Arm einen Ball, während er nach hinten gegen einen weiteren Spieler fällt, der sich wegduckt

Hohes Niveau: Magnus Rod (links) und Kiels Magnus Landin kämpfen um den Ball Foto: Frank Molter/dpa

FLENSBURG taz | In der 21. Minute betraten zwei Spieler das Feld der Flensburger Halle, deren Namen hier Geschichte geschrieben haben. Auf Flensburger Seite sollte der neunzehnjährige Magnus Holpert, Rückraumnachwuchs und Sohn von Torwart-Legende Jan Holpert, seine arg strapazierten Kollegen für ein paar Minuten entlasten. Der THW wechselte zeitgleich den 23 Jahre älteren Mattias Anderson ein, der weit über 300 Spiele als Torwart für die SG bestritten hat, jetzt eigentlich als Torwarttrainer der Kieler arbeitet, aber aufgrund der Quarantäne von Stammtorwart Niklas Ladin reaktiviert wurde.

Das Wort „Quarantäne“ prägte die Vorberichte mehr als ruhmreiche Spielernamen. Die komplette SG-Mannschaft durfte nach einem positiven Test erst seit Montag wieder trainieren. Die dänischen Nationalspieler Simon Hald und Mads Mensah Larsen standen wie ihr Kieler Kollege Landin aufgrund der Quarantäne der dänischen Nationalmannschaft immer noch nicht zur Verfügung. Da drei weitere Spieler verletzt ausfielen, konnte die SG nur zwölf der 16 möglichen Kaderplätze besetzen.

In der 104. Auflage fand das Landesderby erstmals vor fast leeren Rängen statt. Dass es in dieser Kultstätte des Zuschauersports trotzdem alles andere als still war, lag vor allem an dem Dutzend Aufbauhelfer:innen, das während des Spiels zur Trommelbrigade umfunktioniert wurde.

Trotz Quarantäneärger, Verletzungspech und Fanabstinenz zeigten beide Mannschaften von der ersten Minute ein packendes und faires Spitzenspiel. Dabei verkrafteten die Flensburger den Ausfall ihrer fünf Stammkräfte besser als die Kieler den einen von Niklas Landin. Der Welthandballer hatte die Flensburger bei der Niederlage im Hinspiel zur Verzweiflung gebracht. Am Samstag erzielten sie bis zur Einwechslung von Andersson nach einem Drittel der Spielzeit schon dreizehn Treffer, an die Ersatztorwart Dario Quenstedt keinen Finger brachte.

Der Terminplan verkraftet keine weiteren Ausfälle mehr, die durchaus möglich sind

Beide Mannschaften verfügen über überragende Rückraumspieler, die den Welthandball prägen. Doch während die Last bei den Kielern zu stark auf den Schultern des Norwegers Sander Sagosen lag, der allein neun Tore warf, erzielte auf der anderen Seite der schwedische Spielmacher Jim Gottfridsson nicht nur sieben eigene Treffer, sondern spielte auch immer wieder Linksaußen Hampus Wanne (zehn Tore) und Kreisläufer Johannes Golla (fünf Tore) erfolgreich an. Die kampfstarke Flensburger 6:0-Deckung hielt trotzt fehlender Verschnaufpausen den Kieler Kreis in Schach, während die offensiver ausgerichtete Kieler Abwehr dadurch geschwächt wurde, dass sich Nationalspieler Hendrik Pekeler den Fuß vertrat und kaum noch eingesetzt werden konnte.

Nach dem Spiel sprach der Kieler Coach Filip Jicha von „schlauen“ Flensburgern, die verhindert hätten, dass sein Team zum gewohnten Spiel kam. Jicha hatte sich unter der Woche wie andere Experten Sorgen um die Gesundheit der Spitzenspieler gemacht, da der Terminplan in der Liga nach zahlreichen Corona-bedingten Spielausfällen immer enger wird.

Obwohl am Samstag offiziell der 23. Spieltag anstand, haben beide Teams erst 19 Spiele absolviert. Bis Ende Juni müssen neben weiteren 19 Ligaspielen noch die Champions League und zwei Länderspiele absolviert werden. Die Terminhatz werde „definitiv Spuren hinterlassen und hintenheraus manche Profikarrieren sicherlich etwas abkürzen“, hatte Jicha gesagt und war dafür von den Liga-Bossen Frank Bohmann und Uwe Schwenker kritisiert worden.

Angesichts der nervlich, zeitlich und gesundheitlich angespannten Lage bedeutet der Sieg der Flensburger, die jetzt mit einem Punkt Vorsprung die Tabelle anführen, keine Vorentscheidung für den Meisterschaftskampf. Der Terminplan verkraftet keine weiteren Ausfälle mehr, die durchaus möglich sind.

Schon Mitte dieser Woche müssen die Kieler und Flensburger im Achtelfinale der Champions League bei Pick Szeged in Ungarn und beim HC Zagreb in Kroatien antreten.

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