Svenja Bergt über Zucker und seine Ersatzstoffe: Nicht handeln macht krank
Lebensmittel- und Autoindustrie haben einiges gemeinsam: Die Gesundheit der Verbraucher ist für sie eher sekundär, sie haben, wie es aussieht, einen Hang zu Kartellen und sie tricksen kräftig, wenn immer es geht, ganz legal natürlich und mit freundlicher Unterstützung des Gesetzgebers, den sie mit ihrer Lobby gut im Griff haben.
Aktuelles Beispiel: Zucker. Nein, nicht im Tank, sondern in Lebensmitteln. Dass Zucker eher in Maßen als in Massen verzehrt werden sollte, hat sich herumgesprochen, spätestens seitdem die WHO vor drei Jahren die empfohlene Tagesdosis deutlich gesenkt hat. Zucker in der Zutatenliste ist also schlecht fürs Image, aber keine Panik: Es gibt genug Alternativen. Fructose, Maltose oder Lactose? Sorbitol, Saccharin oder Isomalt? Aspartam, Stevia oder Zuckerrübensirup? Kariesverursachend, dickmachend oder doch lieber potenziell krebserregend?
Demnächst kommt mit Isoglucose hierzulande noch ein weiterer Ersatzstoff dazu, mit einem ganz besonders praktischen Nebeneffekt für die Hersteller: Er ist deutlich günstiger als normaler Haushaltszucker. Da kann die Autoindustrie nur noch neidisch gucken.
Selbst der idealtypisch aufgeklärte Verbraucher benötigt mittlerweile ein Handbuch und einen freien Nachmittag, um sich da in den Zutatenlisten zurechtzufinden. Es wird Zeit, das endlich zu ändern. Steuern auf zuckerhaltige Getränke wären sicher ein Weg, der etwa in Mexiko schon messbare Erfolge gebracht hat. Das mindeste aber ist: Information. Klar, verständlich und auf einen Blick muss auf der Verpackung erkennbar sein, was und welche Menge an Zucker und Verwandten drinstecken. Ohne die detektivischen Fähigkeiten der Kunden auszureizen.
Sollte das die Industrie überfordern, ließe sich auch das Konzept der Lebensmittelampel wieder ausgraben. Nichts tun jedenfalls, und da darf sich die Autoindustrie wieder mit angesprochen fühlen, macht krank.
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