„Surrealism Beyond Borders“ in New York: Eine sehr spezielle Weltkarte

Die Schau „Surrealism Beyond Borders“ im New Yorker Metropolitan Museum of Art zeigt die Breite der Strömung. Klassiker braucht sie dazu kaum.

Eine Besucherin der Ausstellung „Surrealism Beyond Borders“ vor einem Gemälde von Max Ernst.

Eine Besucherin der Ausstellung „Surrealism Beyond Borders“ Foto: Christina Horsten/dpa

Auf den Fotografien der kolumbianischen Künstler Cecilia Porras und Enrique Grau im New Yorker Metropolitan Museum sind traumhafte Szenen zu sehen: Der Kopf einer schlafenden Frau in einem Treibholzhaufen. Ein im Wind flatterndes Tuch, das sich über die hochgereckte Hand einer Person legt. Zwei von einem weißen Bettlaken verhüllte Gestalten vor einem pyramidenartigen Gebäude. Die Fotografien sind postkartengroß und nicht gerahmt.

Als sie in den 50er Jahren entstanden, litt Kolumbien unter einer Militärdiktatur. Für das Spiel mit träumerischem Begehren und Geschlechter­iden­ti­täten gab es keinen Platz. Jahrelang verschwanden die Fotografien in einem privaten Fotoalbum. Jetzt kann sie in der Ausstellung „Surrealism Beyond Borders“ am Metropolitan Museum zum ersten Mal ein großes Publikum sehen. Neben vielen anderen bisher unbekannten surrealistischen Werken.

Wer in dieser Ausstellung nach den Klassikern des Surrealismus von Magritte, Dalí oder Ernst sucht, ist hier am falschen Ort. Von ihnen findet sich nur jeweils ein Werk. Die Fülle der von den Ausstellungsmachern zusammengetragenen Arbeiten ist gerade deswegen beeindruckend. Die Gemälde, Fotos, Filme, Magazine und Briefe aus über 45 Ländern in der Zeitspanne von 1920 bis in die 1980er Jahre hinein füllen 14 Galerien des Metropolitan Museums. Ihre Herkunftsländer spannen ein Netzwerk von Osteuropa über die Karibik, Asien, Afrika, Australien, Nord- und Südamerika.

Entstanden ist die surrealistische Kunstbewegung im Paris der 20er Jahre. Ihre Begründer wollten nichts weniger als die Welt neu erfinden. Alltägliche Gegebenheiten und rationale Denksysteme bis hin zur Sprache wurden radikal hinterfragt. Das Traumhafte und das Unbewusste war die Währung dieser neuen Weltordnung. Schmelzende Uhren, geheimnisvolle Vogelwesen und gesichtslose Männer wurden zu ihrem visuellen Erkennungszeichen.

„Surrealism Beyond Borders“. Bis 30. Januar, Metropolitan Museum of Art, New York. Vom 24. Februar bis 29. August, Tate Modern, London. Katalog (Met) 62 Euro

Die Ausstellung „Surrealism Beyond Borders“ zeigt, dass die neue Kunstbewegung weit über diese Epoche hinausreichte. Schnell haben Künstler in der ganzen Welt das avantgardistische Potenzial der surrealistischen Ideen erkannt, aufgegriffen und weiterentwickelt. Der Surrealismus, sagt Max ­Hollein, der Direktor des Metropolitan Museum, in seiner Ausstellungseinführung, sei der einzige „-ismus“ der Kunstgeschichte, der sich „wirklich global ausbreitete“.

Europa verschwindet fast am äußersten linken Rand

Sie hätten sich von einer „sehr speziellen Weltkarte inspirieren lassen“, sagt die Met-Kuratorin Stephanie D’Alessandro, die gemeinsam mit ihrem Kollegen Matthew Gale von der Tate Modern in London die Ausstellung organisiert hat. Dorthin wird die Schau im Februar nächsten Jahres umziehen.

Die gezeichnete Karte wurde unter dem Titel „Die Welt zur Zeit der Surrealisten“ in den späten 20er Jahren in einer belgischen Zeitschrift abgedruckt. Europa verschwindet fast am äußersten linken Rand der Karte, während der Pazifik das Zentrum einnimmt. Es sei eine „Verschiebung von Machtsystemen“, sagt D’Alessandro, und „eine Provokation, den Surrealismus neu zu denken“.

Tatsächlich ist es bemerkenswert, wie gleichwertig die Ausstellung verschiedene surrealistische Strömungen, Künstlerpersönlichkeiten und -kollektive nebeneinander präsentiert. Es gibt typische Themenfelder wie „Jenseits des Verstands“, „Automatismus“ oder „Das Werk der Träume“. Zu sehen sind dort so bekannte Werke wie ­Magrittes aus einem Kamin fahrende Dampflock in „Die durchbohrte Zeit“, oder Dalís „Hummer-Telefon“, das einen Hummer zum Telefonhörer umfunktioniert.

Maschinen und das Unbewusste

Aber eben auch das in den 20er Jahren entstandene Gemälde „Das Meer“ des japanischen Malers Koga Harue. Harue führte die surrealistische Bewegung des „Maschin-ismus“ in Tokio an. Für ihn waren Maschinen und Fabriken gleichbedeutend mit dem menschlichen Unbewussten. In Harues scheinbar idyllische Meeresszene ragt das Diagramm einer Fabrikmaschine, und ein im Querschnitt gezeigtes U-Boot mit einem kiemenartigen Rohrsystem schwimmt mit den Fischen im Meer.

Andere Abschnitte der Ausstellung widmen sich regionalen Entwicklungen des Surrealismus. Ein Beispiel sind die karibischen Inseln. Der konventionellen Erzählung nach brachte der Kriegsflüchtling André Breton 1941 die Bewegung dorthin. Die Ausstellung zeigt, dass der Surrealismus die Karibik früher und auf unterschiedlichen Wegen erreichte.

Bereits 1938 kehrte etwa das aus Martinique stammende Dichterpaar Aimé und Susanne Césaire nach Studienaufenthalten in Paris in ihre Heimat zurück. Dort brachten sie das surrealistische Magazin Tropique heraus. In einem Essay schreibt Susanne Césaire, dass sie es dem Surrealismus zutraue, „die schmutzigen zeitgenössischen Antinomien von schwarz / weiß, europäisch / afrikanisch, zivilisiert / wild“ zu transzendieren.

Umgefallene Stühle und Schlagstöcke

Andere Künstler nutzten die Techniken des Surrealismus, um reale Albträume politischer Gewalt darzustellen. 1937 malte der in Ägypten geborene griechisch-französische Maler Mayo das Gemälde „Schlagstöcke“.

Auf den ersten Blick erinnert es an eine typische surrealistische Komposition aus abstrakten und organischen Formen. Dazwischen finden sich erkennbar Gegenstände wie ein Tisch mit umgekippter Flasche, umgefallene Stühle und Schlagstöcke. Das Bild gibt in etwa wieder, was Mayo während eines von der Polizei brutal niedergeschlagenen Studentenprotests in Kairo erlebt hat.

Eine besondere Form der kollektiven Arbeit zeigt der letzte Raum der Ausstellung. Wie eine über zehn Meter langgezogene Ziehharmonika ragt das Endlospapier des Projekts „Long Distance“ in ihn hinein. Der US-amerikanische Künstler und Jazzmusiker Ted Joans hat es von 1976 bis 2005 an über 100 Künstler, Dichter, Intellektuelle und Musiker in der ganzen Welt weitergegeben. Jeder von ihnen hat auf einem gefalteten Abschnitt etwas gezeichnet. Ohne zu wissen, wie die Zeichnung des Vorgängers aussieht. ­„Cadavre ­exquis“ haben die Surrealisten diese Technik genannt.

Überhaupt sind es nicht die einzelnen Werke, die die Ausstellung so interessant machen. Vielmehr ist es die kollektive Energie, die sich spürbar durch alle Ausstellungsräume zieht. Ausgelöst von dem Gedanken an eine neue Welt hinter der bekannten Ordnung.

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de