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Sudanesische Stimmen zur Sudankonferenz„Wir sehen dieselben alten Gesichter“

Deutschland hat aus Sudan Vertreter der zivilen Selbsthilfe und Demokratiebewegung nach Berlin geholt. Aber es gibt an der Sudankonferenz auch Kritik.

Aus Berlin

Saskia Jaschek

Die Ausrichter der internationalen Sudan-Konferenz in Berlin rühmen sich damit, neben einer Vielzahl internationaler Ver­tre­te­r:in­nen auch die sudanesische Zivilgesellschaft in großer Zahl eingeladen zu haben. Insgesamt 40 sudanesische Zi­vi­lis­t:in­nen aus unterschiedlichen Initiativen sind nach Angaben von Manisha Varuni Ushani Agalawatta von der UN-Delegation für Sudan angereist. Sie könnten die Positionen ihrer unterschiedlichen Gemeinschaften auf der internationalen Bühne einbringen. Dies, so betonen Sudanesen wiederholt, macht die Bedeutung der Einbeziehung der Zivilgesellschaft aus.

Das höchste Ziel ist die Beendigung des Krieges, darüber besteht Einigkeit. Weniger einig scheint die sudanesische Zivilgesellschaft in Bezug auf die Konferenz an sich zu sein.

Während am Mittwoch im Auswärtigen Amt in Berlin die Delegierten und Minister tagen, findet draußen auf der Straße eine sudanesische Demonstration statt. Die Demonstrierenden werfen Berlin vor, mit den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE), die als ausländischer Hauptunterstützer der in Sudan gegen die Regierung kämpfenden Miliz RSF (Rapid Support Forces) gelten, und mit der Einladung des politischen Bündnisses Somoud der RSF Legitimation zu verschaffen und so nicht zur Lösung, sondern zur Verlängerung des Konflikts beizutragen.

Somoud ist eine Anti-Kriegsallianz rund um den ehemaligen Premierminister Abdalla Hamdok, die unter Menschen im Sudan umstritten ist, da sie bis heute öffentlich weder den von zahlreichen Beobachtern festgestellten Genozid der RSF noch deren Unterstützung durch die VAE verurteilt.

Regierungstreuer Protest

Dieser Protest ist unter Su­da­ne­s:in­nen umstritten. Einige werfen den Protestierenden vor, An­hän­ge­r:in­nen der sudanesischen Regierungsarmee SAF zu sein. Gaffar Mohammud Saeneen, Mitorganisator der Demonstration, verneint dies: „Wir stehen vor zwei Übeln“, sagt er über die beiden Kriegsparteien. „Aber während die SAF die offizielle Armee des sudanesischen Staates ist, ist die RSF eine genozidale Miliz.“

Die RSF müssten daher zuerst eliminiert werden. Er kritisiert, dass eine Konferenz, die sich zum Ziel gesetzt hat, Friedensverhandlungen anzustoßen, die de-facto-Regierung von Staats- und Armeechef Abdel Fattah al-Burhan nicht eingeladen hat.

Ein Protestierender, der namentlich nicht genannt werden möchte, schließt sich ihm an: Die Konferenz im Auswärtigen Amt, klagt er, sei eine Wiederholung der Berliner Konferenz von 1884, als Europas imperiale Mächte die Aufteilung Afrikas unter sich ohne afrikanische Beteiligung regelten. Solche Aussagen decken sich mit offiziellen Positionierungen der sudanesischen Regierung gegen die Konferenz.

Revolutionäre Skepsis

Auch Teile der revolutionären Bewegung – ihre Massenproteste stürzten 2019 das Militärregime in Sudan, nur um danach machtlos ansehen zu müssen, wie die Generäle um die beiden heutigen Kriegsparteien sich die Macht allmählich zurückholten, bevor sie sich gegenseitig bekämpften – haben sich öffentlich von der Konferenz distanziert. Die Widerstandskomitees, Sudans nachbarschaftlich organisierte Graswurzelnetzwerke, die als die tragende Kraft der Revolution galten, lehnten die Konferenz in einem Statement auf der Plattform X ab.

Dort heißt es, die Konferenz sei eine Operation imperialistischer Mächte, die darauf abziele, Sudan so zu gestalten, dass er ihren Interessen diene. Dazu würde „politischer Müll unter dem Deckmantel ziviler Arbeit“ wiederverwertet.

Ähnlich sieht es Amin Ayman Suleiman, Sprecher der Gruppe „Ghadiboon Bila Hadud“ („Wütend ohne Grenzen“). Sie gründete sich im Zuge des Militärputsches 2021 gegen die damalige zivile Übergangsregierung mit dem Ziel, die Putschisten zu stürzen. Suleiman gab am Tag vor der Konferenz auf seiner Facebook-Seite bekannt, die Gruppe habe eine Einladung zur Konferenz erhalten und diese abgelehnt. Die Konferenz repräsentiere nicht die sudanesische Bevölkerung und trage lediglich zu einer Verlängerung des Krieges und einer Wiederholung von Krisen bei. Auch der revolutionäre Zusammenschluss der „Allianz der Kräfte radikalen Wandels“ verurteilt die Konferenz öffentlich auf seiner Facebook-Seite.

Auch in Deutschland aktive Su­da­ne­s:in­nen stehen der Konferenz kritisch gegenüber. Ibrahim Izeldeen von „Sudan Uprising Germany“ kritisiert gegenüber der taz, es fehle an Transparenz nach außen. Die Konferenz sei nichts Neues: „Was dort als ‚Zivilgesellschaft‘ bezeichnet wird, sind dieselben alten Gesichter, die wir als Teil des Konfliktes sehen. Es sind die Menschen, die im Sudan die Nichtregierungsorganisationen kontrollieren“, erklärt er. Die international finanzierten Organisationen hätten primär ein Eigeninteresse aus finanziellen Vorteilen, Karrieren und Gelegenheiten. Sie würden die Interessen der internationalen Geldgeber vertreten, nicht die sudanesischen.

Finanzhilfen sind am wichtigsten, sagen Nothelfer

Abdelmajid Mergany von den Emergency Response Rooms (ERR) gibt sich indes zuversichtlich. Die ERR sind zivil organisierte Notfallzentralen, die im Sudan seit Kriegsbeginn an vielen unterschiedlichen Orten lokale humanitäre Hilfe für die Bevölkerung leisten; sie wurden erst vergangenes Jahr mit dem Alternativen Nobelpreis ausgezeichnet.

Mergany ist einer von fünf aus Sudan nach Berlin entsandten Repräsentanten der ERR. Im Gespräch mit der taz sagt er, das Ziel der ERR sei nicht, am politischen Prozess teilzunehmen, sondern flexible finanzielle Hilfen von internationalen Geldgebern für ihre Arbeit vor Ort zu erhalten. Mehrere Staaten haben bereits Zahlungen in Millionenhöhe zugesagt.

Zum angestrebten politischen Prozess möchte Mergany sich nicht äußern. Wichtig sei natürlich, Frieden zu schaffen. Doch wie das geschehe, das sei nicht Aufgabe der ERR. Seit Kriegsbeginn stehen sie in ganz Sudan unter Beschuss. RSF und SAF beschuldigen ihre Mitglieder beide, mit der jeweils anderen Seite zu kooperieren. In der Folge werden sie für ihre humanitäre Arbeit immer wieder verfolgt, verhaftet und sogar getötet. Rund 100 Todesopfer hätten die ERR inzwischen zu beklagen, heißt es auf der Konferenz.

Ein sudanesischer Aktivist, der ungenannt bleiben möchte, sagt der taz im Gespräch: „Die Menschen, die wirklich die Arbeit vor Ort leisten, die wirklich in der lokalen Bevölkerung verwurzelt sind, werden nie an einer solchen Konferenz teilnehmen.“ Denn sie würden weder von RSF noch von SAF überhaupt einen Pass ausgestellt bekommen, der es ihnen ermöglichen würde, nach Berlin zu reisen.

Der drohende Erfolg der AfD bei den kommenden Landtagswahlen zeigt, wie stark rechtsextreme Kräfte inzwischen geworden sind. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen

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