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Stück über Kumpanei von Vanessa SternMit Wolfram Weimer

In ihrem Stück „Die einen Schatten haben – Anleitung zur Kumpanei“ geht Regisseurin Vanessa Stern im TD Berlin Verflechtungen zwischen Wirtschaft und Politik nach.

Sitzt man beim „Planessa-Stern-Gipfel“, dem neuen Stück von Vanessa Stern, in der ersten Reihe, dann streckt sich einem die Entscheider-Pranke entgegen zum Gruß. Auf der Bühne wechseln ein Koffer und ein Müllsack mit je 80.000 Euro die Besitzerin. Am einsamen Stehtisch wirft ein Entscheider mit Wortblasen um sich, die mit „Innovation“ beginnen oder enden. Stephanie Petrowitz’ Körpersprache erzeugt einen starken Déjà-vu-Effekt, kopiert sie doch passgenau die antrainierten Bewegungsmuster derer, die sich zu den Entscheidungsträgern zählen.

„Die einen Schatten haben – Anleitung zur Kumpanei“ demaskiert gegenwärtige Verflechtungen zwischen Wirtschaft und Politik, die sich Staat und Gesellschaft für die eigenen Interessen nutzbar machen. Die meisten Querverweise gibt es zu Kulturstaatsminister Wolfram Weimer und dem Ludwig-Erhard-Gipfel der Weimer Media Group im bayerischen Gmund.

Mit Spaß am Spiel begeben sich Vanessa Stern und ihr Team im TD Berlin in die Niederungen eines solchen Entscheider-Gipfels. Vanessa Stern spielt Planessa Stern, die es als Kulturschaffende bis zur „Staatsregie“ geschafft hat. Auf ihrem Gipfel, dem „wahren safe space“, ist Gendern ein Fremdwort, Insiderhandel die Regel und Kegeln die einzig wahre Form von Socialising.

Plötzlich wirft Sterns Planessa ein Szenario in die Runde: „Wenn jemand heute Abend auf uns ne Bombe draufhauen würde, dann wäre Deuschland enthirnt.“ Planessa hat Vorsorge in CIA-Manier getroffen, um das Risiko zu minimieren: Es gibt drei parallele Gipfel, zwei sind fake. Was jetzt kommt, ist die innere Selbstbefragung der GipfelteilnehmerInnen, während weiter gekegelt wird: „Ich weiß, dass ich ein Entscheider bin, aber die? Sind das Entscheider? Es fühlt sich irgendwie komisch an zu netzwerken, wenn es doch sein könnte, dass man es mit einem Doppelgängertreffen zu tun hat.“

Dann wurde auch noch ein Kegel mit Abhörtechnik eingeschleust. Später stellt sich heraus, dass zwei der Kegel mit Uran gefüllt sind. Die dazu befragte KI rät, austretendes Uran mit Essig zu bekämpfen. Denn bei ihr ist Urin gleich Uran. Und dann kommt ans Licht, dass die Hälfte der Gipfel- beziehungsweise Theaterprojekt-Teilnehmenden als humanoide Roboter mit KI-deep-fake-Hologramm bei Temu bestellt wurden. Die Katastrophe nimmt ihren Lauf, bis alles in die Luft geht.

Verspielter, zugleich messerscharf analytischer Humor

Es ist ein absurd-witziger Abend, dessen immer neue Wendungen einen extrem gut unterhalten und gleichzeitig in den Bauch boxen, weil jede, auch die absurdeste Drehung, an die gegenwärtige politische Weltlage andockt. Aufrichtig ist, dass man sich mit der Folie, die man an EntscheiderInnen legt, auch selbst befragt. Eine dritte Ebene sind die drei Spielerinnen des inklusiven Theaters Thikwa. Immer wieder bringen sie Aspekte ihres Alltags ein, zum Beispiel, wie viele Jahre Jasmin Lutze ihr komplettes Werkstattgehalt sparen müsste, um die 80.000 Euro zusammenzuhaben, um an einem Entscheidergipfel teilzunehmen.

Es ist ein Bild für Götter, wenn sich die SpielerInnen als Ausrufezeichen, halb Hundedress, halb Business-Klamotte, in Reih und Glied formieren (Kostüme: Jelka Plate). Vanessa Stern stellt ihr Alleinstellungsmerkmal wieder unter Beweis. Wer sonst im deutschen Gegenwartstheater verfügt über diesen verspielten und zugleich messerscharf analytischen Humor?

Knapp hundert Plätze hat der TD Berlin. Verehrte 3-Sat-Redaktion, schleppe deine Kameras in diese Off-Bühne, die „Anleitung zur Kumpanei“ hat eine größere Reichweite verdient. Planessa Stern kommentiert: „Wenn wir Brains überleben, kommt eine neue Brainkultur. Braintopia.“ Besser wäre ein neues Stück von Vanessa Stern. Wenn der Hauptstadtkulturfonds sie wieder fördert.

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